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  • 20. August 2008, Neue Zürcher Zeitung
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    Die vergessenen Filme

    Die vergessenen Filme

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    Bettina Spoerri

    Es war einmal ein Mann, der sich für sein Leben gern Filme ansah. Er ging regelmässig ins Kino, besuchte möglichst viele Filmfestivals, und wenn er das Angebot der Kinosäle in seiner näheren und weiteren Umgebung ausgeschöpft hatte, zog er sich mit einem Stapel gemieteter DVD-Filme in sein Heimkino zurück. Mit den Jahren hatte er einen Grossteil vornehmlich der europäischen und der amerikanischen Filmgeschichte mit eigenen Augen gesehen, von den ersten Stummfilmen über Murnau, Lang, Borzage − übrigens sein heimlicher Favorit, zu dem er aber nie ganz stehen wollte −, Hitchcock, Wilder, Fassbinder und Truffaut bis hin zu Antonioni, Kieslowski, Spielberg, Tarantino, den Coen-Brüdern und computeranimierten Trickfilmen (ja, auch «Max & Co.» hatte er gesehen!).

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    Doch als er sein vierzigstes Lebensjahr überschritten hatte, überraschte er sich bei Gesprächen über Filme immer häufiger bei Formulierungen wie: «Ich meine den Film, in dem die blonde Schauspielerin − sie spielt doch auch eine Nebenrolle in dem Film des amerikanischen Regisseurs − wie heisst er wieder? −, eine Putzfrau oder so − ihm diesen kurzen Kuss gibt. Du weisst, welchen Film ich meine?» Als er sich selbst eine galoppierende Demenz diagnostizierte − blind für die Tatsache, dass selbst seine jüngsten Gesprächspartner auf dieselbe Weise durch den grenzenlosen Dschungel ihrer Bildgedächtnisse tappten −, versuchte ihn eine Freundin mit dem Hinweis auf die eben für jedermann beschränkte Speicherkapazität des Hirns zu beruhigen. Doch er war untröstlich und begann sich ein schnell wachsendes Archiv an Filmen anzulegen, um möglichst jederzeit eine aufklaffende Erinnerungslücke stopfen zu können. So war er, als er seinen sechzigsten Geburtstag feierte, der Besitzer einer selbst im internationalen Vergleich nicht zu verachtenden Filmothek. Trotzdem hielt seine Angst vor dem Vergessen der gesehenen Filme an.

    Erst als er sich seinem achtzigsten Lebensjahr näherte, lernte er das Glück einer gewissen Gelassenheit kennen. «Wenn ich mir einen bestimmten Film vielleicht nie mehr ganz ins Gedächtnis rufen kann, mich sogar nicht einmal mehr an den Titel oder die Hauptdarsteller zu erinnern vermag», sagte er sich, «dann erfinde ich mir eben einen ähnlichen Film.» Bald schon liefen die kunstvollsten oder berührendsten wie auch die thematisch brisantesten Filme über die innere Netzhaut seiner Augen. So kam es, dass das Wachstum seines Filmarchivs stagnierte und innert Kürze ganz zum Stillstand kam.

    Und wenn er nicht gestorben ist, wandert er noch heute zwischen den Regalen des Archivs umher und denkt sich seine eigenen Filme aus.

     


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