Dienstag, 06. Januar 2009, 11:41:54 Uhr, NZZ Online
Vielversprechender Auftakt zum 29. Zürcher Theater Spektakel
toh. Am Theaterspektakel hat der Zuschauer eine sozusagen potenzierte Übersetzungsarbeit zu leisten: Nicht nur muss er sich auf die Inhalte und Ausdrucksformen einer fremden Kultur einlassen, sondern auch auf die politischen und formalen Brechungen, welche die ausländischen Theatermacher in ihre Produktionen integrieren. Ist das ironisch oder ernst, spielerisch oder unmittelbar, politisch oder privat - sich diese Fragen fast pausenlos zu stellen kommt man nicht umhin. Exemplarisch war das zu erleben mit «Tempest II», einer der beiden Produktionen, mit denen am Donnerstagabend um 19.30 Uhr das Festival eröffnet wurde.
Das Tanztheater des aus Samoa, einem Inselstaat im Pazifik, stammenden Lemi Ponifasio beginnt unvermittelt mit einem sehr lauten Maschinenton. Er wirkt wie ein akustischer Schnitt im Raum und gibt die Grundstimmung der ganzen Aufführung vor: schneidende Schärfe, schneidender Schmerz. Man wird sich kaum täuschen, wenn man in den 90 Minuten eine kompromisslos moderne, hochästhetische Darstellung der kolonialen Zerstörung der einheimischen Kultur zu erkennen glaubt. Das Grandiose dabei ist, dass die koloniale Macht unsichtbar bleibt, die theatralischen Chiffren der Unterdrückung und Zerstörung jedoch unmissverständlich sind.
Besonders eindrücklich ist dabei, wie langsam Ponifasio seine Tänzer den schmerzhaften Transformationen unterwirft: Fast in Zeitlupe schickt er den einen unters Joch der das Bühnenbild dominierenden quadratischen Platte, bis er, gekrümmt und gestaucht, schliesslich zu Boden geht und sich allmählich, langsam wie ein betäubter, auf den Rücken gefallener Käfer, in die Stellung des Gekreuzigten quält. Tierische Vergleiche stellt man auch an, wenn in einer anderen Szene der Tänzer auf allen Vieren die immer gleiche Runde durchmisst und in höchster Körperbeherrschung sich wie eine Mischung aus Raubkatze, Insekt und gehetztem Mensch bewegt. Wiederkehrende Auftritte eines zerfetzten Engels mit Stummelflügeln und einer Gruppe von Mönchen fassen die Soloszenen ein. Die in immer neuen Kombinationen streng choreografierten Tempeltänze wirken etwas monoton, weil sich ihre stark auf oft ruckartige Arm- und Kopfbewegungen ausgerichtete Körpergrammatik vom westlichen Zuschauer nicht erschliessen lässt. Ohne Zweifel ist aber die szenische Gestaltung Weltklasse, was vor allem mit dem Lichtdesign der Neuseeländerin Helen Todd zu tun hat, die nicht nur die Schärfe der Klangkulisse ins Visuelle überträgt, sondern auch jede einzelne Muskelbewegung der Tänzer herauszuleuchten vermag und somit Ponifasios minimalistischer Tanzsprache ihre ganze suggestive Kraft verleiht. Eine Aufführung, die von Südseeromantik auch nicht das knappste Fetzchen übrig lässt.
Wenn man das Gelände der Landiwiese durchquert, muss es einem auffallen, dass die Anordnung der Bühnen und Beizen und deren Gestaltung sich verändert hat. Am klarsten lässt es sich festmachen am grössten Restaurant, dem «Bayou», das sich nun in einem transparenten Doppelzelt befindet. Im grösseren Teil ist ein Oberdeck eingebaut, auf dem sich Restauranttische befinden. Transparenz scheint überall die Devise zu sein: Offene Strukturen, transparente Dächer oder Vordächer, grosszügige Aussenbereiche - und eine deutliche Ausrichtung auf den See. Besonders an Attraktivität gewonnen hat so sicher das «Tao Yuan», das nun eine Terrasse direkt am See besitzt. Kein Wunder, dass am Eröffnungsabend schon um 18 Uhr dort alle Plätze besetzt waren. Auch die Bevorzugung von Holz erscheint als eine Gemeinsamkeit der Bauten. Wie Werner Hegglin, der technische Leiter des Festivals, erläutert, ist dieses «corporate design» in der Tat auf ein Konzept und auf intensive Bemühungen der Festivalleitung zurückzuführen. Dass die Restaurants an zugigen Tagen etwas ungeschützt wirken und dass die Bühnenboxen noch hermetischer wirken wie sonst, hat man in Kauf genommen.
Ausgezahlt hat sich das Konzept auch beim «Club» im nördlichen Bereich des Geländes. Die grosse Veranda, durch ein Plexiglas-Dach geschützt, erlaubt einen schönen Ausblick auf die zentrale Piazza, wo sich die Besucherströme kreuzen. Im Club wird noch bis am Sonntag, dem 17. August die Tanzshow «House of the Holy Afro» der südafrikanischen Formation Third World Bunfight gespielt.
Es handle sich - so kann man im Programmheft lesen - um eine «grelle Politrevue», in der der Regisseur lustvoll die Klischees über den Schwarzen Kontinent seziere und klug den Finger auf die schmerzhaftesten Wunden halte. Hier dürfte den meisten Zuschauern die kulturelle Übersetzungsarbeit schwerfallen, denn die Show mit ihren vielen Wechseln im Musikstil und ihren Kostümen erscheint in erster Linie als eine Einpeitscher-Revue, bei der das schwerblütige Schweizer Publikum genug damit zu tun hat, sich der unbändigen Energie des Masters of Ceremony und seiner sechs Mitstreiter auf der Bühne gewachsen zu zeigen.
Das selbstbewusste und vor Lebenslust strotzende Afrika - vielleicht ist doch das die Lektion. Afrika hat sich im übrigen auch gastronomisch emanzipiert: Das «Mama Put» hat nun, losgelöst vom asiatischen «Tao Yuan», seinen eigenen Standort und mehr Platz. Hier gibt es auch nigerianisches Bier - und das, obwohl die Veranstalter sich im Programmheft auf einer ganze Seite über ihre ökologischen Bemühungen geäussert und die Bevorzugung regionaler Produkte postuliert haben. Aber drücken wir ein Auge zu bei dieser kleinen Unstimmigkeit, es werden ja wohl nicht Hektoliter eigens herangeschifft. Wir hoffen sogar auf einen grossen Absatz. Er wäre die Folge von warmem Wetter, das sich doch hoffentlich bald wieder einstellt, einem Festival zum Nutzen, das sich so vielversprechend angelassen hat wie schon lange nicht mehr.
NZZ Ticket:
Infos zum Festival
Leser-Kommentare: 0 Beiträge