[Alt + 1] zur Startseite [Alt + 2] zum Seitenanfang [Alt + 3] zur allgemeinen Navigation [Alt + 4] zur Hauptnavigation [Alt + 5] zum Inhalt [Alt + 6] zu Tipps, Hinweise und Kurzinfos [Alt + 7] zur Suche [Alt + 8] zum Login von MyNZZ [Alt + 9] zur Fusszeile
.
  • 15. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Nachhilfe im neuen Denken

    Nachhilfe im neuen Denken

    Jürgen Klinsmann soll im FC Bayern München einen Bruch mit der Tradition herbeiführen

    Toolbox
    Druckansicht
    Für die Bundesligasaison wird der FC Bayern klar favorisiert. Dabei kommen die Münchner ohne spektakuläre Transfers aus. Der prominenteste Neuzugang sitzt auf der Bank: Jürgen Klinsmann.


    sos. Berlin, 14. August

    Ob alles gut wird? Jürgen Klinsmann kann es nicht versprechen. Jedenfalls soll alles besser werden, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Besser machen will er die Spieler im Tagesrhythmus, das hatte der neue Bayern-Coach immer wieder betont. Optimierungen in homöopathischen Dosen – Ambitionen, die vermutlich mit denen anderer Trainer deckungsgleich sind, überzeugten den FC Bayern, als Klinsmann im Winter den Vertrag unterschrieb. Er wollte keine Versprechungen auf Millionentransfers, nur Zeit, um seine Vorstellungen zu verwirklichen. Und Einfluss.

    Deshalb redete er eifrig mit bezüglich des neuen Trainingszentrums, dessen Dach von einer Armada von Buddhas bewacht wird, deren Aura sich segensreich auf die Verfassung der Spieler auswirken soll. Es ist die architektonische Manifestation bajuwarischen Erneuerungswillens. Klinsmann verkörpert ihn am Rande des Spielfeldes. Er soll den Bayern ein neues Denken verordnen. Der Anhang registrierte wenigstens die bauliche Massnahme angemessen: «Spitzenklasse dank der Dachterrasse.»

    Der Buddha im Manager

    Bayern probt den Rollenwechsel. Auch Manager Uli Hoeness ist dabei. Niemals hat er dementiert, dass er damals, als Klinsmann mit der Unnachgiebigkeit einer Granitplatte um einen Profivertrag verhandelte, vor lauter Wut gegen die Tür getreten habe. Noch immer geht die Legende, dass bei Wetterumschwung der betroffene Fuss furchtbar schmerze. Doch jetzt, da Klinsmann losgelegt hat, das Zentrum erbaut wurde und der Tonfall die Grenze zur Esoterik streift, präsentiert sich der Wüterich a. D. als Meister der Kontemplation. Er erweckt den Eindruck, als wolle er sich am liebsten gleich zu den Buddhas aufs Dach setzen; vermutlich würde es gar nicht weiter auffallen.

    Anzeige
    .
    .

    Jedem bescheidet Hoeness in einer Gemütsruhe, die langjährige Beobachter als irritierend empfinden, dass er ein gutes Gefühl habe, dass die Entscheidung die richtige sei. Nur manchmal fährt er aus der Haut, wenn er an einer Tankstelle aufgrund abermals gestiegener Benzinpreise erkennt, dass Energie-Magnaten (wie Roman Abramowitsch von Chelsea) das finanzielle Gefüge im Fussball sprengen, was Hoeness in der Bundesliga noch nicht gelungen ist. Auch dafür soll Klinsmann in einer Nebenrolle wirken: als Rächer des geschröpften Autofahrers.

    Ist das nicht alles ein bisschen viel für die nicht so kräftigen Schultern des ehemaligen Bundestrainers? Die Radikalität, mit der Klinsmann ohne Rücksicht auf diplomatische Fussnoten an der WM 2006 in Deutschland die Nationalmannschaft umkrempelte, mag ein Kriterium gewesen sein für die Bayern. Doch noch wichtiger schien Hoeness, dass der Buddha-Freund eine Art Exorzisten gibt, der jene Dämonen bannt, die Hoeness und Vorstandschef Rummenigge durch zu häufige Beschwörungsformeln fest ins Münchner Selbstverständnis implantiert haben.

    Die ewiggleiche Litanei mündete stets in der Essenz, dass Geld eben doch Tore schiesst, dass der grosse FC Bayern nicht Schritt halten kann mit den Spekulanten des Fussballs. Eine rhetorische Kehrtwende würde dem Duo niemand abnehmen. Also musste jemand Neues her, ein Motivationskünstler, der um keine Methode verlegen ist – Klinsmann.

    Doch Trainer werden an Ergebnissen gemessen. Der Gedanke, dass einer relativ optimistisch an einen Job geht, der im Altertum für Herakles bestimmt gewesen wäre, tauchte bereits am Sonntagabend in den Köpfen von Skeptikern auf, als das bayrische Ensemble im Cup gegen Jena tüchtig ins Wanken geriet (4:3). «Bessermacher oder Besserwisser?» fragte die Münchner «Abendzeitung», die der Runderneuerung aus sicherer Distanz zuschaut. Doch auch im letzten Jahr, als die Bayern unter Ottmar Hitzfeld die Konkurrenz dominierten, hatten sie gegen Burghausen einen harzigen Start hingelegt. Ja, der Match wurde erst dank den Interventionen des alternden Torwart-Titanen Kahn im Penalty-Shoot-out gewonnen.

    Neues gibt es gerade auf der Position des letzten Mannes – Michael Rensing hat den grossen Kahn beerbt, ein junger, hoch veranlagter Keeper, der sich selber vielleicht noch ein bisschen stärker einschätzt, als er es tatsächlich ist. Laute Zurechtweisungen der Vorderleute sind einstweilen nicht mehr Teil des Spiels; das Bild des tobsüchtigen Mannes, der den Münchnern einst die Champions League mit unfassbaren Paraden sicherte, gehört der Vergangenheit an. Vielleicht ist das schwierigste Manöver, das Hoeness je vollziehen musste, jenes, sich von dieser Vergangenheit, die er wie kein Zweiter mitgestaltete, zu lösen und mit Prinzipien zu brechen.

    Klinsmann steht für eine neue Variante. In der letzten Saison hatten sie kostspielige Transfers wie nie getätigt: mit Franck Ribéry und Luca Toni, mit Miroslav Klose und Marcell Jansen. Ein Kader, das gehobenen Ansprüchen gerecht wird, ist vorhanden, und die Begeisterung von Hoeness ist wohl auch dem Umstand zuzuschreiben, dass Klinsmann relativ preiswert die Wende herbeiführen könnte: Die Aufwendungen, die er für sich und sein Trainerteam beanspruchen dürfte, wären vermutlich mit einem Transfer der Kategorie Ribéry aufgewogen.

    Kroos – der neue Spielgestalter?

    Der kühle Rechner, der im Manager schlummert, sicherte dem Trainer dagegen ein rares Gut zu: Klinsmann erhält im Gegenzug für seine Genügsamkeit eine Unabhängigkeit, wie sie noch kein Bayern-Trainer vor ihm hatte. Einzig Tim Borowski verstärkt die Abteilung der Feldspieler. Er kommt ablösefrei von Bremen. Ausser ihm stiess bloss noch Torhüter Butt aus Leverkusen zu den Bayern; auch sein Wechsel war eine preiswerte Angelegenheit. Die oft vertretene Auffassung, den Münchnern fehle ein offensiver Aufbauer, will Klinsmann nicht teilen. Er meint, dieser Mann sei bereits im Kader.

    Und im ersten Spiel durfte er prompt zeigen, was in ihm steckt: Toni Kroos, ein 18-jähriger Bursche aus Rostock, gilt als grösstes Talent des deutschen Fussballs. Im Flügelspiel vertraut Klinsmann den bewährten Kräften; auch Lukas Podolski, der sich vor allem als deutscher Internationaler, nicht aber als Bayern-Professional einen klangvollen Namen machte, dürfte sein Vertrauen häufiger geniessen als das von Vorgänger Ottmar Hitzfeld. Kroos und Podolski trafen im Spiel in Jena. Vielleicht verkörpern ja die zwei jungen Deutschen dieses Experiment, in dem alles möglich scheint.


    .
    Leserkommentare ein- und ausblenden Leser-Kommentare: 0 Beiträge
    .
    Um selbst einen Leser-Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich hier anmelden. Bitte beachten Sie die für Leser-Kommentare geltenden Richtlinien und Copyright-Bestimmungen.