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  • 27. Juli 2008, NZZ am Sonntag

    Ein Gesicht, in das man nicht blicken will

    Ein Gesicht, in das man nicht blicken will

    Die Tour 2008 und was sie uns über Doping und seine Logik lehren kann

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    Von Michael Gamper

    Die Tour de France 2008 sollte eine Tour der Erneuerung sein. Es sollte demonstriert werden, dass man sich im Kampf gegen Doping auf der Siegerstrasse befinde, und man wollte einen Gewinner, der ohne Dopingvergangenheit ist. Cadel Evans war dazu ausersehen, das Gesicht des neuen Radsports zu sein. Was aber hat die Tour 2008 nun wirklich gebracht? Und wo steht der Radsport nun, Ende Juli 2008?

    Die Tour 2008 hat mehrdeutige Zeichen gesetzt. Zwar wurden (bisher) drei Fahrer des Dopings überführt, doch konnte weitgehend glaubhaft gemacht werden, dass man nun in der Lage sei, die Schuldigen aus dem Peloton zu entfernen. Es wurden kaum Forderungen laut, das Rennen sei abzubrechen, keine Fernsehstation beendete die Übertragung.

    In der Tat deutet vieles darauf hin, dass die in der Geschichte des Weltsports beispiellosen Anstrengungen des Radsports, den Gebrauch verbotener leistungssteigernder Mittel und Praktiken effizient einzudämmen, auch beispiellose Erfolge gezeitigt haben. Kontinuierliche Kontrollen erlauben die Erstellung einer Reihe von vergleichbaren Datenmengen, die Abweichungen augenfällig machen und es erlauben, einen Kreis von Verdächtigen genauer und gezielter zu überwachen und zu überführen. Die Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie macht es möglich, früher als von den Fahrern erwartet zu Testverfahren auf neue Produkte zu kommen. Riccardo Ricco wurde eine Kombination dieser beiden Methoden zum Verhängnis. Noch vor drei Jahren wäre Ricco der gefeierte Star der Tour gewesen, nun ist er der Prügelknabe des Metiers.

    Trotz diesen Fortschritten ist aber daran zu erinnern, dass Doping nicht nur chemischen Gesetzen, sondern auch sozialen Normen unterliegt. Und da besagt die auf Erfahrung beruhende Logik des professionellen Sports, dass in jeder Sportart die Höhe der finanziellen Gewinnmöglichkeiten multipliziert mit der Höhe des Bedarfs an Ausdauer- und Kraftleistung das Mass für Doping-Anreiz bestimmt. Inwiefern sich der Anreiz realisiert, hängt dann noch vom historischen Verlauf der Sportart ab, der bestimmt, inwiefern sich ein Wissen über Manipulationspraktiken und ein entsprechender Habitus entwickeln konnten. Unvermeidlich wird Doping aber in populären und professionellen Kraft- und Ausdauersportarten in jedem Fall sein – und zwar nicht als Ausnahme und Defekt, sondern als logische Konsequenz und Normalfall. Es ist zu erwarten, dass eine Überwachungspraxis, wie sie im Radsport installiert wurde, in anderen Sportarten markante Ergebnisse zeitigen würde.

    Doping funktioniert heute im Radsport anders als vor zehn oder vor fünf Jahren. Die Dosen sind kleiner, der Einsatz und Transport der Mittel vorsichtiger, und die Substanzen sind obskurer. Doch es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Besten deswegen das Konzept des Dopings aufgegeben hätten. Aus Gründen der Leistungssport-Logik ist gar zu erwarten, dass Doping aus dem Radsport nicht auszutreiben sein wird, auch wenn es gelänge, die Kulturen illegaler Leistungssteigerung und die Seilschaften der Manipulation zu beseitigen. Es sind die Gesetzlichkeiten des Profisports selbst, die das «höher, schneller, weiter» verabsolutiert haben. Doping ist deshalb nicht die Geissel, sondern der Affe des Sports, der ihn nachahmt und ihm im Spiegel seine hässliche Fratze vorhält.

    Weil dieser unvermeidliche Konnex jedoch nicht akzeptiert wird, gerät die Rede über den Radsport in teilweise absurde Konstellationen. So wird in der Tour 2008, in der kein Fahrer auch nur annähernd das Format eines (auch ungedopten) Ullrich, Basso oder Contador besitzt, das Mittelmass der Leistungen zum Indiz genommen, dass nun kein Doping mehr im Spiel sei. Und man vergisst, dass, wenn schlechte Athleten dopen, bestenfalls mittelmässige Leistungen herauskommen.

    Vergessen wird auch, dass weder Fairness noch (vermeintliche) Chancengleichheit, sondern Mut und Risiko den Radsport gross gemacht haben. Der spektakulärste Moment war der Antritt Riccos am Col d'Aspin. Evans hat kein einziges Mal angegriffen. Die Tour 2008 hat ein Gesicht bekommen, in das man nie hat blicken wollen.


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