Dienstag, 06. Januar 2009, 20:14:09 Uhr, NZZ Online
Lohn-Preis-Spirale als Argument gegen vollen Teuerungsausgleich
chs. Der Rekordstand der Inflation in der Schweiz von 3,1% im Juni und die Lohnforderungen der Gewerkschaften von bis zu 5% heizen die Diskussion um die Lohn-Preis-Spirale weiter an. Die Nationalbank warnte Anfang Juli bereits davor, dass sich die Löhne und Preise in diesem Herbst gegenseitig hochschaukeln könnten. Firmenchefs werden dieses Argument dankbar übernehmen, wenn die Lohnforderungen der Arbeitnehmer auf den Tisch kommen.
Die Nationalbank mahnte die Gewerkschaften zur Zurückhaltung bei ihren Lohnforderungen und stiess auch beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse auf offene Ohren. Die gestiegenen Preise für viele Alltagsgüter und Lebensmittel blieben nicht in den Kassen der Unternehmen; die Erhöhung werde vielmehr von den hohen Roh- und Treibstoffkosten wieder aufgezehrt, argumentieren die Arbeitgeber.
Als «Mär» bezeichnet dagegen der Dachverband der Gewerkschaften, Travail Suisse, die Lohn-Preis-Spirale. Die hohen Gewinnmargen der Unternehmen liessen die geforderten Lohnerhöhungen von nominal bis zu 5% zu, ohne dass die Spirale in Gang komme.
Das Schweizer Bruttoinlandprodukt (BIP) als Gradmesser für die wirtschaftliche Leistung habe zwischen 2004 und 2007 um ganze 11,6% zugelegt. Die Reallöhne dagegen seien nur minim um 0,9% angestiegen. Das gebe Spielraum für substanzielle Lohnerhöhungen. Geschmälert würden dadurch nur die ohnehin hohen Gewinnmargen, Preiserhöhungen seien nicht zwingend.
Experten sind sich uneinig, ob und wie sehr sich steigende Löhne in der gegenwärtig ökonomisch heiklen Situation auf die Wirtschaft auswirken werden. Hohe Löhne schadeten der Beschäftigung und bremsten das Wirtschaftswachstum erst recht, finden die einen. Andere verweisen auf Länder wie Schweden, Dänemark oder Irland, in denen sich die Reallöhne etwa im Gleichschritt mit der Produktivität entwickelten. Davon habe in diesen Ländern auch die Beschäftigung profitiert.
UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff hält Lohnerhöhungen wegen der stark gestiegenen Teuerung für vertretbar. Falls keine überrissenen Forderungen gestellt würden, sei aus ökonomischer Sicht nichts gegen Anpassungen einzuwenden, sagte er der «Sonntags-Zeitung». Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale stuft er als «eher gering» ein. Die «historisch hohen» Unternehmensgewinne seien Munition für die Gewerkschaften.
Anders beurteilt der Chef der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich die Situation. Jan-Egbert Sturm rät davon ab, dieses Jahr die Teuerung voll und vor allem als Automatismus auszugleichen. Die Löhne generell anzuheben, sei falsch. Die Last der Teuerung müsse ehrlich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aufgeteilt werden, sagte er kürzlich. Wenn die Löhne stärker stiegen als der gesamte Zuwachs der Wertschöpfung, dann müssten die Produzenten unweigerlich ihre Preise erhöhen und setzten damit die Lohn-Preis-Spirale in Gang.
Löhne:
Gewerkschaften wollen deutlich mehr
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