Mittwoch, 07. Januar 2009, 04:31:18 Uhr, NZZ Online
Schweizer Tennis-Ass wird seinen Berufsalltag neu justieren
Doch was heisst hier «verlieren»? Federer hat eine globale Sportart während 235 Wochen beherrscht. Dies ist ein Effort, der im nächsten halben Jahrhundert kaum ein anderer Tennis-Professional wiederholen wird.
Federer, ein Gewinnertyp aus dem Effeff, spielerisch geschmeidig wie keiner und bisher in der Karriere mit formidablem Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, ringt in Übersee mit der Balance. In Toronto und Cincinnati erlitt er zwei überraschend frühe Niederlagen, und zwar nicht gegen Mitläufer, sondern gegen auf Hartbelag spielstarke Widersacher aus den Top 20. Zuletzt in Ohio unterlag der Schweizer dem Kroaten Karlovic, ohne seinen Aufschlag im Match je verloren zu haben. Die Entscheidung brachte das Tie-Break, das am Court stets ein wenig den Charakter eines Penaltyschiessens im Fussball hat. Solche Kurzentscheidungen hat Federer schon im Dutzend gewonnen.
Jetzt verliert er sie, weil bei ihm die Anzahl Gewinnschläge zurückgegangen, die Summe der Eigenfehler dafür angestiegen ist. Gelassenheit ist in diesem Fall auch eine Form des Selbstbewusstseins. Der zwölffache Grand-Slam-Gewinner betont immer wieder den Courant normal, die Herausforderung von morgen. Pech für Federer ist, dass die Vox populi Mühe bekundet, einen Dauergewinner plötzlich als «normalen» Berufsmann wahrzunehmen, der auch verliert.
Die Ergebnisse dieser Saison stehen im Zusammenhang mit dem verpatzten Saisonstart in Australien wegen Erkrankung. Zudem hat Federer etwa in Wimbledon auf einem Niveau gespielt, das ihm an der Church Road schon Titel eingetragen hat. Die enorme Steigerung in vielen Belangen von Rafael Nadal machte diesmal den Unterschied. Der gut betreute Spanier kennt seit Wochen eine Spitzenform, die er kaum über Dutzende Monate wird konservieren können.
Auch der Mallorquiner riskiert einmal ein Formtief, derzeit aber wirkt er fast unbezwingbar. Er gewann heuer alle vier wichtigen Endspiele gegen Federer, der seinerseits in dieser Saison, zwei Siege nach Walk overs ausgenommen, keinen einzigen Gegner aus den Top Ten bezwingen konnte.
Federers sportliches Treten an Ort bedeutet keine tiefe Krise, da der Techniker zweifellos das Niveau mitbringt, um neue Major-Titel zu erspielen. Der Mann, der am 8. August 27 Jahre jung wird, muss indes in der «Halbzeit» seiner Karriere damit rechnen, die Gegner im Ranking nie mehr um 1000 Punkte und mehr distanzieren zu können. Es dürften über kurz oder lang vielmehr andere Mitbewerber in den Kampf um Platz 1 eingreifen.
Das tägliche Dasein wird für Federer rauer nach dem Verlust der Aura des Unbesiegbaren. Allgemein ist festzuhalten, dass Tennis als Institution («the name of the game») schon immer stärker war als die grösste Persönlichkeit auf dem Court. Das gilt selbst im Fall von Federer. An diesem Sachverhalt würde auch olympisches Gold in China nichts ändern, denn die fünf Ringe haben im Turniertennis nicht den Wert eines Majors.
Federer wird seinen Berufsalltag so oder so neu justieren. Zu seinen Stärken zählte bisher die Fähigkeit, die richtigen Schlüsse zu ziehen und die richtigen Beschlüsse zu fassen, dem Prinzip des eigenen Herrn und Meisters im Haus ohne Pardon nachzuleben. Von dieser Losung muss er nicht zwingend abweichen, obschon in seinem Umfeld die Zahl der Charakterköpfe klein ist. Es hat seit je viele Mitläufer, aber eine ehrliche Haut zu wenig, die dem Patron mit starken Argumenten begegnet. Auffällig kurz war etwa die Halbwertszeit von Coachs in Federers Berufsalltag.
Und falls der Champion – eher früher als später – eine Familie gründet, dürfte dieser Schritt seine sportliche Haltbarkeit in der Tour nicht verlängern.
Jürg Vogel
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