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  • 19. August 2008, Neue Zürcher Zeitung
    Herausgegriffen

    Die USA in der Rezession – oder doch nicht?

    Die USA in der Rezession – oder doch nicht?

    Deutliche Antwort von US-Ökonomen

    Der Hausbau in den USA hat stark unter der Hypothekenkrise gelitten. Der Hausbau in den USA hat stark unter der Hypothekenkrise gelitten. (Bild: Reuters)
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    wm. Washington, 18. August

    Steckt die US-Wirtschaft gegenwärtig in einer Rezession? – diese Frage stellte das «Wall Street Journal» 53 Ökonomen. Die Antwort fiel mit 53% Ja und 47% Nein nicht sehr deutlich aus. Der Mann (oder die Frau) von der Strasse fällt da ein klareres Urteil. Gemäss der Umfrage der University of Michigan, welche die Konsumentenstimmung misst, glauben 9 von 10 befragten Amerikanern das Land in einer Rezession. Die Wirtschaftsdaten widersprechen dem Empfinden des Durchschnittsbürgers – oder etwa doch nicht? * Dass sich die Ökonomenzunft nicht einig ist, kommt durchaus vor. In der Frage, ob es sich um eine Rezession handelt oder nicht, könnte die unterschiedliche Beurteilung damit zusammenhängen, dass verschiedene Massstäbe angelegt werden. Der eine stützt sich auf die herkömmlich-populäre Definition, wonach es zwei Quartale mit rückläufigem Bruttoinlandprodukt (BIP) braucht, damit man von einer Rezession reden kann. Das ist vielen Wirtschaftswissenschaftern aber ein zu grobes Instrument; sie wollen es genauer wissen. Daher gibt es in den USA eine Organisation, das National Bureau of Economic Research (NBER), das sich (unter anderem) mit dieser Frage befasst und als Schiedsrichter darüber gilt, ob die amerikanische Wirtschaft in einer Rezession steckt. Das NBER definiert eine solche – und das ist der andere Massstab – als «einen signifikanten Rückgang der wirtschaftlichen Aktivitäten, der die ganze Wirtschaft betrifft, mehr als ein paar Monate dauert und normalerweise am BIP, am Realeinkommen, an der Beschäftigung, an der Industrieproduktion und am Gross- und Detailhandel ablesbar ist». Der Nachteil dieser Formel ist jedoch, dass der Befund meist erst ein paar Monate nach dem Ereignis vorliegt. Oft befindet sich die Wirtschaft dann bereits wieder in einer Erholungsphase, und nur noch wenige interessieren sich dafür, ob nun eine Rezession durchlaufen wurde oder nicht. * Was sagen nun aber die Daten? Sie zeigen in unterschiedliche Richtungen. Nach dem derzeitigen Stand ist das BIP im vierten Quartal 2007 leicht gesunken, hat sich aber im ersten Vierteljahr wieder auf 0,9% und im zweiten Quartal gar auf 1,9% erholt. Die meisten Auguren gehen davon aus, dass zur letzten Zahl noch eine namhafte Revision nach oben erfolgen wird. Von Rezession – zumal gemessen am ersten Massstab – also keine Spur, möchte man meinen. * Doch andere Indikatoren sehen keineswegs so gut aus. Das Realeinkommen ist seit einigen Monaten klar rückläufig und liegt mittlerweile um gut 3% unter dem Vorjahresstand. Allerdings ist dafür nicht ein Rückgang des Nominalverdienstes verantwortlich, sondern der starke Preisanstieg. Und dieser wiederum hat primär mit weltweiten Knappheiten bei Energie und Lebensmitteln zu tun und wenig mit der amerikanischen Konjunktur. Klar negativ ist dagegen die Lage am Arbeitsmarkt. Seit Dezember gehen in Amerika Stellen im Privatsektor verloren. Die Zahl der Arbeitslosen ist seit November um 1,6 Mio. auf 8,8 Mio. gestiegen, die Arbeitslosenquote hat von 4,7% auf 5,7% zugenommen. Dass dies von vielen als rezessiv empfunden wird, kann leicht nachvollzogen werden. * Wie man sieht, können beide Lager der Ökonomen gute Gründe für ihre Ansicht vorbringen. Was haben aber diese Wirtschaftsexperten zur Zukunft der US-Wirtschaft zu sagen? Die Wahrscheinlichkeit, dass es in den nächsten zwölf Monaten zu einer Rezession kommen wird, wird auf 63% veranschlagt. Immerhin fünf der Auguren sind sich dessen völlig sicher, während niemand es gewagt hat, eine Rezession auszuschliessen. Vor allem für das letzte Quartal 2008 und das erste Vierteljahr 2009 wird eine Schwächephase mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit prognostiziert. Gleichwohl erwartet man im Durchschnitt auch in dieser Periode ein positives Wachstum. Im gegenwärtigen Umfeld scheint jedoch der reale Zuwachs des BIP nur ein unzuverlässiger Indikator dafür zu sein, ob nun Rezession herrscht oder nicht. Letztlich ist dies eine Frage, welche Akademiker und Medien stärker umtreibt als den Durchschnittsbürger. Wenn dieser mit seinem Verdienst weniger kaufen kann, wenn der Arbeitsmarkt keine neuen Stellen mehr anbietet, wenn sein Haus weniger und weniger wert ist und wenn er liest, dass der Umsatz der Autobranche gegenüber dem Vorjahr um 10% gefallen ist, so weiss er, dass die Zeiten nicht gut sind, ob man dies nun Rezession nennt oder nicht.

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