Mittwoch, 07. Januar 2009, 12:51:48 Uhr, NZZ Online
ras. Anfang März 1965 stellte Leo Fischer der Öffentlichkeit das erste breitbandige Kabelfernsehnetz vor, das er für eine Stadtluzerner Siedlung gebaut hatte. 33 Jahre später, Ende 1998, trat er als Chef des grössten Schweizer Kabelnetzes, der Cablecom, zurück. Dazwischen liegen bewegte Jahre, während deren sich die Schweizer Medienlandschaft radikal veränderte. Der nun 75-jährige Leo Fischer hat diesen Prozess mitgeprägt. Davon erzählt er in einem gut 300 Seiten dicken Buch; der ehemalige Journalist und spätere Medienberater Christian Fehr lieh ihm seine Feder.
In den sechziger und siebziger Jahren klagte noch niemand über eine Flut von Fernsehprogrammen. Vielmehr verlangte man nach mehr Vielfalt. Leistungsfähige Transportnetze gab es keine. Nicht einmal die SRG-Programme waren überall störungsfrei zu empfangen. Der gelernte Radio- und Fernsehelektriker, der in jungen Jahren mit einer Karriere als Militärpilot liebäugelte, arbeitete mit beim Erstellen von Dachantennen, die zusehends zu Antennenwäldern heranwuchsen und den Unwillen der Ortsbildschützer weckten.
Zu Fischers Lebensthema wurde der Aufbau von optisch unaufdringlicheren Gemeinschaftsanlagen und Kabelnetzen. Mit Geldern amerikanischer Financiers begann er, in der Innerschweiz kommunale Netze zu bauen. Damit machte er sich nicht nur Freunde. Die Radio- und Fernsehhändler, die eine Funknetz-Versorgung anstrebten, sahen ihr Geschäft bedroht. Zudem versiegte während der Ölkrise der siebziger Jahre plötzlich der Geldfluss aus den USA, während eines ganzes Jahres. Geschicklichkeit und Durchhaltewillen waren nötig.
Fischer entwickelte sein Geschäft im Schatten der mächtigen PTT, die sich damals fürs Fernsehkabelnetz nicht interessierten, weil sie völlig ausgelastet waren wegen der grossen Nachfrage nach Telefonanschlüssen. Fischer nutzte die Nische und kämpfte – später auch als Verbandspolitiker – für mehr privaten Handlungsspielraum und gegen staatlichen Dirigismus. Die PTT waren seine «natürlichen» Feinde. Umso erstaunter waren die Kollegen aus der Kabelnetzbranche, als sich Fischer in den neunziger Jahren mit den PTT anfreundete, um eine «Schweizer Lösung» anzustreben. Er sah die Gelegenheit, seine Idee eines gemeinsam betriebenen Netzes zu realisieren. «Doppelte, dreifache, immens teure Netzinfrastrukturen waren und sind ein volkswirtschaftlicher Unsinn», sagt Fischer, auch mit Verweis auf den Bau des EWZ-Glasfasernetzes in Zürich. Das sei bloss ein «sehr teurer Umweg zum Wettbewerb der Inhalte», den er für wichtig erachte.
Den Traum einer einheitlichen Schweizer Datenautobahn konnte Fischer nicht realisieren. Er trug zwar dazu bei, das grösste Schweizer Kabelnetz zu knüpfen, das mit der wachsenden Grösse – wie einst die Monopol-PTT – Abwehrreflexe erregte. Doch die Allianz der Cablecom-Partner hielt nicht. 1999 wurde Cablecom für eine Riesensumme von 5,8 Milliarden Franken (4500 Franken pro Anschluss) an die britisch-amerikanische NTL verkauft. Fischer versammelte zwar eine Schweizer Bietergruppe. Sie bot aber viel weniger als NTL. 2005 ging Cablecom an den US-Kabelnetzbetreiber Liberty. Er zahlte 2,8 Milliarden Franken – und übernahm Schulden in Höhe von 1,6 Milliarden.
Es sei ein Fehler gewesen, «Cablecom den preistreibenden Ertragsphantasien der Finanzmärkte auszusetzen», sagt Fischer. Er reagiert ohnehin unwirsch auf den Wandel in der Ökonomie: «Gesellschaftlicher Nutzen war und ist offensichtlich für die Ideologen der neoliberalen Reinheitslehre keine geldwerte Grösse.» Auch die Kritiker, die damals aus wettbewerbspolitischen Gründen gegen eine Beteiligung der PTT an Cablecom waren, schmettert er ab: «Dieses Gejammer auf Vorrat gewisser Jung-Ökonomen ging mir damals nachgerade auf den Geist. Ich forderte sie auf, uns doch endlich an unseren Taten zu messen.» Jedoch: Nach der Jahrtausendwende war es gerade der Wettbewerb zwischen Swisscom und Cablecom, welcher die Einführung des Breitband-Internets hierzulande vorantrieb.
Fischers Meinungen spiegeln die Erfahrungswelt einer Generation, die sich nach dem Krieg zäh hocharbeitete. Das Fachwissen eignete sich der aus einfachen Verhältnissen stammende Unternehmer bei Bedarf an. Die Führungsmethode, die er im Buch darlegt, verrät die Sicht des Pragmatikers. Unkonventionelles war ihm nicht fremd: Um seine Mitarbeiter vor Krankheiten zu bewahren und seine damals knappe Kasse zu schonen, ordnete der Patriarch Frühturnen an – eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn.
Ohne staatliche Gelder auszukommen, war Fischer aber wichtig: Als ihm die Geschäftsführung von Radio Pilatus übertragen wurde, wollte er sich auf keinen Fall an den «Honigtopf der Splittinggebühren» heranmachen, wie das offenbar einige Mitkämpfer erhofften. «Mir ging es darum, den Beweis anzutreten, dass sich auch mit den beschränkten privaten Mitteln qualitativ ansprechende Programme herstellen liessen.» Wie tief Fischer das Geschäften prägte, zeigt folgende kecke Aussage: «In Verhandlungen und beim Sex entwickeln Menschen, wie ich finde, die intensivsten Beziehungen: Erst wenn es knistert, wird's wirklich spannend.»
Kurzzeitig versuchte es Fischer auch in der Politik. 1995 kandidierte er im Namen der SVP für einen Nationalratssitz. Er scheiterte. Eine Bewerbung für einen Luzerner Ständeratssitz lehnte er vier Jahre später ab. Sein Kommentar: «Als ein Mensch, der gerne Menschen zusammenführt, wäre ich in der zunehmend polarisierten Polit-Landschaft kaum glücklich geworden.»
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