Dienstag, 06. Januar 2009, 08:34:27 Uhr, NZZ Online
tph. Just an dem Tag, an dem der brasilianische Offensivspieler Julio Baptista von seinen neuen Vereinskollegen der AS Roma empfangen wurde, tat die Nummer 1 der Roma, Franco Sensi, die letzten Atemzüge. Der Präsident, seit 15 Jahren nominell an der Spitze des Klubs, starb in der Nacht von Sonntag auf Montag im Alter von 82 Jahren. Am Tiber ist man derzeit damit beschäftigt, die Schwere des Verlusts auszumessen.
Franco Sensi war ein Koloss im römischen, aber auch im italienischen Fussball. Er entstammt einer Dynastie römischer Milch- und Käseproduzenten, die bis ins Jahr 1605 nachgewiesen ist. Sein Vater Silvio fügte dem landwirtschaftlichen Unternehmen erste industrielle Beteiligungen hinzu. Franco investierte schliesslich in die Lagerung und den Transport von Erdgas. Seine ersten Spuren im Fussball hinterliess er 1993. Damals rettete er die von seinem Vater 1927 mitgegründete Associazione Sportiva vor dem Ruin.
Er steckte Geld in den Klub, allein 120 Millionen in der Saison 2000/2001, die mit dem Titelgewinn der Batistuta und Totti gekrönt wurde. Über eine Million Anhänger bejubelten damals auf den Strassen Roms den Scudetto; nicht einmal der WM-Triumph der Azzurri 2006 hatte ähnliche Feier-Dimensionen ausgelöst. Dass der Triumph teuer bezahlt war, die AS Roma so gut wie pleite war und das Familienunternehmen Italpetroli ausgeschlachtet werden musste (u. a. wurde das Nobelhotel Cicerone veräussert), wird bei den jetzigen Laudationes auf den Verstorbenen gern verschwiegen. Gelobt wird Sensi hingegen als einer, der bereits über eine Dekade vor dem Bestechungsskandal im italienischen Fussball die Schlüsselfigur Luciano Moggi aus Rom verjagt und schon damals als unredlichen Geschäftemacher kritisiert hatte.
Sensi hatte sich ausserdem noch bei Vereinen in Palermo, Foggia und Nizza engagiert, diese aber schnell wieder verkauft. Er hatte auch den Posten des Liga-Präsidenten angepeilt. Seine «Koalition der Mitte» zerbrach aber an den Machtzentren in Mailand und Turin.
Seine jüngste Tochter Rosella ist mit dem Mittel der charmanten Konsequenz weiter gekommen als der oft polternde Erzeuger. Die Geschäftsführerin der AS Roma ist Vizepräsidentin der Liga und wird als Top-Fussball-Frau auch von Patriarchen wie Berlusconi oder Moratti geschätzt. Rosella Sensi hat den Verein nach den Kapriolen des Meisterjahres 2001 erneut saniert. Letzter Coup der smarten Geschäftsfrau sind die zehn Gebote, an die sich jeder Angestellte der AS Roma halten muss.
«Du sollst pünktlich zum Training kommen», steht zum Beispiel darin. «Du sollst beim Training möglichst nicht telefonieren», wird ebenfalls gefordert. Trainer und Mitspieler sollen geachtet und die Entscheidungen des Coachs respektiert werden. Äusserungen in den Medien müssen vorher autorisiert werden, und vor allem sollen Kommentare vermieden werden, die Auswirkungen auf den Börsenkurs des Titels haben. Wer sich nicht daran hält, kann mit Strafen zwischen 5 und 30 Prozent des Einkommens belegt werden.
Ob Sensi damit den immer wieder kolportierten Verkauf des Vereins aufhalten kann, ist trotz allem fraglich. Amerikanische und russische Investoren haben seit einiger Zeit die Beute im Auge. Immerhin versprach im Zuge der Kondolenzen Roms Bürgermeister Giovanni Alemanno, den Sensis beim Bau eines Stadions zu helfen. Und Baptista, bei seinem bisherigen Arbeitgeber Real Madrid unter dem Kampfnamen «Bestie» bekannt, will das Seine tun, um die neue Ära Sensi gut einzuleiten.
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