Mittwoch, 07. Januar 2009, 08:29:58 Uhr, NZZ Online
fcl. Genf, 18. August
Die Ambiance im Stade de Genève hat etwas Drückendes, die Decke im Presseraum hängt tief über den Köpfen. Ottmar Hitzfeld sitzt zwei Tage vor seiner Premiere als Schweizer Nationaltrainer vor den Journalisten. «Ich spüre eine leichte innere Anspannung», sagt er. Das ist für jemanden, der sich als Vereinstrainer in früheren Jahren manchmal fast hat auffressen lassen, ein entspannter Gemütszustand.
Hitzfeld tastet sich langsam in den neuen Lebensabschnitt vor, und die Öffentlichkeit geht den Weg mit ihm. 15 000 Tickets sind für das Testspiel vom Mittwochabend (20 Uhr 45) gegen Zypern verkauft worden, was mehr über die Bedeutung Hitzfelds als über den Unterhaltungswert des Gegners aussagt. «Ich weiss, dass die Erwartung riesig ist», sagt er, aber nur, weil er hier Trainer sei, werde die Qualifikation für die WM 2010 nicht zum Selbstläufer. Dass er mit Erwartungsdruck umzugehen verstehe, wisse er. Es war in den vielen Jahren bei Dortmund oder bei Bayern nie anders. Nun soll etwas von seinem Selbstverständnis auch auf die Schweizer Fussball-Nationalspieler abfärben.
Hitzfeld funktioniert in diesen Tagen wie ein Computer, der seine Festplatte mit Daten auffüllt. Bisher bewegte er sich vor allem im virtuellen Raum, er sah seine Spieler beim Sender-Hüpfen am Fernsehen, erst am Montagmittag sprach er erstmals vor versammelter Belegschaft zu ihnen. Mit allen wird er in diesen Tagen Einzelgespräche führen, er wird «in sie hineinhorchen», sie kennenlernen und ihnen seine Philosophie näherbringen. Von der sportlichen Aufgabe gegen Zypern spricht Hitzfeld wenig, es geht ihm vor allem um die menschliche Annäherung.
Sonst gibt der neue Trainer nicht viel preis, aber es gibt ja auch noch nicht viel, was er verborgen halten müsste. Die bedeutungsschweren, fast schon bundesrätlichen Worte von der «Verantwortung gegenüber der Schweizer Bevölkerung» hat er von seinem Vorgänger Köbi Kuhn übernommen. Und wie er Fussball spielen lassen möchte, umschreibt er so: Er möchte ein aggressives Vorgehen sehen, den Gegner nicht ins Spiel kommen lassen, agieren statt reagieren. Das ist, was Trainer gerne sagen, und es gibt wohl nur sehr wenige Fussballlehrer, die das so nicht unterschreiben würden.
Konkreter wird Hitzfeld, wenn er auf seine personellen Vorstellungen für das Spiel gegen Zypern angesprochen wird. Fest steht, dass Ludovic Magnin wegen der verletzungsbedingten Abwesenheit von Alex Frei Captain sein wird, zumindest vorläufig. Das uneingeschränkte Vertrauen hat ihm Hitzfeld nicht aussprechen können, denn Magnin ist in Stuttgart derzeit nicht erste Wahl. Über Hakan Yakin ist er dagegen des Lobes voll.
Nicht zum ersten Mal betonte Hitzfeld den Wert des Regisseurs auffällig eindringlich. Dies, obwohl das neue katarische Märchenreich 1001 Verlockung für Yakin bereithalten wird. Vorläufig aber ist er noch fit. Vor Yakin wird vermutlich Nkufo stürmen. Er spielt zum wiederholten Mal auf Bewährung im Schweizer Team. Ausserdem wird Djourou (für den am Rücken verletzten Senderos) von Beginn an in der Innenverteidigung spielen.
Die Zeit ist knapp. Bereits am 6. September spielen die Schweizer in Tel Aviv gegen Israel in der WM-Qualifikation. Allzu lange darf sich Hitzfeld nicht im Versuchslabor aufhalten. «Wir können nicht viel experimentieren», sagt Hitzfeld; die von Köbi Kuhn gelegte Basis hat er deshalb kaum angetastet. Er hoffe, sich auf sein Gefühl für die richtige Spielerwahl verlassen zu können. Manchmal muss auch der Mathematiker Hitzfeld vor allem seiner Intuition vertrauen.
Alain Geiger:
«Auch er braucht Resultate»
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