Mittwoch, 07. Januar 2009, 13:17:34 Uhr, NZZ Online
cag. Am Ende drehte sich die Tour im Kreis. 9 Runden à 6,5 Kilometer auf den Pariser Champs-Elysées, zum Arc de Triomphe und zurück – Zeit zur Vorbereitung des letzten Sprints dieser Tour, Zeit zum Spazierenfahren der Siegertrikots, Zeit zum Nachdenken über die Entscheidung im Zeitfahren vom Samstag, und überhaupt: Zeit zum Besinnen. Wie geht es der Tour 2008, was sagt der Sieger über die Tour 2008 aus? Drehen sich die Gedanken wie die Tour im Kreis – oder fällt Besinnen leichter, wenn man die Möglichkeit hat, zum Start zurückzukehren, neunmal insgesamt?
Zehn Jahre sind seit dem Festina-Skandal vergangen, dem wohl spürbarsten Einschnitt in der Geschichte von Tour und Radsport. Neun Jahre vergingen, in denen Tour und Radsport immer wieder von Skandalen überrollt wurden, neunmal gingen Tour und Radsport zurück zum Start. Ist das zehnte Jahr anders? Es hat erneut Dopingfälle gegeben – der neueste und vierte: Der Kasache Dimitri Fofonow wurde positiv auf das die Durchblutung fördernde Stimulans Heptaminol getestet. Man kann das als Etappensieg werten. Es hat erneut Verdächtigungen gegeben – die neueste: Der Tour-Sieger Carlos Sastre soll bis 2006 mit Pedro Celaya zusammengearbeitet haben. Celaya war bis 1998 Teamarzt bei Once (wo Sastre von 1998 bis 2001 fuhr) und ab 1999 bei US Postal, dem Team Lance Armstrongs. Celaya arbeitete dort mit dem auch umstrittenen Preparatore Michele Ferrari.
Was ist anders? 2007 siegte Daniele Bennati auf den Champs-Elysées, heuer der Belgier Gert Steegmans. Was noch? Alle Trikots für Gesamt- und Spezialwertungen sind neuen Trägern überreicht worden. Die Titelhalter durften wegen einer schlecht beleumundeten Equipe (Alberto Contador: Sieger, bester Nachwuchsfahrer) bzw. einer Koks-Affäre (Tom Boonen: bester Sprinter) nicht starten – oder gaben verletzt auf (Juan-Mauricio Soler: bester Kletterer). Das Maillot jaune für den Sieg erhielt Sastre, 33-jährig, als dritter Spanier in Serie nach Oscar Pereiro und Contador; das Maillot blanc für den besten Nachwuchsfahrer erhielt Andy Schleck, 23-jährig, Luxemburger; das Maillot vert für den besten Sprinter erhielt Oscar Freire, 32-jährig, Spanier; das Maillot à point für den besten Kletterer erhielt Bernhard Kohl, 26-jährig, Österreicher.
Was ist anders? Der Sieger ist ein neuer – aber wieder wurde Cadel Evans, 31-jährig, Australier, Zweiter. Voriges Jahr unterlag er Contador um 23 Sekunden, heuer unterlag er Sastre um 65 Sekunden. Beide Male hatte Evans, der Spezialist, im Zeitfahren am letzten Samstag die Gelegenheit, auf Platz 1 vorzurücken. Beide Male schaffte er es nicht. Contador ist ein guter Zeitfahrer, 2008 ist der Unterschied: Sastre gilt eher als nicht so guter Zeitfahrer. Warum hat es Evans ausgerechnet am wichtigsten Tag nicht geschafft, die jahrelang betriebene Akribie mit dem Tour-Sieg zu belohnen?
Eine Erklärung gründet in den unterschiedlichen Teams. Sastre konnte drei Wochen lang auf die Hilfe des Teams CSC zählen, das alles und jeden erdrückte. Er war von Beginn weg als Leader vorgesehen, mit Fränk Schleck wäre auch ein anderer dafür in Frage gekommen. Als Schleck im Maillot jaune durch die Alpen fuhr und Evans auf ihn achtete – griff Sastre an. Auf der Fahrt nach L'Alpe-d'Huez machte er am Mittwoch jenen Vorsprung gut, der es ihm im Zeitfahren vom Samstag erlaubt hätte, auch mehr als 29 Sekunden zu verlieren. Evans, unterstützt vom noch nicht so lange auf dreiwöchige Rundfahrten eingestellten Lotto-Team, fehlte in den Bergen bald jeder Begleiter. Er sagt: «Vielleicht hätte ich in den Pyrenäen etwas weniger verloren, wenn ein Kollege bei mir gewesen wäre – doch das hätte mir jetzt auch nichts gebracht.» Vielleicht wäre er mit demselben Rückstand ins Zeitfahren gegangen, aber hätte auf dem Weg dahin etwas weniger Kräfte verpufft gehabt? «Ja», sagt Evans, «das ist möglich. Ich musste viel alleine machen.»
Ist das alles? Evans sagte, er habe sich in der letzten Tour-Woche besser gefühlt als 2007, «aber vielleicht haben ein paar kleine Details nicht gestimmt». Sastre sagte, er sei das Zeitfahren seines Lebens gefahren. Er hat dafür fürwahr den besten Zeitpunkt in der zehnjährigen Karriere erwischt. Erst 2006 durfte er sich als echter Leader an einer Tour versuchen, Ivan Basso war unter Dopingverdacht geraten. Sastre wurde Dritter, das spricht wohl für ihn. Zuvor war er immer Helfer gewesen, seit er 2001 erstmals an der Tour teilgenommen hatte. Dass er sich trotzdem dreimal in den Top 10 klassierte, spricht wohl auch für ihn.
Ist für Sastres Entwicklung im Zeitfahren der Teamchef Bjarne Riis verantwortlich, der Fabian Cancellara (am Samstag Zweiter hinter Stefan Schumacher) zum Zeitfahren-Weltmeister machte? Seit 2006 wurde Sastre im Schluss-Zeitfahren der Tour im Vergleich zur Siegerzeit um gut zwei Minuten schneller. «Meine Beine fühlten sich bereits beim Aufwärmen gut an», sagte Sastre. «Ihm haben wohl die Beine gefehlt», sagte Marc Sergeant, der sportliche Leiter im Team Evans'. Ist die Erklärung so einfach im Jahr 2008?
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