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  • 16. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Gedichte vom grossen Berg Liang

    Gedichte vom grossen Berg Liang

    Jidi Majias «Gesänge der Yi» schöpfen aus alter Naturtradition

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    Ludger Lütkehaus

    Am Schluss der «Gesänge der Yi» von Jidi Majia steht ein grosses autobiografisches Gedicht unter dem Titel «Eine Stimme. Über meine Dichtung», das gleichermassen Selbstreflexion wie Konfession ist. Man muss wenigstens ein paar Zeilen daraus zitieren, um zu verstehen, was diesen vielstimmigen, aber im deutschen Sprachraum noch nahezu unbekannten Dichter bemerkenswert macht:

    Ich schreibe Gedichte, weil ich genau am

    23. Juni 1961 geboren bin.

    Ich schreibe Gedichte, weil ich ein Zufall bin.

    Ich schreibe Gedichte, weil mein Vater ein Yi

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    war, weil meine Mutter eine Yi war. Alles

    Kinder von [. . .] dem heiligen Urahn der Yi.

    Ich schreibe Gedichte, weil ich in einer

    Kleinstadt lebe [. . .]. Dort leben viele Yi und

    viele Chinesen. Sie kennen einander recht gut.

    Und sie sind einander recht fremd.

    Ich schreibe Gedichte, weil einer das Kind

    verletzt hat, das ich war.

    Ich schreibe Gedichte, weil ich scheu bin

    und mich ausdrücken will. [. . .]

    Ich schreibe Gedichte, weil meine Trauer

    grösser ist als mein Glück.

    Ich schreibe Gedichte, weil meine Amme

    Chinesin war. [. . .]

    Ich schreibe Gedichte, weil ich zweimal ins

    Wasser fiel, doch nie unterging. [. . .]

    Ich schreibe Gedichte, weil sich im Zentrum

    meiner Sprache Chinesisch und Yi mischen,

    seltsam, dass beide am Anfang aus Bildern

    bestanden. [. . .]

    Ich schreibe Gedichte, weil ich die Konflikte

    vieler Kulturen geerbt habe. Was soll ich

    machen, ich lebe halt hier. [. . .]

    Ich schreibe Gedichte, weil mich auf dieser Welt hundert Frauen liebten, aber nur eine gab zu,

    dass sie mich in ihren Träumen betrügt. [. . .]

    Ich schreibe Gedichte, weil ich keine Wahl habe und es am ehesten zu mir passt.

    Jidi Majia verfügt über viele Töne und Themen, Bilder und Ausdrucksformen, melancholische und heitere, reflexive und bilderreiche, traditionelle und moderne, provinzielle und universale, mythologische und rationale, appellative und erzählerische, pathetische, sentimentale und witzige. Gleichwohl gibt es einen verbindenden Aspekt: seine Identität als Yi. Sie bestimmt sowohl seine Beziehung zur Natur und zu den Menschen, zu seinen Ahnen wie auch zu den Göttern und Götzen der Moderne.

    Jidi Majia ist Angehöriger einer autonomen Minderheit aus der chinesischen Provinz Sichuan. Dass er sie und sich «Yi» nennt, könnte etwas erstaunen. Denn «Yi» ist der gegenwärtige amtliche chinesische Name für das in mehrere Gruppen, auch Sprachgruppen, geteilte Volk der Lolo. Man könnte hier eine Anpassung an die Minderheitenpolitik des offiziellen China vermuten, dem Jidi Majia als Sekretär des chinesischen Schriftstellerverbandes, Vizepräsident der chinesischen Gesellschaft für Dichtung und des allchinesischen Jugendverbandes wie als Teilnehmer am zehnten Parteikongress verbunden ist: ein Funktionär also.

    Aber Jidi Majia spricht keine angepasste Sprache. Die dem Leiden der «Hunde in Tibet» oder den «tibetischen Antilopen» gewidmeten Gedichte geben sich als kaum verschlüsseltes «Symbol für Freiheit und Mut» eines anderen «autonomen» Volkes zu erkennen. Die Chinesen und die Yi kennen eben «einander recht gut. Und sie sind einander recht fremd.» Seine Heimat um den grossen Berg Liang mit ihren mythischen, totemistischen und schamanistischen Traditionen ist bei ihm allgegenwärtig. Für den deutschsprachigen Leser resultiert daraus allerdings eine manchmal schwer verständliche Exotik, welche die Anmerkungen und Erläuterungen zu den von Peter Hoffmann ebenso präzise wie schön übersetzten Gedichten nur bedingt näherbringen können.

    Der Bezug zu seiner Herkunft, auch die chinesische Perspektive, ist indessen durch ein entschiedenes weltliterarisches Bewusstsein und ein universales Ethos angesichts globalisierter technischer und ökonomischer Bedrohungen aufgebrochen. Jidi Majia, selber inzwischen in etliche europäische Sprachen übersetzt, zitiert Umberto Saba und Salvatore Quasimodo, Anna Achmatowa und Yehuda Amichai nebst Karl Marx, Friedrich Nietzsche und Albert Einstein, Pablo Neruda, Léopold Sédar Senghor und Octavio Paz. Die chinesische Erzählerin Xiao Hong wie der kasachische Dichter Tangka Leker finden bei ihm Platz. Nelson Mandela ist ein «Rückblick auf das 20. Jahrhundert» gewidmet. In diesem wie in etlichen ähnlichen Gedichten dominieren das Gutgemeinte, der Humanitäts- und Friedensappell.

    Am überzeugendsten ist Jidi Majia immer dann, wenn es ihm gelingt, den Traditionsfundus seines Volkes und die aktuelle chinesische und globale Situation mit seiner persönlichen Erfahrung zu verbinden. Dann springt der Funke. Chinesische Romane überschwemmen derzeit den amerikanischen und den europäischen Markt. Autoren wie dieser können daran erinnern, dass es in China auch Gedichte gibt – Minderheitenlyrik, in jedem Sinn.

    Jidi Majia: Gesänge der Yi. Aus dem Chinesischen von Peter Hoffmann. Projektverlag, Bochum 2007. 99 S., Fr. 24.90.
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