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  • 16. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Die Bora weht Geschichten in die Welt

    Die Bora weht Geschichten in die Welt

    Irrlicht über dem Balkan – Miljenko Jergovis atemberaubende Familiensaga «Das Walnusshaus»

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    Von Andreas Breitenstein

    Auf ein solches historisches Epos aus dem Raum des Balkans hat man lange gewartet. Mit welcher Souveränität der 1966 in Sarajevo geborene und seit 1993 in Zagreb lebende kroatische Schriftsteller Miljenko Jergovi in die Fussstapfen von Grossmeistern wie Aleksandar Tima, Miroslav Krlea, Ivo Andri und Ismail Kadaré tritt, ist ebenso berauschend wie beeindruckend. War es der Serbe Aleksandar Tima gewesen, der am Mikrokosmos seiner Heimatstadt Novi Sad das frühe Scheitern des jugoslawischen Vielvölkerexperiments zwischen Nazismus und Kommunismus, Völkermord und Vertreibung, Rassenwahn und Klassenhass beschrieben hatte, wirbelt Jergovi in seinem 600-Seiten-Opus «Das Walnusshaus» (2003) die traumatische Geschichte Jugoslawiens neu auf, indem er sie mit einem ingeniösen Kunstgriff rückwärts erzählt.

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    Mystik des Mordens

    Die Handlung reicht vom Sezessionskrieg 1991 zurück bis zum Ende der osmanischen Herrschaft über Bosnien 1878. Sie entspinnt sich um die Küstenstadt Dubrovnik, wechselt immer wieder ins Bergland und bezieht über die Emigration auch die weite Welt (Paris, Wien, Mailand, die USA) mit ein. Im Mittelpunkt steht Regina Delavata, sie ist der Nabel einer ostadriatisch verzweigten Sippe, in deren Schicksal sich die wechselnden Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse spiegeln. Dreimal fallen die Völker des Balkans übereinander her, ohne dass die Logik der Feindschaft stets einsichtig würde. So verschlägt es Reginas Brüder im Zweiten Weltkrieg auf verschiedene Seiten, einen zu den faschistischen Ustascha, einen zu den königstreuen Tschetniks, einen zu den Partisanen. Keiner ist ein Ideologe, alle sind sie Bauern in einem hässlichen Spiel, das die «mystische Erfahrung von Blut und Morden» verheisst.

    Das Buch beginnt 2002 in Reginas Todesjahr und arbeitet sich zurück zum Jahr 1905, in dem Regina geboren wurde, wobei das Haus der Familie Falltüren, Hintertreppen und Luken bietet. Ein kunstvoll gefügtes Meisterwerk stellt jede der teilweise phantastisch anmutenden Episoden dar. Alle zusammen bilden sie ein Füllhorn an Geschichten, wobei die Fabulierlust und der Beschreibungsfuror des Autors den Leser mitunter an die Grenzen des Aufnahmevermögens treiben. Auf der Suche nach dem Faden der rückläufigen Handlung wird dieser indes merken, wie präzis der Text in der Personenführung und wie virtuos in der Motivverfugung gearbeitet ist. So etwa lässt es sich Miljenko Jergovi nicht nehmen, die Kontingenz des Familiären durch den Bezug auf welthistorische Ereignisse zu adeln: durch die Beschiessung Dubrovniks 1991, den Tod Stalins 1953 und Titos 1980, die Ermordung des österreichischen Thronfolgers 1914 in Sarajevo und subtiler durch die Explosion der «Hindenburg» 1937 in Lakehurst oder die Uraufführung von Gershwins «Rhapsody in Blue» 1924. Das Buch ist nicht zuletzt ein Augenöffner, wie sehr der Balkan immer auch von westlicher Welt war.

    Es ist wohl kein Zufall, dass die Familie zwischen zwei Verrücktheiten angesiedelt ist. Da ist Regina, die, mit 97 altersdement zur rabiaten Tyrannin geworden, auf Wunsch der Tochter Diana eingeschläfert wird. Sie kommt 1905 als Tochter Kata Sikiris zur Welt, die ihrem Gatten Rafo nur sechs Kinder gebiert, und dies, obwohl sie sich ihm Nacht für Nacht exzessiv hingibt, um dem dem Suizid Zuneigenden den inneren Frieden zu geben. Rafo selbst war das jüngste von zwölf Kindern und, weil ihn seine Mutter mit 62 geboren hatte, eine Sensation im Habsburgerreich. Der Kaiser selbst macht ihn zum Patenkind auf Lebenszeit. Geld fliesst, und die Welt der Elite scheint sich dem Landkind aufzutun, doch wird Rafo von den Bürgersöhnen im Gymnasium von Sarajevo so gedemütigt, dass er sich in den Ferien zu Hause zu erhängen sucht. Der kaiserlichen Gunst verlustig endet er als Tagelöhner in Dubrovnik. Katas Hand scheint ihn noch einmal zu erlösen, doch entkommt er dem Wahn und der Schwermut nicht. Am Ende ist es allein das Herumkramen im Nägelkasten, das ihn besänftigt.

    Utopisches Spielzeug

    Solch prekärer Herkunft kann schwerlich das Glück entwachsen, dessen Utopie sich im Geschenk materialisiert, das Regina vom Grossvater zur Geburt bekommt: ein Miniaturhaus aus Walnussholz, dessen Ausgestaltung das Leben um 1950 vorwegnimmt. Geordnet und friedlich soll es dereinst zugehen, doch das kann sich der Erbauer nur erhoffen, denn er «war zu früh geboren und lebte im Ausklang eines finsteren Zeitalters voller Unwissenheit und Rückständigkeit, Kriegen, Aufständen und unsinnigem Blutvergiessen». Schon dräut das Ende Kakaniens, während das Delirium des Osmanischen Reiches Raum für Räuberpistolen gibt. Wie die Menschen scheinen auch die Imperien Lebenszyklen zu haben. Es ist die Zeit zwischen den Zeiten, die den Autor fasziniert. Seine Sympathie gilt den Unpässlichen und Unbequemen, jenen, die durch die Maschen des etablierten «Sinns» fallen und am Ende auf dem Misthaufen der Historie landen. – Die Geschichte von Reginas Liebschaften, Ehemännern und Brüdern wäre hier zu erzählen – fast alle nehmen sie ein bitteres Ende. Quälend genau wird beschrieben, wie bestialisch sie im Krieg ermordet oder um den Verstand gebracht werden. Unter den Brüdern ist nur Luka, dem Jüngsten, ein natürlicher Tod vergönnt – er mogelt sich als Spassvogel und Schlaumeier durch die Wirren der Epoche und reüssiert am Ende als beliebter Käsehändler in Triest. Nur mit seinen Stalin-Witzen holt er sich einen blutigen Kopf – die Menschen wollen nicht an ihre fanatische Dummheit erinnert sein.

    Wie Regina mit ihren Männern nicht das grosse Los zieht und bald allein dasteht, sucht ihre Tochter dem Leben vergeblich das Glück abzuringen. Stark sind beide Frauen, so dass die Fetzen fliegen. Mannstoll, wie Regina meint, brennt Diana 1969 mit einem jugendbewegten Busfahrer nach Sarajevo durch, um dort an der bosnischen Kälte und der politischen Klaustrophobie zu scheitern. Am Ende muss sie sich mit dem ewigen Verehrer Vid zufriedengeben, der am Tag von Titos Tod pathostrunken auf bosnischen Strassen in einen Autobus rast und sie mit gegen ihren Willen gezeugten Zwillingen zurücklässt. Noch für die frühpubertären Nöte von Reginas Enkelin Mirna hat der Autor ein Herz, und auch Epochenschicksale lässt er nicht unbeleuchtet – wie jenes des jüdischen Reeders Samuel F. Klein, der sich 1942 auf dem Dachboden des Gymnasiums von Banja Luka vor den Häschern der Ustascha verbirgt und nicht begreifen kann, wie einfache Bürger zu Mördern werden können.

    Lustvoll unterläuft «Das Walnusshaus» die Erzählökonomie, um sich dem zerklüfteten Balkanterrain anzupassen – und landet damit keineswegs im Ungefähren. Jergovi tut alles, um seine Figuren als Individuen zum Leuchten zu bringen, bleibt aber stets auf Distanz. Gekonnt verbindet er Erzählung und Dialog, Verknappung und epische Breite, Beschleunigung und Verlangsamung, historisches Panorama und situative Fokussierung. Gewaltig ist das Spektrum an Tonlagen und Stimmungen – einmal geht es drastisch und vulgär zu, ein andermal feinsinnig und schräg, dann wiederum heiter und seelenvoll. Der Erzählerkommentar ist von sarkastischem Witz, der nicht zuletzt aus der Umkehrung der Zeitenfolge resultiert – denn nicht nur weiss man als Leser schon, was kommen wird, auch die von den Historikern im Nachhinein konstruierte Finalität allen Geschehens erweist sich als obsolet, ja gar als lächerlich.

    Der Zufall, das eherne Gesetz der Welt, gelangt im «Walnusshaus» zur Geltung, und die Gegenwart fordert ihr Recht – die Bedrängnis von Liebe und Sex, von Krankheit und Gewalt, Wahn und Tod, aber auch die Kraft des Wünschens und Wollens. Jergovi ist ein unerschrockener Protokollant der Obszönität des Daseins im Allgemeinen und im Besonderen der Art und Weise, wie die kleinen Leute der grossen Geschichte zum «Gebrauch» (Tima) anheimfallen. Breit und blutig ist die Schneise der Gewalt, die sich durch die Zeiten zieht, doch kultiviert er darüber weder die Empörung, noch lässt er die Hoffnung fahren. Sein Roman schildert das Leben als fatales Fest, als Höllenritt und Komödie. Geschichte erscheint als vor sich hindampfender Haufen, aus dem einem in verstörender Mischung Schönes und Schauriges, Geniales und Groteskes, Berückendes und Bizarres, Idiotisches und Ironisches, Tragisches und Tröstliches entgegenscheint.

    Begnadeter Erzähler

    Miljenko Jergovi ist ein begnadeter Erzähler, dessen internationale Karriere erst begonnen hat. Subtil ist seine Kunst, die Fallen des Moralisierens und Zuschreibens zu umgehen – die Ethnien spielen im Roman so gut wie keine Rolle, Ideologien kommen allein schon darum schlecht weg, weil sie selten mit der realen Wirklichkeit rechnen. Dass der Autor Tabuthemen nicht scheut, zeigt sein jüngster, umstrittener Roman «Ruta Tannenbaum» (2006), der am Beispiel Zagrebs die Geschichte des schleichend sich ausbreitenden kroatischen Antisemitismus nach dem Ende der k. u. k. Monarchie nachzeichnet. Dieser wird in die Verfolgung und Ermordung der Juden im Ustascha-Staat münden.

    Es ist ein magischer Erzählwind, der uns aus diesem von Brigitte Döbert glänzend übersetzten Werk vom Balkan her entgegenweht und das Gedächtnis der Bora wie des Jugo bewahrt. Im Land dieser beiden Winde werden die Menschen fast ohne Unterlass herumgewirbelt von Kräften, die grösser sind als sie. «Einmal in der Maschinerie, gibt es keinen Ausweg. (. . .) Zeit des Geniessens, Zeit des Leidens. So ist die Arbeit. So ist das Leben. (. . .) Nur hast Du keine Zeit mehr zum Geniessen», lässt Jergovi jemanden sagen. Doch der Tod ist nicht nur auf dem Balkan mitten im Leben. Man mache sich glücklich mit der Lektüre dieses Buchs, bevor es zu spät ist.

    Miljenko Jergovi: Das Walnusshaus. Roman. Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2008. 613 S., Fr. 44.90.
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