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  • 16. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Gegen «Blössenwahn»

    Gegen «Blössenwahn»

    Gedichte und Kurzgeschichten von Philipp Nebel

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    Die Texte von Philipp Nebel halten zum Glück nicht, was sie versprechen. Statt um Bekenntnisliteratur, wie Titel und Klappentext ankündigen, handelt es sich um Ironisierungen von Seelenkrämerei.

    cwe. «Mit diesem Buch legt der Schriftsteller und Poet ein veritables Stück Bekenntnisliteratur vor. In seinen Gedichten erklärt er sich und die Welt.» Das ist kein Zitat aus einer vernichtenden Kritik von Philipp Nebels Gedichtbändchen «Rausch, Himmel, Untergang», sondern steht im werbenden Klappentext. Man ahnt also Schlimmes, sieht dies allein schon im pathetischen Titel bestätigt und schliesst das Buch schnell weg in die Schublade des Seelenstriptease, die Lyrik-Verächter so gerne ziehen. Höchstens in einer ganz und gar elenden Stunde des Lebens wird man es vielleicht wieder hervorziehen, in der Hoffnung auf Trost durch die Bekenntnisse eines noch Unglücklicheren.

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    Kein Seelenkrämer

    Das ist ein Fehler. Zwar mag jene Schublade den einen oder anderen der mehr oder weniger gereimten Texte fassen: etwa die fünfstrophige Klage über innere Kälte und Sehnsucht in Folge von Liebesentzug unter dem Titel «es ist mir kalt» oder auch den durch einen französischen Refrain («j'en ai marre») strukturierten Weltekel eines Ichs, das unter dem miesen Fernsehprogramm leidet, den Kunstbetrieb hasst und seinen Brechreiz angesichts der ganzen «idiotischen Betriebsamkeit» hienieden gesteht.

    «Wider jede Vernunft»

    Doch meistens schreibt Philipp Nebel, der in Zürich lebt und neben dieser Gedichtsammlung letztes Jahr auch einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht hat, nicht in, sondern lieber über Bekenntnisposen dichtender Feinfühler. «Schriftsteller sind Seelenkrämer», lautet eine der 23 Dichter-Definitionen unter dem Titel «Die Wahrheit über Schriftsteller», und sie ist nicht als Nacheiferungsprogramm gemeint. Wie jenes Ich in den Zeilen über eine exhibitionistische Homepage, ironisiert Nebel literarischen «Blössenwahn», obwohl oder gerade weil er diesen bisweilen auch selbst praktiziert. Wenn einer schreibt: «Wenn einer ein Gedicht schreibt / auf einer Welle der Ausdruckswut / im Tarngewand seines Weltbedürfnisses . . .», dann macht er sich auch über sich selbst lustig.

    Ähnlich geschieht dies in den kurzen Geschichten, die unter dem ebenfalls viel Pathos verheissenden Titel «Die unheilbare Wunde» versammelt sind. Da gibt es sogar einen Text mit der Überschrift «Seelenstrip». Aber anstatt Besagtes vor unseren lesenden Augen zu tun, lamentiert der Erzähler darüber, es vor einer Unbekannten auf der Parkbank getan zu haben: «Ich strippte nämlich bis zur vollständigen Blösse. Freiwillig. Wider jede Vernunft.» Was hat er ihr denn Auszieherisches gesagt? Das wird im Text zart, aber deutlich angetönt, hier jedoch nicht verraten – keineswegs aus Prüderie: Enthüllte Pointen sind keine mehr.

    Wie der Seelenstripper sind auch viele andere Figuren, die diese Geschichten bevölkern, ein bisschen wahnsinnig. Während der eine aus «akutem Berührungsmangel» bei der Geldübergabe im Geschäft wenigstens die Hand der Kassiererin berührt und schliesslich bei einem Masseur Rettung sucht, geht ein anderer angeln, weil namhafte Autoren der Weltliteratur über das Fischen geschrieben haben; ein Dritter beschliesst, nichts mehr zu essen, weil er die Sucht satt hat, sich ernähren zu müssen. Das ist manchmal besser ausgedacht als geschrieben, meistens aber trotzdem gut zu lesen.

    Philipp Nebel: Rausch, Himmel, Untergang. / Die unheilbare Wunde. Beide Bücher: Latent-Verlag, Zürich 2007. Je Fr. 24.–.
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