Mittwoch, 07. Januar 2009, 05:12:16 Uhr, NZZ Online
Franz Haas
Die Philosophen des Fussballs wissen es schon lange, die Beobachter der Literatur merken es auch langsam: Selbst ein Land mit 4,5 Millionen Einwohnern kann Anspruch auf Weltklasse haben. Der kroatische Autor Roman Simi (geb. 1972) hat sich auch als Redaktor der Literaturzeitschrift «Quorum» und als Organisator eines europäischen Festivals der Short Story einen Namen gemacht. Nun gibt es erstmals ein Buch von ihm auf Deutsch, eine Sammlung von traurig funkelnden Erzählungen mit dem grüblerischen Titel «In was wir uns verlieben». Um die Rätsel und Fallen der Leidenschaft geht es oft in diesen glänzenden Texten, um die Frage, worüber wir sprechen, wenn wir von Liebe sprechen. Schon der Titel verweist indirekt auf Raymond Carver, den allgegenwärtigen Schutzheiligen dieser Erzählungen.
Neben der Liebe ist der Krieg die zweite hartnäckige Konstante in diesem Buch. Er kommt aber nie direkt vor, liegt immer nur wie nebenbei am Wegrand und in der Erinnerung der Figuren. Da ist zum Beispiel eine beim Baden im Fluss gefundene Patrone, die einen Ich-Erzähler zwingt, an seinen Freund zu denken, mit dem er oft hier war, «als er noch schwimmen konnte».
Neben der Techno-Musik und der Ausgelassenheit junger Menschen in einem Ferienhäuschen macht sich «der beinlose Gott der Rache» quälend bemerkbar. In einer anderen Erzählung steht «eine Gruppe von fünfzig ausgebrannten Häusern» hinter einer Strassenbiegung, so zusammenhanglos, als gehörte sie gar nicht zur Sache. Doch jeder Splitter ist in den ausgetüftelten Kompositionen von Roman Simi ein sprechender Teil des Ganzen – so wie in einem weiteren Text der grollende Monolog eines betrunkenen Mannes in einem trostlosen Wohnblock mit defektem Lift. Er, «ein kroatischer Soldat», schimpft auf die Serben und auf die Zivilisten, er will seinen Sohn sehen und seine zertrümmerte Ehe retten, diese hoffnungslose symbolische Miniatur des zerrütteten Landes.
Schreiben, das ist für Simi auch immer wieder «Erinnerung an die Welt vor dem Zerfall». Manche seiner Protagonisten kleben an der Vergangenheit, während sie listig schreibend die Gegenwart und das Schreiben reflektieren («doch für unsere Geschichte spielt das alles sowieso keine Rolle»). Im Gedächtnis älterer Menschen können sich vergangenes und gegenwärtiges Grauen vermischen, wie in der beklemmenden grossen Erzählung «Die Zeit der Wunder». Da verkündet eine Frau ihrem Mann, dass sie schwanger ist, doch der meint, er sei «definitiv noch nicht so weit, noch ein Kind zu haben». Bei ihnen lebt auch der todkranke Grossvater der Frau, ein «Mann, der ein deutsches Lager und ein Dutzend Chemotherapie-Sitzungen überlebt hatte». Ihn stört an der deprimierenden Gegenwart vor allem eines: die Verbrennungsanlage eines nahen Schlachthofs, der Geruch, «von dem er in Buchenwald genug abbekommen» habe. Doch selbst in so einer Geschichte behält der Witz die Oberhand. Die Männer drücken sich vor der Drecksarbeit, sie «atmen die beste verpestete Luft der Welt ein», und den Karfreitagskarpfen muss die schwangere Frau schlachten.
Auch in der preisgekrönten, flirrend leicht komponierten Titelerzählung «In was wir uns verlieben» werden das Gedächtnis und das Beschreiben immer wieder thematisiert: «Ich erinnere mich (. . .). Davon könnte ich stundenlang erzählen.» Ein Mann denkt an seine verpfuschte Ehe und fragt sich, in was er sich verliebt habe bei dieser kleinen Schneiderin, «in einen Po, in einen Hintern, in einen Arsch?», in jenen Tagen beim Jaulen der Sirenen, im «Geruch des Fliegeralarms». Er erinnert sich an die Liebe und an einen sterbenden Vogel, aus dem die Wärme abfloss «wie aus einem frischen Brötchen oder einem liegengelassenen Handschuh». Er denkt an das Glück in der namenlosen Stadt, an ein Pissoir und an «ein trauriges Graffiti: Hier ist Europa!».
Der vieldeutige Spruch lässt sich auch auf dieses Buch aus Kroatien münzen, in dem an anderer Stelle jemand gern «Döblin, Kafka und viele blutleere Österreicher» liest. Es ist europäische Literatur im besten Sinn – ihre Vorbilder sind kaum die blutleeren Österreicher, eher Bruno Schulz, Bohumil Hrabal und Danilo Ki –, sie kommt mitten aus den vitalen Rändern Europas.
Leser-Kommentare: 1 Beiträge