Dienstag, 06. Januar 2009, 08:08:56 Uhr, NZZ Online
Von Urs Schoettli
Seit dem 1. Juli 1997 gehört Hongkong als administrative Sonderregion zur Volksrepublik China. Während Peking die volle Souveränität über das ehemalige britische Territorium ausübt, hat die Stadt zunächst während fünfzig Jahren nach dem Abzug der Briten einen sehr weitreichenden rechtlichen Sonderstatus erhalten, wie er keiner der chinesischen Provinzen, auch nicht sogenannten «autonomen Regionen» wie Tibet, gewährt wird. Zu Hongkongs Sonderstellung gehört auch, dass es mit den Wettbewerben der Reiter an den Pekinger Olympischen Spielen teilhaben darf. Wie anders Hongkong auch nach der Unterstellung unter Pekings Herrschaft geblieben ist, dürften die zahlreichen internationalen Besucher und vor allem die Journalisten erfahren, die über die olympischen Events in Hongkong berichten. Hier gibt es keine Zensur, wie sie auf dem Festland gang und gäbe ist.
Hongkong entstand als Aussenposten des britischen Weltreiches auf chinesischer Erde. Seine Hauptaufgabe war die Sicherung des Handels mit dem Reich der Mitte. Vor allem ging es dabei um den lukrativen Opiumhandel. Die dem Delta des Perlflusses vorgelagerte Insel Hongkong ging nach dem britischen Sieg im ersten Opiumkrieg 1842 in Londons Besitz über. Hongkongs Geschichte ist damit unzertrennlich mit der erniedrigenden Epoche der ausländischen Inkursionen ins Reich der Mitte im 19. Jahrhundert verbunden. Die letzte, in einem mehrere Jahrzehnte dauernden Zerfallprozess befangene chinesische Kaiserdynastie vermochte ihr Reich nicht mehr gegen die wie Piraten auftretenden westlichen Mächte zu schützen. Unter dem Vorwand des Freihandels zwangen die Briten den Chinesen die Einfuhr von Opium auf. Mit superschnellen Schiffen wurde das im ebenfalls unter britischer Herrschaft befindlichen östlichen Indien angebaute Opium an die chinesische Südküste verfrachtet. Heute ehrbare Gesellschaften wie Jardine und Matheson legten mit dem Drogenhandel den Grundstein zu ihrer späteren riesigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Macht.
Hongkong hat zwar seit über hundert Jahren seine Abhängigkeit vom Opium aufgegeben, doch sein Hauptcharakterzug, mit möglichst wenig Eigenkapital in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Gewinn hereinzuholen, hat alle Zeiten überdauert. Niemand kommt nach Hongkong, um mit aufwendigen Forschungsprojekten sich in langfristiger Unternehmenstätigkeit zu engagieren. Niemand kommt nach Hongkong, weil er intellektuellen Neigungen folgt. Man ist in Hongkong, weil man es so rasch als möglich zu viel, zu sehr viel Geld bringen will.
Die Hongkonger Tycoons sind eine weltweit einzigartige Gattung von Milliardären, die ihre Riesenvermögen aus dem Immobiliengeschäft, aus dem Transferhandel und an der Börse gescheffelt haben. Einer, Stanley Ho, ist durch das besonders lukrative Kasinogeschäft im benachbarten Macau zu seinem Reichtum gekommen. Während jene, die im Kasino, bei Black Jack oder Roulette ihr Glück versuchen wollen, in die ehemalige portugiesische Schwesterkolonie gehen müssen, kann man die Wettlust auch in Hongkong an den Pferderennen in Shatin und Happy Valley ausleben. Der Hong Kong Jockey Club ist die bei weitem prestigeträchtigste Institution in Hongkong. Seine Umsätze entsprechen den Jahresabschlüssen von grösseren Schweizer Unternehmen.
Eine tragische Folge dieser Fokussierung auf das rasche Geld ist, dass Hongkong mit seinem architektonischen Erbe in brutaler Kurzsichtigkeit umgegangen ist. Fotos von Hongkong aus den sechziger, ja noch aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts dokumentieren die dramatischen Ausmasse der Zerstörung, die diese einst ein mediterranes Ambiente aufweisende Perle des Orients heimgesucht hat. Nur kleine koloniale Inseln haben der Spitzhacke widerstehen können. Im Vergleich zu Schanghai, das die Gunst der späten Stunde seiner Entwicklung genutzt hat, um vor allem am Bund und im Gebiet der früheren französischen Konzession einen substanziellen Teil der Architektur des frühen 20. Jahrhunderts zu bewahren, ist Hongkong aus Selbstverschulden verarmt. Selbst in jüngster Zeit haben Bürgergruppen, die standhaft versuchen, das wenige, was es an alter Stadtsubstanz noch gibt, zu bewahren, schmerzliche Niederlagen einstecken müssen. Man denke an die fortschreitende Landgewinnung in Victoria Harbour, die diesen einst stolzen Hafen in ein kümmerliches Rinnsal zu verwandeln droht. Man denke aber auch an die fahrlässige Verstümmelung der Hafenfront auf Hong Kong Island.
Doch gilt es nicht nur zu lamentieren. Es sind im Laufe der letzten Jahrzehnte auch einige beachtliche neue Akzente in der Skyline von Hongkong aufgetaucht. Besondere Perlen sind der Hauptsitz der Hong Kong and Shanghai Bank, der von Norman Foster entworfen wurde, der elegante Wolkenkratzer der Bank of China von I. M. Pei und das neue Wahrzeichen in Central, der schlanke Turm des International Finance Center. Doch auch für die Nostalgiker gibt es noch Ecken und Eckchen, in denen man in kolonialen Reminiszenzen schwelgen kann. Die Türe zur anglikanischen St. John's Cathedral, die sich wenige Schritte vom hektischen Finanzzentrum entfernt zu behaupten vermocht hat, ist stets offen. Im lichten Hauptschiff fühlt man sich in die Zeiten zurückversetzt, da hier jeden Sonntag die Prominenz der Kolonialverwaltung sich ein Stelldichein gab. Auch das ehrwürdige «Mandarin Oriental»-Hotel und, in Kowloon, das imposante «Peninsula»-Hotel haben über den Lauf der Zeiten und wiederholte Renovationen hinweg ihren einzigartigen Charakter zu wahren vermocht.
Doch auch weniger exklusive Stätten, seien es kleine Märkte oder lokale Polizeiposten, haben den Widrigkeiten des Schicksals zu widerstehen vermocht. Noch wichtiger ist indessen, dass Hongkongs Identität den Souveränitätswechsel ohne Schaden überdauert hat. Seine Bevölkerung war seit der frühesten Präsenz der Briten in der überwältigenden Mehrheit chinesisch. Nach dem Zweiten Weltkrieg und vor allem nach dem Aufstieg Hongkongs zum internationalen Finanzzentrum wurden die Briten auch unter der zugewanderten westlichen Bevölkerung zu einer Minderheit. Vor allem aus den USA, aus Australien und Kanada wurden die Menschen durch die lukrativen Verdienstmöglichkeiten angezogen. Wie in anderen Teilen des ehemaligen Empire, so fällt aber auch in Hongkong auf, dass die Briten ungeachtet ihrer geringen Zahl dem gesellschaftlichen Leben und den rechtsstaatlichen Institutionen sowie der Geschäftswelt ihren Stempel aufzudrücken vermochten. Daran hat sich auch elf Jahre nach der Rückkehr nach China kaum etwas geändert.
Zeugen für diese britische Nachhaltigkeit sind sowohl die Hongkonger Polizei wie auch die Hongkonger Gerichte und die Hongkonger Advokaten. Auch die lebendige Bürgergesellschaft, die sich in der Politik mit einer Differenziertheit und Mündigkeit zu artikulieren vermag, wie sie nirgendwo auf dem benachbarten Festland, selbst in Schanghai nicht, zu finden sind, gehört zum intakt bewahrten britischen Erbe. Schliesslich kann Hongkong auf eine lebendige Presse zählen. Zur ehrwürdigen «South China Morning Post» gibt es weder in Singapur noch in Tokio etwas Gleichwertiges. Mit dieser Tageszeitung besitzt Hongkong in Ostasien das einzige englischsprachige, lokal produzierte Medium, das redaktionellen Ansprüchen gerecht wird, wie sie für die Qualitätspresse im fernen Grossbritannien gelten.
Die Globalisierung und vor allem die wirtschaftliche Öffnung Chinas haben unzählige neue Begegnungsmöglichkeiten zwischen dem Westen und der chinesischen Welt geschaffen. Dennoch bietet Hongkong noch immer eine Plattform, wie sie sonst nirgendwo zu finden ist. Nicht zuletzt ist dies auch eine Folge des englisch geprägten Erziehungswesens. Die Hongkonger, die in den teuren Privatschulen erzogen worden sind, sind die späten Nachkommen der einst von Thomas Babington Macauly im 19. Jahrhundert geprägten Erziehungspolitik, wonach es darum geht, Menschen heranzuziehen, die in ihrer Identität unverwechselbar asiatisch sind, in ihrer Haltung und in ihren Werten aber das Beste der britischen Traditionen absorbiert haben.
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