Mittwoch, 07. Januar 2009, 02:26:58 Uhr, NZZ Online
Robinson im Berner Oberland: Ort der Handlung ist die vor Iseltwald im Brienzersee gelegene Schneckeninsel, 1654 Quadratmeter gross und für Grillfeste zu mieten. Doch bevor es ab auf die Insel geht, erfährt das Theaterspektakel-Publikum in der Halle Süd auf der Landiwiese noch einiges über die Entstehung von Brienz und dem Berner Oberland; nicht wenige der am Theaterprojekt Beteiligten stammen übrigens aus dieser Gegend. Nachdem der Herrgott sein Schöpfungswerk beendet habe, erzählt einer der Schauspieler in breitestem Brienzer Dialekt, habe er sich müde hingekniet. Aus den beiden «Duelen» seien der Thuner- und der Brienzersee entstanden, aus dem Abdruck von Gottes rechter Hand später fünf Täler. Als absoluten Höhepunkt habe der Herrgott schliesslich Brienz geschaffen, erläutert der Einheimische stolz weiter: Beim Niesen sei ein «Choder» direkt aus dem göttlichen Gehirn auf Erden gelandet.
Die Autoren Andreas Debatin, Matto Kämpf, Pedro Lenz und Raphael Urweider haben bereits 2005 und 2006 gemeinsame Theaterprojekte realisiert: «Billi dr Bueb» und «Vreni». Am Robinson fasziniert die vier nun die Tatsache, dass die Geschichte zwar jedermann bekannt ist (obwohl kaum jemand Defoes Roman aus dem Jahr 1719, der als der erste englische Roman überhaupt gilt, gelesen hat) und dass gleichzeitig keine überragenden Theaterfassungen oder Verfilmungen existieren, die das Robinson-Bild prägen würden. Wer sich einen klassischen Robinson wünscht, ist in der jetzigen Aufführung (Regie: Matto Kämpf) am falschen Ort, das macht bereits der erste Auftritt des «Helden» deutlich: Im rosaroten Lacoste-T-Shirt und mit weisser Lockenperücke sitzt er vor einem Spinett und lässt sich von einem Schwan in Gummistiefeln über die Bühne ziehen, wobei er singt wie ein Wagner-Tenor – Lohengrin lässt grüssen.
Von der Erzählerin am Bühnenrand, die das Geschehen laufend kommentiert und den Schauspielern Anweisungen gibt, erfahren die Zuschauer, dass es sich bei dem etwas irr wirkenden Mann um einen Berner Patrizier aus dem 17. Jahrhundert handelt. Als dieser auf der einsamen Schneckeninsel landet, fühlt er sich plötzlich als Robinson und macht den – durch grosszügige Geldgeschenke gewonnenen – Inselwart zu seinem Freitag beziehungsweise Dienstag. Zusammen mit weiteren Leuten aus der Umgebung soll Dienstag Robinson das Gefühl von Inselexotik vermitteln. Zuerst etwas zurückhaltend, später, nachdem noch mehr Geld geflossen ist, immer begeisterter, spielen die Berner Oberländer die Eingeborenen: Sie lassen sich im Zebrakostüm von Robinson jagen und veranstalten wilde Tänze für ihn. Bis der ganze Tumult dem Adligen mit dem vornehmen Berner Dialekt, gespickt mit französischen Ausdrücken, zu viel wird.
Das Exotische, Fremde ist faszinierend, solange es in geordneten Bahnen bleibt und einen nicht direkt betrifft – diese Thematik liegt der neuen «Robinson»-Produktion zugrunde. So erkundigt sich Robinson etwa, nachdem er erfahren hat, dass der Inselwart eine italienische Mutter hat, ob dieser als Kind mit Toilettenpapier und Zahnbürste vertraut gemacht worden sei. Gleichzeitig schwärmt er in höchsten Tönen vom «Ausland», wo die Leute zwar arm seien, doch immer lächelten und ganz nach ihrer inneren Uhr lebten: «Wir haben die Uhr, sie die Zeit.» Robinsons grosse Vision besteht letztlich in der Zivilisierung der Ungebildeten, Wilden. Wie dieser Idealzustand aussehen soll, bekommt das Publikum in der Szene «Un bistro à Paris» auch gleich zu sehen: Ein Mann und eine Frau, gekleidet in existenzialistischem Schwarz, sitzen sich rauchend gegenüber und beklagen mit monotoner Stimme den «ennui absolu», der sie befallen hat. Das ist mehr als absurd nach der ganzen Südsee-Romantik. Überhaupt bietet das kurzweilige Theaterprojekt immer wieder ungeahnte Wendungen und ist insgesamt sehr witzig, wenn bisweilen auch die Grenze zum Klamauk überschritten wird.
Wie bereits in den früheren beiden Produktionen des Autorenquartetts spielt auch in «Robinson» die Musik eine wichtige Rolle. Bald singen die Mitwirkenden «Ooh, Brienzersee, da tuet mir d Seel nümme weh» zur Melodie von «Hejo, spann den Wagen an», bald «Das isch dr Aafang vo dr Zit vom Robinson» zum «Hair»-Hit «Aquarius». Und ganz zu Beginn der Vorstellung entlocken die Schauspieler ihren Kehlen Didgeridoo-artige Klänge, während jemand aus der Gruppe berndeutsche Zahlwörter dazu singt: ein Vorgeschmack auf die eigenartige Mischung von Heimatverbundenheit und Exotik, die das ganze Stück durchzieht.
Anne Suter
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