Donnerstag, 20. November 2008, 16:20:13 Uhr, NZZ Online
Unverständnis für Couchepins Dialog mit einem Kritiker des Cern
Spe. Ein Gespenst geht um in der Schweiz – das Gespenst der Schwarzen Löcher. Glaubt man dem Biochemiker und Chaosforscher Otto Rössler von der Universität Tübingen, so wird unser aller Leben durch winzige, materiefressende Schwarze Löcher gefährdet, die am Large Hadron Collider (LHC) erzeugt werden könnten, wenn dieser Teilchenbeschleuniger in einigen Wochen am Europäischen Laboratorium für Teilchenphysik (Cern) in Genf in Betrieb gehen wird. Zwar hat das Cern erst vor wenigen Wochen eine Studie vorgestellt, in der wortreich dargelegt wird, warum von den Schwarzen Löchern (an deren Erzeugung man durchaus zweifeln darf) keine Gefahr ausgeht. Doch Rössler will anhand eigener Berechnungen eine Lücke in der Argumentation der Cern-Forscher entdeckt haben. Er fordert nun eine öffentliche Diskussion über seine Thesen, um – wie er sagt – widerlegt zu werden. Die Hartnäckigkeit, die Rössler und seine Mitstreiter dabei an den Tag legen, scheint sich bezahlt zu machen. Am Montag dieser Woche liess Bundespräsident Pascal Couchepin über seinen Pressesprecher ausrichten, Rössler demnächst zu einem persönlichen Gespräch empfangen zu wollen.
Dass der Bundespräsident ein offenes Ohr für latente Ängste in der Bevölkerung hat, mag man ihm hoch anrechnen. Allerdings sollte Couchepin bedenken, dass er der Angelegenheit damit eine Bedeutung verleiht, die sie möglicherweise nicht verdient. Rössler beklagt sich zwar, dass seine Einwände gegen die Experimente am Cern von der Wissenschaftsgemeinde totgeschwiegen würden. So ganz stimmt das aber nicht. Erst vor wenigen Wochen bekam Rössler die Gelegenheit, seine Bedenken bei einem Besuch am Cern darzulegen. Sein Gesprächspartner war der Cern-Physiker Rolf Landua. Über das mehrstündige Gespräch äussert sich Rössler wohlwollend. Im gleichen Atemzug erhebt er allerdings schwere Vorwürfe gegen das Cern. Landua habe ihm zugesagt, ein Treffen mit theoretischen Physikern zu organisieren, um seine Berechnungen im Detail zu erörtern. Die Leitung des Cern habe dies aber unterbunden. Dem widerspricht Landua. Er habe Rössler lediglich zugesagt, seine bisher unveröffentlichten Berechnungen einem Experten zur Ansicht vorzulegen. Das habe er auch getan.
Die Berechnungen Rösslers zu den Schwarzen Löchern fussen auf der allgemeinen Relativitätstheorie Albert Einsteins. Dabei handelt es sich um eine Theorie, die man getrost als kompliziert bezeichnen darf. Landua wandte sich daher an einen weltweit anerkannten Experten auf diesem Gebiet, den Direktor des Max-Planck-Instituts für Gravitationsphysik, Hermann Nicolai. Dessen Urteil fällt niederschmetternd aus. Nicolai wirft Rössler vor, bekannte Formeln der allgemeinen Relativitätstheorie falsch zu interpretieren. Er beziehe sich dabei zum Teil auf eine Theorie, die bereits seit 1915 als widerlegt gelten dürfe, weil sie zu Vorhersagen geführt habe, die sich experimentell nicht bestätigen liessen.
Nicolai sagt, er habe das Papier Rösslers auch mit Kollegen an seinem Institut diskutiert. Einhellig seien alle der Auffassung gewesen, dass es keine Chance habe, in einer seriösen Zeitschrift zur Publikation akzeptiert zu werden. Dass Bundespräsident Couchepin Rössler jetzt seine Aufmerksamkeit gewähren will, hält Nicolai daher für ein absurdes Theater. Etwas zurückhaltender äussert sich Landua. Er habe zunächst einmal Verständnis dafür, dass sich ein Politiker offen zeige. Zugleich befürchte er aber, dass die Bevölkerung durch die Publicity grundlos verunsichert werde.
Cern:
Der Wirbel um die Schwarzen Löcher
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