Dienstag, 06. Januar 2009, 21:07:39 Uhr, NZZ Online
Christof Gertsch, Saint-Amand-Montrond
Es gibt Bilder von ihm, in menschenleeren Gegenden, irgendwo in Spanien. Carlos Sastre auf verlassenen Wegen, umgeben von kargen, steilen Wänden aus Sandstein, in der Ferne breitet sich der Horizont aus, am Rand steht ein Strassenschild. Es steht fast so einsam da wie Sastre, 33-jährig, auf dem Rad. Die Bilder, was sagen sie? Sastre, der Einzelgänger? Sastre, der Introvertierte, der Naturbursche? Von allem etwas?
Seit Samstag gibt es Bilder von ihm als Zwölfter des Tour-Zeitfahrens über 53 Kilometer von Cérilly nach Saint-Amand-Montrond, der Himmel ist bedeckt, die Kulisse gewöhnungsbedürftig – das Ziel wurde in einem Industrieviertel aufgebaut. Und vor allem gibt es Bilder, wie er auf dem mobilen Podium, vor einer aufblasbaren Kulisse, ins Maillot jaune schlüpft, zum vierten Mal hintereinander, nachdem er es sich am Mittwoch im Aufstieg nach L'Alpe-d'Huez geholt hatte. Er hatte damals Fränk Schleck abgelöst, den Kollegen jenes Teams, das die Tour drei Wochen lang dominiert hat, im Flachen, in den Bergen, überall. Am Sonntag in Paris wird es aller Voraussicht nach Bilder geben, wie Sastre auf den Champs-Elysées nach der 21. und letzten Etappe zum Sieger der 95. Tour de France ausgerufen wird – 1:05 Minuten vor Cadel Evans, dem 31-jährigen Australier, der in fünf vergleichbar langen Zeitfahren seit 2006 nur einmal weniger als 1 Minute auf Sastre gutgemacht hatte. Nun waren es 29 Sekunden.
«Einige sind erstaunlich schnell gefahren. Ich erhielt Zeiten von anderen Fahrern und dachte: <Was läuft denn hier?>», sagte Evans. Im Frust der Niederlage? Was denkt er über die andern? 2006 verlor Sastre im letzten Tour-Zeitfahren 4:42 auf den Sieger, 2007 noch 3:24. Am Samstag kam er 2:34 hinter Stefan Schumacher und 2:13 hinter Fabian Cancellara an, dem zweitplacierten Schweizer aus Sastres Team.
Von Sastre sind viele Bilder in Umlauf. Die Homepage trägt dazu bei. Die Sammlung von Schnappschüssen und Videos ist endlos, länger ist nur die Sammlung von Zeitungs- und Internetartikeln. Allein vom letzten Donnerstag sind 96 Links aufgelistet. Irgendwer macht da sehr akribische Arbeit. Das passt zum Bild, das man von Sastre als Sportler hat: Er ging einen langen Weg, um jetzt Toursieger zu werden. Seit 1998 ist er Profi, erst bei Once, wo er hinzog, weil er bei Banesto keine Zukunft sah, seit 2002 bei CSC. Seit 2001 ist er immer an der Tour gestartet, hat er sie immer beendet. Wenn sich Eigenschaften malen liessen – das Bild von Sastre sähe ausdauernd, unentwegt, beharrlich aus.
Das Bild würde vermutlich dem von Evans ähneln. Ihm wird eine ebensolche Akribie nachgesagt wie Sastre, nur im entscheidenden Moment, dem Zeitfahren, hat es nicht gereicht. Evans galt schon vor der Tour als Favorit, erst recht aber vor dem Zeitfahren, da den Spezialisten nur 1:34 von Sastre trennten, dem Bergfahrer. Voriges Jahr war Evans Zweiter geworden hinter dem jetzigen Astana-Fahrer Alberto Contador und vor dem Astana-Fahrer Levi Leipheimer. Sastre wurde Vierter. Weil Astana heuer der Dopingvergangenheit wegen an der Tour nicht zugegen ist, kann es als Kontinuität bezeichnet werden, dass Evans und Sastre den Sieg unter sich ausmachten. Die Kontinuität – sie würde wohl auch zu einem Bild von Sastre gehören.
Was noch? Wie viel ist heute an Sastre, was früher um Sastre herum war? Wer Profi sein will, kommt in Spanien kaum um die zur EPO-Hochzeit und davor erfolgreichen Teamchefs José-Miguel Echavarri (Banesto) und Manolo Saiz (Once) herum. Hat Sastre die Vergangenheit abgelegt, indem er jetzt bei Bjarne Riis fährt, dem gedopten Tour-Sieger 1996, der sagt, er führe nun einen Kampf gegen Doping? Oder kommt Sastres Ruf das Gerücht ins Gehege, Riis habe noch 2005 Kontakte mit einem Doping-Arzt gehabt? Muss Sastre Vertrauen geschenkt werden, weil CSC von einem anerkannten Dopingexperten kontrolliert wird?
Das Bild von Sastre ist vage an dieser Stelle. Am Samstag hat er zu malen versucht. Über Saiz, den im Doping-Netz verstrickten Ex-Teamchef, sagte er: «Ich habe kaum Kontakt zu ihm. Wir haben eine unterschiedliche Sicht auf die Dinge, unsere Geleise sind anders verlaufen.» Sastre wirkt nicht gestresst, selbst Fragen zu Doping beantwortete er so gelöst, wie sie sich beantworten lassen. Sein Weg sei sauber, sagt er, er wisse, wie es sich anfühle, hart zu trainieren und zu leiden. Ein paar Tage zuvor hatte er gesagt, man solle mit jungen Dopingsündern nicht so hart ins Gericht gehen. «Als Junger macht man Fehler – man sollte die Chance erhalten, daraus zu lernen.» Ob er sich am Ende des Bildes erinnerte, das er von sich und von früher hat? Sastre, nach Pereiro und Contador der dritte spanische Toursieger in Folge, wirkt, als seien ihm Nachdenken und Dankbarkeit wichtig. Das Aussen- entspricht offenbar dem Selbstbild. Er sagt: «Ich bin ein ruhiger Mensch, ich bin einer, der sich Gedanken macht.»
Wir machen uns auch Gedanken – einfach weil Sastre am Sonntag wohl jenes Rennen gewinnen wird, das in der Vergangenheit nur von Verdächtigen, Überführten, Geständigen gewonnen wurde. Gibt es ein Bild von Sastre, von dem wir nichts wissen?
Bjarne Riis (1996): 2007 geständig, jahrelang gedopt zu haben; heute Teamchef – und neuen Vorwürfen ausgesetzt. Jan Ullrich (1997): 2002 wegen Pillenkonsums gesperrt, 2006 als Kunde des Blutdoping-Arztes Fuentes entlarvt; nicht geständig, aber zurückgetreten. Marco Pantani (1998): 1999 des EPO-Dopings überführt; gestorben 2004 – wohl an einer Überdosis Kokain. Lance Armstrong (1999–2005): Bekanntermassen betreut von Preparatore Ferrari, 2005 des EPO-Dopings im Jahr 1999 überführt – was ohne Konsequenzen blieb. Oscar Pereiro (2006): Seit 2008 Erbe des ursprünglichen Siegers Landis, der des Testosteron-Dopings überführt wurde und vor Gericht abblitzte. Alberto Contador (2007): War wohl ein Fuentes-Kunde, in diesem Jahr an der Tour nicht erwünscht. (cag./bsn.)
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