Mittwoch, 07. Januar 2009, 04:10:49 Uhr, NZZ Online
set. Obschon die Schweizerinnen und Schweizer generell als umweltbewusst gelten, kaufen sie im europäischen Vergleich überdurchschnittlich viele hubraumstarke und spritschluckende Autos. Diese Entwicklung kritisierte der Verkehrsclub der Schweiz vergangene Woche einmal mehr anlässlich der Präsentation seiner Auto-Umweltliste 2008. Den Trend zu hochmotorisierten Fahrzeugen konnte auch der nunmehr seit 25 Jahren erscheinende Leitfaden für den ökologisch bewussten Autokauf nicht ändern. Offensichtlich überwiegen beim Entscheid für ein Modell Faktoren wie Fahrspass, Image und Komfort. VCS-Zentralpräsidentin Franziska Teuscher gibt sich gleichwohl optimistisch, dass sich die Diskrepanz bezüglich Bewusstsein und Handeln mit der wachsenden Problematik des Klimawandels verringern wird. Als Pessimist in dieser Frage meldete sich der vom VCS als Referent geladene Daniel Goeudevert, der viele Jahre als Manager in der Autoindustrie tätig war, unter anderem als stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei VW. Der Kundschaft sei der Besitz wichtiger als der Nutzen des Fahrzeugs, dessen Leistung für die heutigen Voraussetzungen im Strassenverkehr oft überdimensioniert sei. Er kritisiert aber auch die Modell-Politik der Hersteller und lässt das Argument nicht gelten, die Kunden verlangten grosse und leistungsstarke Autos. Die Autofirmen würden mit ihren Modellen die Erwartungen der Kunden ja erst wecken.
Da die Hersteller aber in erster Linie ihren Aktionären verpflichtet und somit am Verkauf von grossen und teuren Fahrzeugen interessiert seien, erwartet er ohne äusseren Druck keinen Richtungswechsel. Als mögliche Auslöser sieht Goeudevert weitere Auflagen des Gesetzgebers, eine Katastrophe oder im besten Fall ein erwachender Wettbewerb, welcher die Hersteller zum Handeln zwinge. Er spricht damit auf Toyota und Honda an, die eine alternative Antriebstechnologie ohne gesetzlichen Druck forciert haben.
Es sind denn auch diese beiden japanischen Hersteller mit ihren zwei Hybridmodellen, welche wie schon im Vorjahr die Top Ten der Auto-Umweltliste 2008 anführen. Auf dem ersten Platz steht der Honda Civic 1.3i-DSI Hybrid, vor Toyota Prius 1.5 Hybrid. Neu unter die zehn Besten haben es erstmals zwei gasbetriebene Kleinfahrzeuge mit fast identischer Punktezahl geschafft: der Citroën C3 1.4i GNV an dritter und der Fiat Panda 1.2 an vierter Stelle. Zur guten Rangierung der Kleinwagen tragen laut VCS auch die Schweizer Erdgasversorger bei, die dem fossilen Erdgas einen Viertel Biogas beimischen, was die CO 2 -Bilanz verbessert. Erwähnenswert ist, dass es kein Dieselfahrzeug unter die Besten geschafft hat. Die Rangliste muss jedoch relativiert werden, denn die Top Ten widerspiegeln nicht die umweltfreundlichsten Autos: Zehn mit Biogas und Ethanol 85 angetriebene Modelle, darunter auch Vans und Autos der Mittelklasse, haben eine bessere Punktzahl erreicht. Der VCS führt sie aber in einer separaten Liste, weil der Kraftstoff noch nicht in der ganzen Schweiz verfügbar ist.
Die Auto-Umweltliste umfasst über 500 Personenfahrzeuge in acht Klassen. Bewertet werden die Fahrzeuge nach fünf Kriterien, welche die Luftschadstoffe, das CO 2 und Lärmemissionen betreffen. Keine Daten finden sich in der Liste bezüglich des bei der Produktion und der Auslieferung entstehenden CO 2 . Laut Kurt Egli, Projektleiter des Rankings, ist das auch künftig nicht vorgesehen, weil eine solche Erhebung nur schwer zu realisieren wäre. Der VCS will sich auf die Verbrauchswerte im Betrieb beschränken, bei dem rund 80 Prozent der Gesamtemissionen entstehen. Die Liste wird als Magazin verteilt und kann auch unter www.autoumweltliste.ch heruntergeladen werden. Mehr bietet jedoch die auf der Website angebotene interaktive Datenbank mit über 1300 Modellen, welche dank zahlreichen Selektionskriterien und einer grafischen Darstellung die Suche erleichtert.
Stolz verweist der Verkehrsclub auf die Entwicklung seiner Bewertungsliste, welche sich von der viel kritisierten Erstausgabe 1984 zum anerkannten Ratgeber gemausert hat, der auch von vielen Verwaltungen und Unternehmen für die Flottenevaluation genutzt wird. Der Vergleich zur diesjährigen Ausgabe illustriert auch eindrücklich die Entwicklung im Automobilbau im letzten Vierteljahrhundert. Sieger der ersten Liste war der Renault R5. Im Vergleich zu diesem Kleinwagen ohne Katalysator ist der Ausstoss von Abgasen laut Kurt Egli beim diesjährigen Sieger Civic Hybrid um den Faktor 50 tiefer, obschon dessen Motorenleistung doppelt so hoch ist. Diesem Entwicklungssprung stehen bescheidene Verbesserungen bezüglich des Ausstosses des Treibhausgases CO 2 gegenüber. Der Benzinverbrauch des hybriden Civic ist mit 4,6 l auf 100 km nur rund 40 Prozent tiefer als beim Oldtimer R5.
Leser-Kommentare: 0 Beiträge