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  • 18. August 2008, Neue Zürcher Zeitung
    61. Internationales Filmfestival Locarno

    Schwermut schwer im Trend

    Schwermut schwer im Trend

    Durchzogene Bilanz mit solidem Wettbewerb und schleimigen Aliens auf der Piazza

    In «Son of Rambow» filmen die Buben Lee und Will ihrem Vorbild Sylvester Stallone nach. In «Son of Rambow» filmen die Buben Lee und Will ihrem Vorbild Sylvester Stallone nach. (Bild: PD)
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    Höhen und Tiefen eines durchschnittlichen Festival-Jahrgangs: Zahlreiche Geschichten von schwierigen Familien in wirtschaftlichem Elend waren in Locarno zu sehen – nebst einem eher seichten Piazza-Programm.

    Alexandra Stäheli

    61. Internationales Filmfestival Locarno

    «Die Kamera ist ein Instrument, mit dem man in die Seele der Menschen schauen kann», erklärt in Beata Dzianowicz' Dokumentarfilm «Drachen» ein junger polnischer Filmemacher seinen staunenden Studenten an der Kunstschule in Kabul. «Aber man muss gut aufpassen, denn dieser Blick kann auch Schaden anrichten.» Und es gab an dieser 61. Festival-Ausgabe tatsächlich viele Bohrungen in den Gründen und Abgründen der menschlichen Seele, unzählige Vermessungen des Leids in den Zeiten des Neoliberalismus – Schwermut scheint im momentanen Filmschaffen wieder schwer im Trend zu liegen, so dass man sich in der dunklen Höhle des Kinosaals manchmal insgeheim doch einen kleinen hellen Film über das Glück wünschte; aber das Glück ist ja leider, wie alles Schöne, langweilig, es folgt nicht dem aristotelischen Spannungsbogen und eignet sich kaum für Herzmassagen und Katharsis.

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    Kinder, Kinder

    So waren denn etwa im internationalen Wettbewerb kaum, wie noch vor wenigen Jahren, formale Experimente zu sehen, dafür auffallend viele Geschichten von dysfunktionalen Familien, von abwesenden Vätern, überforderten Müttern und ganz auf sich selbst gestellten, zu früh erwachsen gewordenen Kindern. Nebst Mijke de Jongs Film «Katias Schwester» und François Rotgers «Story of Jen» erzählte auch «Kisses» des Briten Lance Daly von zwei 12-jährigen Kindern, die ihre moralische (und körperliche) Integrität mit aller Kraft gegen die zerstörerischen Einflüsse der Erwachsenen zu verteidigen versuchen.

    In Federico Bondis zuweilen etwas abrupt erzähltem «Mar Nero» kommen sich, gezwungen durch die wirtschaftlichen Verhältnisse in Europa, zwei ungleiche Frauen näher: Die junge Rumänin Angela lässt ihren geliebten Mann in einem schäbigen Dorf zurück, um in Florenz bei der verbitterten alten Gemma – temperamentvoll dargestellt von Illaria Occhini, die für diese Rolle ausgezeichnet wurde – im Haushalt zu helfen und Geld für eine künftige Familie zu sparen. Und aus seiner desolaten finanziellen Situation auszubrechen versucht auch der türkische Familienvater Mihram – verkörpert von Tayanç Ayaydin, der als bester Darsteller ausgezeichnet wurde – in Ben Hopkins' «The Market», einer lakonischen Parabel auf die Unvereinbarkeit von Geschäft und Gewissen. Wie die erratische Verzweiflungstat einer ratlosen Auswahlkommission hingegen wirkte Gideon Koppels «Sleep Furiously», der wohl erste Dokumentarfilm, der in Locarno je im internationalen Wettbewerb gezeigt wurde: Was die prätentiöse Ode an ein kleines Dorf in Wales mit demonstrativem Kunstanspruch unter seinen Mitstreitern zu suchen hatte, blieb bis zuletzt ein Rätsel.

    Während der internationale Wettbewerb insgesamt jedoch ein brav-solides Niveau bot, war das Piazza-Programm nicht nur in Bezug auf das Wetter stürmischeren Winden ausgeliefert: Die Qualität der Filme konnte von einem Abend zum nächsten gerne von körperwarm bis unter den Gefrierpunkt sinken, und irgendwie wurde man das Gefühl nicht ganz los, hier addiere sich ein Festival mit jedem weiteren Film Segment um Segment sein Publikum zusammen, statt einfach jeden Abend substanzielle Unterhaltung zu zeigen. Ob sich etwa ausgerechnet am Freitagabend die ganze Familie beim Fantasy-Spektakel «Outlander» wirklich das Weekend mit schleimigen, unverständlich bösen Aliens versüssen wollte, wäre zu fragen; als unterhaltsam und zugleich als etwas fürs Herz erwies sich hingegen Garth Jennings «Son of Rambow», der den Publikumspreis für seine Geschichte zweier Buben abholte, die, tief beeindruckt von Sylvester Stallone in «Rambo – First Blood», mit einer VHS-Kamera ihre eigene Version des Films nachdrehen.

    Und die Bilanz aus all den Auf und Ab? Wenn die Nächte jeweils länger werden und die Augenringe dunkler, wenn wie auf Bestellung in der zweiten Hälfte des Festivals der Regen einsetzt, dann verfinstern sich mit dem Himmel seit einigen Jahren auch die Launen und das Gedächtnis der Kritiker, und rituell wird dann die «Krise von Locarno» ausgerufen. Plötzlich sollen dann wieder Stars und Glamour über die Enttäuschung hinwegtrösten, dass die grossen Meisterwerke ausgeblieben sind.

    In durchschnittlichem Rahmen

    Doch dieses dritte (und schon wieder zweitletzte) Jahr unter der künstlerischen Leitung von Frédéric Maire bewegte sich sowohl hinsichtlich der Eintrittszahlen – mit rund 180 000 Zuschauern kamen etwa 3 Prozent weniger als im letzten Jahr – als auch hinsichtlich der Qualität der Filme im durchschnittlichen Rahmen eines Festivals, das sich zu Recht als das intellektuellste, tiefsinnigste und vor allem auch entdeckungsfreudigste unter den grossen Filmschauen positionieren möchte. Gewiss, diese 61. Ausgabe – die erste, so wird gesagt, bei der Maire völlig freie Hand gehabt habe – präsentierte sich nicht als herausragender Jahrgang mit augenöffnenden Highlights; aber man konnte, vielleicht etwas absurderweise, gerade in kleineren Sektionen auch seine Entdeckungen machen mit Dokumentarfilmen wie Fernand Melgars «La Forteresse», «Heart of Jenin» oder Niko von Glasows «Nobody's perfect».

    Die Preise von Locarno

    Die Preise von Locarno

    als./ces. Der Goldene Leopard – der mit 90 000 Franken dotierte Grosse Preis von Festival, Stadt und Region Locarno – ging erfreulicherweise an Enrico Riveros stillen, soghaft erzählten Film «Parque vía», der als einer der Favoriten gehandelt wurde. Den Spezialpreis der siebenköpfigen Jury erhielt, etwas befremdlich, das schwülstige Drama «33 Szenen aus dem Leben» der Polin Malgoska Szumowska, und der Kanadier Denis Côté durfte für sein anstrengend wirres Kunstprodukt «Elle veut le chaos» den Preis für die beste Regie entgegennehmen. Als beste Darstellerin wurde Illaria Occhini für ihre Rolle in «Mar Nero» ausgezeichnet, als bester Darsteller Tayanç Ayaydin in Ben Hopkins' «The Market» . Die Fipresci-Jury hat sich ebenfalls für «Parque vía» entschieden, die ökumenische Jury für «Mar Nero» . Der Goldene Leopard im Wettbewerb der Cinéastes du Présent wurde an Fernand Melgars eindringlichen Dokumentarfilm «La Forteresse» vergeben, der Leopard für den besten Erstling ging an Klaus Händls «März» . Mit dem Publikumspreis schliesslich wurde Garth Jennings «Son of Rambow» ausgezeichnet.


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