Donnerstag, 20. November 2008, 17:12:03 Uhr, NZZ Online
Mr. London, 30. März
Die vor kurzem pompös in Gegenwart der Königin gefeierte Einweihung der Abfertigungshalle 5 des Flughafens von Heathrow ist zu einem Albtraum geworden. British Airways (BA) musste am Sonntag warnend darauf hinweisen, dass die Abfertigung noch mehrere Tage erschwert sein werde. Zur Eröffnung am Donnerstag strandeten trotz einer Frühwarnung bereits Hunderte von Passagieren im neuen futuristischen Terminal, der von British Airways als neue «Erlebniswelt» gepriesen worden war. Flüge waren annulliert worden, weil die Gepäckabfertigung nicht funktioniert hatte. Am Sonntag wurden 37 Flüge abgesagt, am Montag sollen es über 50 sein. Insgesamt fällt ein Fünftel der Abflüge dem neuen Chaos zum Opfer.
Frustrierte Passagiere flogen nur mit Handgepäck weiter oder kehrten nach Hause zurück und liessen insgesamt 20 000 Gepäckstücke zurück, die erst noch nachgeliefert werden müssen. Der mit 68 Millionen Reisenden im Jahr grösste Flughafen Grossbritanniens und einer der grössten weltweit litt schon bisher mit seiner improvisierten Baracken-Architektur unter chronischem Chaos, Überfüllung und verlorenen Koffern.
Der Terminal 5, ein durch bürokratische Planung jahrelang verzögertes Prestigeprojekt und «grösster geschlossener Raum in Grossbritannien» ist exklusiv für British Airways reserviert und sollte hier Abhilfe schaffen. Aber trotz der langen Vorbereitungszeit fanden Gepäckträger und Passagiere wegen unverständlicher Wegweiser ihren Park- und Arbeitsplatz nicht, und die Schalter waren zunächst geschlossen. Die Auskunft für die Passagiere war einmal mehr wegen Inkompetenz bei Vorgesetzten und Personal rudimentär bis beleidigend. Die Abfertigungsschalter und Computer wurden geschlossen, und ankommende Reisende mussten zum Teil über zwei Stunden auf ihr Gepäck warten.
Als der Rückstau auf den 18 Kilometer langen Förderbändern einmal da war, konnte er nur noch schlimmer werden. Noch ist unklar, wieweit British Airways oder die inzwischen in spanischem Besitz befindliche Flughafengesellschaft BAA Schuld an einem offensichtlichen Ungenügen beim Training des Personals und bei der technischen Absicherung tragen. Da Heathrow aber schon bisher den schlechtesten Ruf unter britischen Flughäfen hatte, stellen sich bereits grundsätzliche Fragen über das seit langem umstrittene Monopol der BAA für die Londoner Flughäfen, die Zusammenarbeit mit BA und jenen britischen Anspruch, wonach man federführend in globalisierten Dienstleistungen bleiben will. Es ist – Stichwort Informatikskandale – nicht das erste Mal, dass Grossbritannien als Bananen-Monarchie bezeichnet wird.
Der Schaden für die bereits tiefer bewerteten Aktien und den Ruf von BA ist noch nicht absehbar. Das Projekt einer dritten Landepiste anstelle eines neuen Flughafens in der Themse-Mündung dürfte jetzt auf noch mehr Widerstand stossen. Umso bemerkenswerter ist der Mut von Air France, nun auch den an der westlichen Stadtgrenze von London gelegenen Flughafen Heathrow unter dem neuen Open-Sky-Abkommen für Nordatlantikflüge zu nützen.
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