Dienstag, 06. Januar 2009, 08:25:25 Uhr, NZZ Online
bir. Genf, 19. August
Sieben Wochen nach seinem Arbeitsbeginn kann Ottmar Hitzfeld für ein paar Stunden jener Arbeit nachgehen, die für ihn bis zum letzten Sommer als Klubtrainer alltäglich war. Er darf Trainer sein und mit einer Equipe tatsächlich auf dem Rasen stehen. Einen Tag vor dem Test gegen Zypern liess der Schweizer Nationalcoach verlauten, dass er sich «sehr, sehr» auf die Premiere freue. Die Vorbereitung sei für ihn «komisch» gewesen, bekannte Hitzfeld, sieben Wochen sei es vorwiegend darum gegangen, Informationen zu sammeln. Für ihn galt: nur Recherche, kein Training. Hitzfeld, der Trainer mit (schierem) Weltruf, findet sich auf neuem Terrain wieder.
Allein in Genf hatte Hitzfeld bis am Dienstagmittag 12 Einzelgespräche, insgesamt habe er mit den Spielern in den letzten Wochen 20 bis 30 längere Kontakte unter vier Augen oder am Telefon gehabt, berichtete er. «Aber ist das mit den Gesprächen so wichtig?», fragte er zurück. Könnte sein, wenn man weiss, wie grossen Wert er darauf legt. Hitzfeld tastet sich in seiner neuen Rolle vor und redete in der ersten Phase alles und alle stark. Dazu gehören: die Euro der Schweizer, seinen Vorgänger Kuhn, Hakan Yakin, die neu Aufgebotenen Stocker, Abdi, Burki und Nef, den Gegner Zypern und die Qualifikationsgruppe der Schweizer für die WM 2010.
Am Dienstag liess Hitzfeld durchblicken, dass gegen Zypern «der eine oder andere» Nationalspieler sein Début erleben werde. «Ich will neue Spieler sehen, deshalb ist die Startformation in Genf nicht diejenige, die Anfang September in Israel um die ersten Punkte in der WM-Qualifikation spielen wird», liess sich der Coach in die Karten schauen. Fest steht zum Beispiel bereits, dass Eldin Jakupovic gegen Zypern und Diego Benaglio danach als «Nummer 1» in Israel im Tor stehen. Die Begründung zog keinen längeren Exkurs nach sich: «Benaglio kenne ich aus der Bundesliga.» Mit der Kommunikation dieser Gedanken entzog Hitzfeld möglichen Missverständnissen und Spekulationen am Mittwoch den Boden.
Vor dem ersten Länderspiel mit Hitzfeld wird der Zustand rund um das Nationalteam mit «freudiger Erwartung» skizziert. Selbst der Stürmer Blaise Nkufo spielte die Rolle des Diplomaten, redete kein schlechtes Wort über Köbi Kuhn, mit dem er sich nicht verstanden hatte, und liess sich nicht auf den Versuch ein, die zwei Trainer zu vergleichen. Er sagte nur: «Einige Trainer müssen sich Respekt erarbeiten, andere haben ihn automatisch.» Jedenfalls ist kein Schweizer Nationaltrainer vor Hitzfeld mit so viel Vorschusslorbeeren und so viel Ehrfurcht empfangen worden. Im noblen Genfer Hotel sprach ein Fernsehreporter den Neuling Almen Abdi auf die Wirkung «eines der weltbesten Trainer» an. Abdi entgegnete ungefähr: «Unglaublich, was er alles erreicht hat – wirklich unglaublich.» Nur den einen Faux-pas leistete sich der bewunderte Trainer an der Medienkonferenz. Er verwechselte Tottenham und West Ham, den neuen Klub Valon Behramis. Auch Hitzfeld ist nicht unfehlbar. Zum Glück.
Leser-Kommentare: 0 Beiträge