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  • 20. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Enke? Wiese? Rensing?

    Enke? Wiese? Rensing?

    Unglaublich, aber wahr: Deutschland hat ein Torhüterproblem

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    Stefan Osterhaus

    Er gilt als die Ruhe in Person. Nur manchmal, so sagte Robert Enke kürzlich in einem Interview, ärgere er sich, und zwar nicht grundlos, sondern über die Art und Weise, wie er wahrgenommen werde als Torhüter. Nicht in seinem Klub Hannover 96, wo er seit Jahren die zuverlässigste Stammkraft ist; nein, ihn wurmt der Umstand, dass seine Position im Nationalteam einfach vergessen wurde. Die Nummer 2, so betont er, war er hinter Jens Lehmann. Nach dem recht geräuschlosen Rücktritt des Neu-Stuttgarters aus der Auswahl hätte Enke nach den DFB-Gepflogenheiten zur Nummer 1 aufrücken müssen; mit bald 30 Jahren wäre er sechs Jahre jünger gewesen als Jens Lehmann zu jenem Zeitpunkt, da er Oliver Kahn verdrängte. Doch ihm sitzen zwei Kontrahenten im Nacken, die selbst einen Mann mit ausserordentlicher Gemütsruhe ins Grübeln bringen können: René Adler von Bayer Leverkusen und der Schalker Manuel Neuer.

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    Neuer in Bedrängnis

    Am Mittwochabend im Freundschaftsspiel gegen Belgien in Nürnberg ist Enke die Nummer 1 – und nicht Adler oder Neuer. Die beiden Hoch-Veranlagten haben sich verletzt, und auf einmal wurde offenbar, was niemand für möglich gehalten hätte: Deutschland kann ein Torhüterproblem haben. Denn es ging ja nicht allein darum, die Position der Nummer 1 bestmöglich zu besetzen, sondern auch die des zweiten Mannes. Ob das Trikot mit der niedrigsten Nummer tatsächlich für René Adler reserviert ist, gilt als ebenso fraglich wie die Zukunft von Manuel Neuer, der zwar neben Joachim Löw («Er hat ein enormes Können») auch viele Fürsprecher im DFB hat, etwa den Sportdirektor Sammer, der ihm eine nahe Zukunft als «bester Torhüter der Welt» prophezeite. Doch seine Verletzung, ein Mittelfussbruch, ist langwierig genug für die Konkurrenz, um Eindruck zu hinterlassen.

    Jetzt, da schon niemand mehr von Timo Hildebrand redet, der vor der Euro abserviert wurde, reist der Bremer Tim Wiese als neue Nummer 2 nach Nürnberg – eine Personalie, die manches über die langfristige Planung des Trainerduos Löw/Flick samt Torhütertrainer Andreas Köpcke verrät und nebenbei die hartnäckige Parole der Bremer Fans («Wiese für Deutschland») Wirklichkeit werden lässt. Doch auch das Torhüterleben ist reich an Unwägbarkeiten. Wiese schien vor über einem Jahr schon aus der Nationalmannschaft verabschiedet worden zu sein, ohne je ein Spiel absolviert zu haben. Was er über seine Konkurrenten sagte, war nicht einmal falsch: «Seit Jahren zeige ich in der Bundesliga und der Champions League konstant Topleistungen. Stattdessen wird ein Hildebrand nominiert, der auf der Bank sitzt. Oder Enke, der mit Hannover im Mittelfeld spielt.» Zudem war mit Neuer ein Keeper zum Fitnesstest eingeladen worden, der noch recht frisch im Geschäft war, was Wiese missfiel: «Das nehme ich nicht mehr ernst.»

    Im DFB fanden seine Worte dennoch Widerhall. Die trockene Bestandsaufnahme beendete seinerzeit alle Ambition des Bremers. Die Rolle rückwärts, die Löw nun vollzieht, ist allerdings nur auf den ersten Blick erstaunlich: Will der Bundestrainer noch einen Hauch von Leistungskriterien wahren, ist er auf den Bremer angewiesen. Denn neben Wiese, Enke und den beiden jugendlichen «Nachrückern» Adler und Neuer bietet sich kein Torhüter von internationalem Format an. Der Hamburger Frank Rost wäre es nach Leistungskriterien, doch er ist ein paar Jahre zu alt; eine Nominierung des Münchners Michael Rensing hätte sämtliche Leistungskriterien ausser Kraft gesetzt. Der Nachfolger Kahns ist vermutlich gar kein schlechter Keeper, hatte aber bisher nicht die Gelegenheit, es zu zeigen. Seine Nominierung hätte den Torhüter-Wettstreit, an dem sich mit schöner Regelmässigkeit die halbe Bundesliga beteiligt, endgültig zur Farce gemacht.

    Mangel an Auswahlmöglichkeiten

    Das Signal an Hildebrand, der in Valencia um Einsätze und Anerkennung ringt, konnte nicht deutlicher sein. Die Berufung eines Mannes, der wegen vermeintlich ungebührlichen Betragens vor gar nicht so langer Zeit als nicht satisfaktionsfähig betrachtet wurde, dürfte das endgültige Aus für den einstigen Stuttgarter bedeuten. Hinzu kam, dass Hildebrand seine Enttäuschung schon vor der Euro formuliert hatte – und dabei vergleichsweise deutlich wurde. «Uns haben einige Äusserungen von Timo nicht gefallen», kommentierte Löw die Situation des Spanien-Profis. Dass die linientreue Präsentation abseits des Platzes ein wachsweiches Kriterium ist, hat allerdings Tim Wiese erfahren müssen und seinerzeit gemutmasst: «Offenbar passe ich nicht in den Kreis des DFB hinein, weil ich nicht so stromlinienförmig bin.» Dass der selbsternannte Eckige in Nürnberg auf der Ersatzbank reüssiert, ist weniger der guten Führung geschuldet. Sondern schlicht einem Mangel an Auswahlmöglichkeiten.


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