Dienstag, 06. Januar 2009, 23:47:52 Uhr, NZZ Online
Vera Bettenworth
Die stark überwiegende Mehrheit der Experten sieht heute in der UV-Strahlung den – neben einem hellen Teint – wichtigsten Risikofaktor für den schwarzen Hautkrebs, das sogenannte maligne Melanom. Weitgehend einig ist man sich auch darin, dass die Kindheit eine besonders empfindliche Lebensphase ist, was UV-Schäden angeht. Darüber hinaus gibt es in der Melanomforschung allerdings viele offene Fragen. So ist etwa unklar oder umstritten, welcher Anteil der UV-Strahlung denn nun genau den Krebs verursacht, auf welche Weise dies geschieht – und ob ein gewisses Mass an Sonne nicht sogar davor schützt. Klarheit in diesen Punkten könnte helfen, die Prävention noch zu verbessern.
Erste wichtige Hinweise auf die UV-Strahlung als Auslöser des Melanoms stammten aus epidemiologischen Studien, in denen die Erkrankungsraten in verschiedenen Regionen miteinander verglichen worden waren. Dabei stellte man fest, dass diese aggressive Krebsart innerhalb genetisch identischer Populationen, etwa bei der weissen Bevölkerung der USA, mit grösserer Nähe zum Äquator häufiger auftrat. Dies und die Tatsache, dass dunkelhäutige Menschen über einen gewissen – wenn auch nicht vollständigen – Schutz verfügen, lenkte die Aufmerksamkeit der Forscher auf das Sonnenlicht.
Später gelang es in Tierversuchen, schwarzen Hautkrebs mit künstlichem UV-Licht zu erzeugen. Zudem erkannte man, dass im Erbgut von Melanomzellen häufig Veränderungen vorliegen, wie sie durch UV-Licht ausgelöst werden. Migrationsstudien wiederum ergaben, dass Personen, die vor ihrem zehnten Lebensjahr aus einer gemässigten Zone in die Tropen oder nach Australien – also Gebiete mit hoher Sonneneinstrahlung – umgezogen waren, eine rund viermal höhere Melanomrate aufwiesen als Menschen, die dies erst nach ihrem 15. Lebensjahr getan hatten.
Heute wird die weltweit höchste Erkrankungsrate mit rund 50 Fällen pro 100 000 Einwohner und Jahr aus Australien gemeldet, wo der Anteil der UV-Strahlung am Sonnenlicht aufgrund des Ozonlochs über der Antarktis besonders hoch ist. Doch auch in Gebieten, wo der Rückgang der Ozonschicht keine so grosse Rolle spielen dürfte, ist der schwarze Hautkrebs in den letzten Jahrzehnten immer häufiger geworden. So hat sich die Melanomrate in der Schweiz seit 1980 etwa verdoppelt – mit rund 20 Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohner und Jahr ist sie eine der höchsten in Europa.
Diese Zunahme wird allgemein auf veränderte Bekleidungsgewohnheiten und auf das veränderte Freizeitverhalten zurückgeführt, auf Sonnenbaden, Strand- und Winterferien. In keiner Studie konnte bisher gezeigt werden, dass Sonnencrèmes dabei vor dem Melanom schützen. Manche Wissenschafter meinen allerdings, dass dies auch gar nicht zu erwarten sei, würden die Produkte doch meist gar nicht richtig verwendet. Denn damit der auf der Verpackung angegebene Lichtschutzfaktor überhaupt erreicht wird, müssen pro Quadratzentimeter Haut 2 Milligramm Crème aufgetragen werden, also 36 Gramm (oder sechs Teelöffel) auf den Körper eines Erwachsenen. Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass in der Regel nur ein Viertel bis die Hälfte dieser Menge verwendet wird.
Nach Meinung anderer Forscher könnten die Sonnencrèmes sogar zum weltweiten Anstieg der Melanomrate beigetragen haben. Denn diese absorbierten lange Zeit nur UVB-Strahlung, jenen kurzwelligen Teil des UV-Lichts, der den Sonnenbrand verursacht und den man anfangs auch für den alleinigen Auslöser von Hautkrebs gehalten hatte. Inzwischen geht man jedoch davon aus, dass auch das längerwellige UVA-Licht, das rund 95 Prozent des UV-Lichts ausmacht, an der Krebsentstehung beteiligt ist.
Der Schutz vor Sonnenbränden habe wahrscheinlich dazu geführt, dass die Menschen länger in der Sonne geblieben seien und sich damit einer weit höheren UVA-Dosis ausgesetzt hätten, als es ohne Sonnencrème möglich gewesen wäre, meinen nun die Experten. Zudem habe die UVA-Strahlung ungehindert in die Haut eindringen können, denn die Crèmes hätten auch die Produktion neuer Pigmente und die Verdickung der obersten Hautschicht verhindert oder hinausgezögert, körpereigene Schutzmechanismen, die nur durch die UVB-Strahlung ausgelöst werden.
Im September 2006 hat die europäische Union Empfehlungen veröffentlicht, wonach der Schutz im UVA-Bereich mindestens ein Drittel des Lichtschutzfaktors – der sich nur auf den Schutz vor Sonnenbrand und damit vor der UVB-Strahlung bezieht – erreichen sollte; Produkte, die diese Anforderung erfüllen, sind durch ein neues UVA-Logo gekennzeichnet. Auch in der Schweiz erwarte man von den Herstellern, dass sie diese Empfehlungen so schnell wie möglich umsetzten, heisst es seitens des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Welchen Schutz gegenüber den UVA-Strahlen die derzeit in der Schweiz erhältlichen Sonnencrèmes nun tatsächlich bieten, weiss man beim BAG indes nicht.
Man habe die Hersteller im letzten halben Jahr wiederholt angefragt, bisher jedoch keine Antwort bekommen, sagt Beat Gerber, der BAG-Experte für UV-Strahlung. Allerdings habe das BAG sowieso immer betont, dass Sonnenschutz vor allem aus Schatten, Hut und Textilien bestehe; Sonnencrème sei nur als ergänzende Massnahme zum Schutz von Gesicht, Nacken und Händen, bei Kurzarm-T-Shirts auch noch der Arme gedacht. Diese Botschaft sei bei der Bevölkerung bisher jedoch nicht genügend angekommen, räumt Gerber ein. Tatsächlich sei die Sonnencrème in Umfragen noch immer die erste spontan genannte Massnahme zum Sonnenschutz.
Ein weiterer Anlass zu Diskussionen ist der Befund, dass die besonders aggressiven Formen des Melanoms nicht gehäuft an chronisch sonnenexponierten Stellen auftreten. Dafür gibt es derzeit zwei Erklärungsmodelle. Laut dem einen schädigt ein Sonnenbrand nicht nur die direkt betroffene Haut, sondern begünstigt indirekt auch die Melanomentstehung in Bereichen, die gar nicht der Sonne ausgesetzt waren. Die UV-Strahlung unterdrücke nämlich vorübergehend das Immunsystem, erklärt Jörg Reichrath, Dermatologe am Universitätsklinikum des Saarlands. Dadurch könne dieses Veränderungen, die zufällig zur selben Zeit in Hautzellen anderer Körperpartien aufgetreten seien, möglicherweise nicht reparieren oder die geschädigten Zellen nicht entfernen.
Laut der sogenannten «intermittent exposure»-Hypothese hingegen ist die Wirkung des UV-Lichts besonders auf Hautstellen, die nur selten der Sonne ausgesetzt werden, fatal. Denn hier ist der natürliche Schutz der Haut nicht aktiviert, sie ist nicht gebräunt, und die DNA-Reparaturmechanismen sind nicht durch eine regelmässige UV-Bestrahlung angeregt. Diese Theorie könnte auch erklären, warum Personen, die beruflich stark der Sonne ausgesetzt sind, zwar ein erhöhtes Risiko haben, am – deutlich harmloseren – hellen Hautkrebs zu erkranken, ihr Melanomrisiko jedoch geringer ist als das von Menschen, die im Büro arbeiten.
Wieder andere Forscher sehen in dieser Beobachtung – und in jenen Studien, die ein geringeres Melanomrisiko oder eine geringere Sterblichkeit durch Melanome bei regelmässiger massvoller Sonneneinstrahlung gefunden haben – vor allem einen Beleg dafür, dass bei der Zunahme der Melanomfälle auch ein Vitamin-D-Mangel eine Rolle spielt. Denn Vitamin D wird nur unter dem Einfluss von UVB-Licht in der Haut gebildet, und in Zellkultur-Experimenten konnte gezeigt werden, dass das Vitamin das Wachstum von Melanomzellen bremst. Ausserdem haben in den vergangenen Jahren viele Studien eine umgekehrte Korrelation verschiedener anderer Krebsarten, darunter Darm- und Brustkrebs, mit dem Vitamin-D-Spiegel im Blut oder der Sonneneinstrahlung festgestellt.
In der Schweiz gibt es laut dem BAG keine Untersuchungen zum Vitamin-D-Spiegel der Bevölkerung. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts in Berlin haben allerdings in Deutschland knapp 60 Prozent der Einwohner Vitamin-D-Spiegel, die für die in den Studien beobachtete Schutzwirkung nicht ausreichen würden. Um eine genügende Konzentration zu erreichen, benötigt man nach Ansicht der Vitamin-D-Experten täglich zwischen 1000 und 1500 Internationalen Einheiten des Vitamins. Doch selbst die derzeit offiziell empfohlenen 400 Einheiten kann man kaum über die normale Nahrung aufnehmen – die beste Quelle ist der Lebertran, in deutlich geringeren Mengen ist Vitamin D auch in fettem Fisch, Eiern oder Leber enthalten.
Manche Forscher empfehlen deshalb, sich regelmässig der Sonne auszusetzen – allerdings nur sehr dosiert. In Massen genossen, überwögen die positiven Effekte des Sonnenlichts, meint etwa Reichrath. Eine übermässige UV-Dosis gelte es aber unbedingt zu vermeiden. Konkret werden je nach nach Hauttyp bis zu fünfzehn Minuten, bei dunkler Haut mitunter sogar bis zu dreissig Minuten Sonne empfohlen, wobei möglichst viel Haut freigelegt werden soll. Vorausgesetzt, man hat keine extrem sonnenempfindliche Haut und kein geschwächtes Immunsystem, hat selbst der Cancer Council Australia nichts gegen solche kurzen Sonnenbäder einzuwenden. Die restliche Zeit, so ist man sich einig, solle man sich gut vor der Sonne schützen.
Tatsächlich gebe es viele Hinweise auf eine breit vor Krebs schützende Wirkung des Vitamins D, sagt auch der BAG-Experte Gerber. Möglicherweise müsse man hier in Zukunft Anpassungen vornehmen, was die Empfehlungen für den täglichen Bedarf angehe. Noch sei die Evidenz aber zu vage, als dass man deshalb sämtliche Richtlinien für den Sonnenschutz umkrempeln könne, so der Physiker. Das wäre auch Reinhard Dummer, Dermatologe am Universitätsspital Zürich und Leiter der Fachkommission Hautkrebs der Krebsliga, zu heikel. Wer seinen Vitamin-D-Spiegel anheben wolle, solle dies lieber mit Tropfen tun, als sich der erwiesenermassen krebserregenden Sonnenstrahlung auszusetzen, meint der Mediziner. In Australien sehe man nun endlich erste Erfolge der in den 1980er Jahren begonnenen Präventionskampagnen: Während die Melanomrate bei älteren Männern nach wie vor zunehme, gehe sie bei jüngeren Frauen inzwischen wieder leicht zurück. Dies sei vermutlich darauf zurückzuführen, dass Frauen für das Thema Prävention besser zugänglich seien und die empfohlenen Massnahmen konsequenter umsetzten. Die Präventionsbotschaften jetzt zu verwässern, wäre Dummers Ansicht nach fatal.
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