Mittwoch, 07. Januar 2009, 08:24:29 Uhr, NZZ Online
Rafael Nadal löst den Schweizer nach 235 Wochen als Leader ab
Von Jürg Vogel
Der Spanier Rafael Nadal wird im August als 24. Tennisprofessional der Geschichte die Führung in der ATP-Weltrangliste übernehmen und den Schweizer Roger Federer ablösen. Diese Entscheidung fiel am Masters-Series-Turnier von Cincinnati (Ohio) mit der Halbfinalqualifikation des Iberers, für den sich am Samstag die Ausgangslage für seinen vorläufigen Karrierehöhepunkt wie folgt präsentierte:
• Wenn Nadal auf Hartbelag in Cincinnati das Turnier gewinnt, wird er am 4. August vom ATP-Computer als neue Weltnummer 1 ausgedruckt.
• Wenn Nadal in Cincinnati den Final verliert, wird er die Führung im Ranking am 11. August übernehmen.
• Falls Nadal in der Nacht zum Sonntag den Halbfinal in Cincinnati verliert, übernimmt er das Kommando in der Weltrangliste erst am 18. August.
In Übersee hat der Leader Roger Federer im «ewigen» Duell mit dem Herausforderer Nadal auf unbefriedigende Art und Weise klein beigeben müssen. Die Niederlage gegen den Franzosen Gilles Simon (in Toronto) und in Cincinnati gegen den Kroaten Ivo Karlovic raubten dem Schweizer die Chance, seine Regentschaft zu verlängern. Am 2. Februar 2004 (damals nach dem Australian Open) hatte Federer vom Amerikaner Andy Roddick die ATP-Führung übernommen. Seither regierte der Techniker während 235 Wochen ohne Unterbruch – ein erstklassiger Leistungsausweis ohne Parallele im professionellen Herrentennis.
Doch in den letzten Wochen und Monaten lief die Sanduhr im Circuit für den Kraftwürfel Nadal, der seit 158 Wochen nonstop im 2. Rang lauert – was auch eine Bestmarke ist. In der Vorwoche gewann der Spanier sein 12. Masters-Series-Turnier (Kanada Open). In Cincinnati kann damit die 13 zur Glückszahl für den Linkshänder werden, der seit dem 7. Mai in Rom gegen den Landsmann Juan-Carlos Ferrero kein Einzel mehr verloren hat und seit 32 Matches ungeschlagen ist. Nadal entthront Federer dank genau jener Qualität, die den Schweizer während mehr als vier Jahren ausgezeichnet hatte – der Konstanz.
In Übersee hantierten die Experten der ATP-Tour lange mit dem Rechenschieber, weil die Berechnung des Rankings nicht immer einfach ist. Die 19 besten Wertungen eines Berufsmannes bleiben stets während 52 Wochen im Computer. Wegen der Olympischen Spiele erfuhr der ATP-Kalender aber Umstellungen, was die Berechnung komplizierte und dazu führte, dass plötzlich zehn Masters-Series-Turniere der Stars berechnet wurden. Im Regelfall kommen die vier Majors, neun Masters Series und die fünf übrigen Wertungen (Best of the Rest) in den Computer. Die Ergebnisse am Masters Cup (WM) sind für die acht Teilnehmer so etwas wie der Zusatz-Jackpot.
Der Punkte-Vergleich zwischen Federer und Nadal illustriert, wie der Mallorquiner heuer zulegte, immer bessere Wertungen produzierte. Der Schweizer dagegen musste aus dem Vorjahr höhere Wertungen ersetzen, was heuer auch am US Open und am Masters-Cup in Schanghai der Fall sein wird. Federer riskiert also, auf Nadal noch mehr Terrain zu verlieren, gar in Reichweite des Dritten (Novak Djokovic) zu geraten. Spätestens ab Februar 2008 gilt die ATP-Arithmetik wieder als Verbündete des Schweizers, der dann tiefe Punktzahlen durch höhere ersetzen kann. Wenigstens theoretisch.
In den USA standen zuletzt alle Vorzeichen zugunsten Nadals. Selbst bei Punktgleichheit mit Federer wäre er als Nummer 1 geführt worden, da der Spanier an den Pflicht-Turnieren (Majors, Masters Series) mehr Punkte erobert hatte. An Olympia ist die Goldmedaille mit 400 ATP-Punkten dotiert, eine Wertung, welche die Könner in der Rubrik «Best of the Rest» abbuchen. Hier hat Federer stille Reserven (Nuller in Dubai). In den nächsten Monaten will er neben Basel, wo er Titelhalter ist, an kleineren Events wie Stockholm antreten. Ohne Verletzung und krasse Formbaisse wird Nadal dieses Jahr im 1. Rang beenden, notabene als dritter Spanier nach Carlos Moya 1999 und Juan Carlos Ferrero 2003.
ATP-Masters-Series-Turnier (2,615 Mio. Dollar/Hart). Einzel, Viertelfinals: Rafael Nadal (Sp/2) s. Nicolas Lapentti (Ecu) 7:6 (7:3), 6:1. Novak Djokovic (Ser/3) s. Ernst Gulbis (Lett) 6:3, 6:4. Ivo Karlovic (Kro/16) s. Philipp Kohlschreiber (De) 7:6 (8:6), 7:6 (7:5). - Halbfinals: Karlovic (16) - Murray (8); Djokovic (3) - Nadal (2).
Federer:
Tägliches Dasein wird rauer
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