Dienstag, 06. Januar 2009, 14:54:24 Uhr, NZZ Online
Johannes Binotto
Zu Lebzeiten lange verkannt, zählt Alfred Hitchcock heute nach allgemeinem Konsens zu den grössten Meistern der Filmgeschichte. Als Beleg dieser Meisterschaft nimmt man mit Vorliebe jene – nicht zuletzt von ihm selbst kolportierte – Legende, der Regisseur habe jedes Detail seiner Filme kontrolliert und alle Unwägbarkeiten (wie Wetter oder Schauspieler) nach Möglichkeit unschädlich zu machen versucht. Die Hitchcock-Retrospektive, welche das Filmpodium ab Mitte dieses Monats und bis Ende September veranstaltet, bietet nun Gelegenheit, diesen Mythos etwas zu korrigieren.
Tatsächlich war Hitchcocks berühmte Behauptung, er habe schon vor Drehbeginn in seinem Kopf den ganzen Film fertig abgedreht, mehr angestrebtes Ideal als Wirklichkeit. So relativierte unlängst der Filmjournalist Bill Krohn in seinem bahnbrechenden Buch «Hitchcock at Work» das Klischee vom unfehlbaren Meister, indem er aufgrund von Drehplänen, Memos, Notizen und Interviews nachwies, dass dessen Filme weniger berechnet waren, als man gemeinhin annimmt. Die Genialität Hitchcocks wird durch diese Enthüllungen indes nicht geschmälert. Im Gegenteil: Statt als kühler Routinier, der seine Filme wie mathematische Formeln konzipiert, entpuppt sich der Filmemacher als einer, der bei allem Willen zur Perfektion das riskante Experimentieren nie aufgegeben hat.
Das ist es denn auch, was Hitchcocks späte Filme − auf welche die Filmpodiums-Reihe besonderes Gewicht legt − so faszinierend macht: eben nicht dass es makellose Meisterwerke, sondern dass es gewagte, mitunter auch inkonsistente Experimente sind. Nach wie vor bleibt etwa die radikale Künstlichkeit des Melodrams «Marnie» stossend. Die offensichtlichen Rückprojektionen, die nie die Illusion aufkommen lassen, die Figuren befänden sich woanders als in einem Filmstudio, sind Irritationen, die in ihrer Widerständigkeit immer wieder zu neuen Deutungen animieren.
«In ihrem Gesicht lesen wir . . . nichts», so lautete Hitchcocks Anweisung an die Darstellerin Tippi Hedren für jene Szene, in der die Figur, die sie spielt, vergewaltigt wird. Statt die angeblichen Tiefen der menschlichen Psyche ins Bild zu setzen, zeigt Hitchcock nur rätselhafte Oberflächen: unlesbar, aber gerade dadurch zur Lektüre anregend. «Ist Alfred Hitchcocks <Marnie> eine Sex-Story? Ein Krimi? Eine Detektivgeschichte? Eine Romanze? Eine Diebesgeschichte? Eine Liebesgeschichte?», so fragt bereits der Filmtrailer, und er gibt gleich selbst die Antwort: «Ja. Und mehr!» So verwandelt sich das Uneindeutige in Überdeterminiertheit − die Uneinheitlichkeit des Films erweist sich als seine Qualität. – So ähnlich auch in «Torn Curtain», wo der Hauptdarsteller Paul Newman bis zum Filmende nicht zum Hitchcock-Stil passen mag. Doch fügt sich das bestens zur Story um einen Wissenschafter, der den politischen Geheimagenten mimt, aber in keiner seiner Rollen überzeugt. Hinter dem Entschluss, die Figur mit Newman zu besetzen, standen freilich nur kommerzielle Überlegungen – ein Geniestreich, wenn auch ein unbewusster, bleibt es dadurch trotzdem. Selbst noch die schockierend schludrig gemachte Auflösung des Spionagethrillers «Topaz», zu der sich Hitchcock nicht nach reiflicher Überlegung, sondern nur aus Zeitdruck und nach Verwerfung zweier anderer Enden entschied, wird unweigerlich zum Faszinosum.
Wären Hitchcocks Filme tatsächlich auf dem Reissbrett entstanden, könnte man es getrost dabei belassen, bloss ihre Blaupausen zu studieren. Tatsächlich aber bestätigt der Augenschein immer wieder, wie viel Ungelöstes, Ungesehenes in den fertigen Filmen noch immer steckt − auch Unerhörtes, wenn man etwa an das eigenwillige Sound-Design von «Frenzy» denkt.
Die Zufälle des Drehs und die Einfälle der Techniker störten nicht das filmische Kunstwerk, sie vervollständigten es. Das gilt besonders für den Beitrag von Hitchcocks wohl wichtigstem Mitarbeiter, dem Publikum: Am Ende seines letzten Films, «Family Plot», findet die Hauptfigur einen versteckten Edelstein nur dank den Einflüsterungen des Publikums, was denn auch prompt mit einem Augenzwinkern verdankt wird. Dieses Schlussbild macht explizit, worin die Meisterschaft Hitchcocks schon immer bestand: die Zuschauer zu Komplizen zu machen, damit diese jenes riskante Experiment gelingen lassen, welches der Regisseur nur angefangen hat.
jto. In zwei je stündigen Videoreferaten im Filmpodium umkreist der Basler Medienwissenschafter und Filmemacher Hansmartin Siegrist die Themen und Obsessionen Alfred Hitchcocks. Mit einer Vielzahl an Ausschnitten sollen Entwicklung und Eigenheiten von dessen monumentalem Œuvre nachgezeichnet werden. Wer Siegrists virtuose Filmcollagen kennt, weiss, dass diese audiovisuellen Parcours selber genauso spannend werden dürften wie ein Hitchcock-Film. Die Vorträge (mit Filmausschnitten) finden am 20. 8. und 26. 8. jeweils um 19.15 Uhr im Filmpodium statt.
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