Dienstag, 06. Januar 2009, 13:19:48 Uhr, NZZ Online
mms. Jiang Rong, der Name ist ein Pseudonym von Lü Jiamin, wurde 1946 geboren in der Provinz Jiangsu. Er entstammt einer streng kommunistisch eingestellten Familie. Seine Eltern waren Soldaten in der Roten Armee und wurden im Krieg gegen Japan als «Helden» ausgezeichnet. In den ersten Monaten der Kulturrevolution (1966 bis 1976) plünderte Jiang Rong, wie viele seiner Altersgenossen, Häuser und Wohnungen in Peking, deren Bewohner als «konterrevolutionär» eingestuft wurden. Banden von «Roten Garden», wie sie genannt wurden, tyrannisierten unschuldige Menschen, zerstörten Kulturgüter, verbrannten oder konfiszierten Bücher und andere «schädliche» Gegenstände. Vom schlechten Gewissen geplagt und weil er als Schüler eines der Kunstakademie angeschlossenen Gymnasiums eine Leidenschaft für Literatur hegte, begann Jiang Rong, einzelne Werke, insbesondere westlicher Autoren, vor den Flammen zu retten und sie mit nach Hause zu nehmen. Noch vor dem offiziellen Aufruf der Regierung an junge Leute mit Gymnasialabschluss und Studenten, aufs Land zu gehen, um von den Bauern zu lernen ( shangshan xiaxiang ), entschied sich der 21-Jährige 1967 freiwillig, von der Stadt wegzufahren.
In der Abgeschiedenheit der autonomen Region Innere Mongolei hörte Jiang Rong zum ersten Mal von der Verehrung des Wolfs als Krafttier bzw. Schutzgeist (Totem) für die nomadisierenden Mongolen. Insgesamt elf Jahre verbrachte er in der nördlichen Steppe, drei davon infolge politischer Meinungsäusserung im Gefängnis (angeblich hat er Lin Biao, Chinas damalige Nummer zwei, kritisiert). Im Jahr 1978 kehrte er nach Beijing zurück, um am «Institut für Marxismus-Leninismus und Mao-Zedong-Gedankengut» zu studieren. Jiang Rong beteiligte sich aktiv an der Demokratiebewegung des «Pekinger Frühlings» 1978 und arbeitete nach seinem Studium als Forscher für politische Wissenschaften. Im Anschluss an die blutige Niederschlagung der Tiananmen-Bewegung 1989 wurde Jiang Rong erneut inhaftiert. Fortan war es für ihn unmöglich, Beiträge unter seinem richtigen Namen zu veröffentlichen.
Die Niederschrift der während seiner Zeit in der Inneren Mongolei gesammelten Erfahrungen publizierte Jiang Rong im Buch «Wolf Totem» (Lang Tuteng), das 2004 in chinesischer Sprache erschien. Mehr als sechs Jahre schrieb er am Manuskript dieses autobiografische Züge tragenden Romans. Innerhalb von fünf Tagen nach Erscheinen war die erste Ausgabe bereits ausverkauft. Durch die Augen eines jugendlichen, städtischen Studenten, eines Angehörigen der sogenannten «Zhiqing-Generation», werden Leben und Brauchtum der Nomaden eingehend gezeichnet. Dabei konzentriert sich der Protagonist Chen Zhen auf zwei Kernthemen: Freiheit und Ökologie. Aus heutiger Sicht besonders kontrovers erscheinen die Gedanken über die Defizite chinesischer Charaktereigenschaften sowie die zwischen den Zeilen versteckte Kritik am politischen System und an der Sinisierung von Minderheitengebieten.
«Wolf Totem» stand zwischen 2004 und 2006 ganz oben auf der chinesischen Bestsellerliste. Mehr als 2,5 Millionen offizielle Exemplare wurden verkauft, die Zahl der Raubkopien dürfte zehnmal höher liegen. 2007 erhielt Jiang Rong den zum ersten Mal vergebenen Man Asian Literary Prize in der Höhe von 10 000 Dollar. Der Roman «Wolf Totem» erschien dieses Jahr in englischer Sprache, im nächsten Jahr wird er auch auf Deutsch greifbar sein.
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