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  • 10. August 2008, NZZ am Sonntag

    Marathon mit Geigen

    Marathon mit Geigen

    Der Film «Trip to Asia» mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle gibt Einblicke in die Anatomie eines Spitzenorchesters. Von Martin Walder

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    So glückliche Junkies trifft man selten. «Es ist einfach eine unschlagbare Droge. Und ich bin glücklich, ein Junkie zu sein, bis ans Ende meiner Tage.» Der Junkie leitet als Dirigent eines der besten Orchester der Welt, die Berliner Philharmoniker. Und wenn der Engländer Simon Rattle spricht, mit seinem wilden Haarschopf, den eigenartig sanft brennenden Augen und mit seiner getragenen Stimme, klingt jedes Wort ein bisschen nach Ewigkeit. Auch dann noch, wenn er sagt: «Jeden Morgen beim Erwachen habe ich mehr Zweifel – that's simply the truth.» Spricht so ein Superstar? Hier ja, und das ist nicht selbstverständlich.

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    Sir Simons Aussagen grundieren Thomas Grubes langen Dokumentarfilm über die Asientournee 2005 der Berliner, der eine ebenso reiche wie ziselierte Innenschau des über 120-köpfigen Klangkörpers eröffnet. Was auf der Leinwand in immer schärferen Konturen wie auf einem Röntgenschirm aufleuchtet, unter den Bedingungen einer strapaziösen Tour, die von Peking über Seoul, Schanghai, Hongkong und Taipeh nach Tokio geführt hat, ist nicht weniger als die Anatomie eines höchst komplexen Riesenorganismus namens Philharmonisches Orchester.

    Sie ins Licht zu rücken, hätten die Berliner gewiss nicht jedem gestattet, zumal aus dem Mund der in 35 langen Interviews ausführlich befragten Musikerinnen und Musiker sehr Persönliches zu hören ist, Zweifel und Krisen nicht ausgespart werden. Aber der Filmer Thomas Grube ist beim Orchester seit seinem preisgekrönten Dokumentarfilm «Rhythm Is It!» über die Erarbeitung von Igor Strawinskys «Sacre du Printemps» mit Berliner Schülern bestens eingeführt und hat den Impuls zu diesem neuen Filmprojekt, der vom Orchester kam, gerne aufgenommen. «Nein, ich bin nicht bei den Berlinern unter Vertrag», wehrt Grube lachend ab, «aber das Unternehmen hat mich gereizt, weil ich an den Widersprüchen interessiert bin.» Und ein Orchesterorganismus ist randvoll von Widersprüchen. Mit ihnen muss jeder einzelne Musiker, jede einzelne Musikerin und müssen sie alle zusammen fertig werden. Täglich.»

    Die kleinen und grossen Spannungen sind im Film, der ein Destillat von 300 Stunden Filmmaterial ist, mit Händen greifbar. Die kräftezehrende Reise, der «Trip to Asia», ist nur die elementare Ebene: Wie erbringt man unter ständig wechselnden Bedingungen mit Flug, Jetlag und Hotelzimmerproblemen am Abend im Konzert gleichbleibende künstlerische Höchstleistungen? Wer darf sich allenfalls was an Blössen erlauben – die Jungen auf Probe, die älteren Herrschaften, die Tuttispieler oder die Solisten, die Unscheinbaren oder die Alpha-Tiere? Niemand darf. «Der Schwächste bestimmt die Qualität», sagt einer klipp und klar. Man kontrolliert sich ganz offensichtlich gegenseitig.

    Der Druck ist enorm, nicht nur bei den jungen Musikerinnen und Musikern auf Probe, die in den erlauchten Kreis aufgenommen werden möchten. Die junge Piccolo-Flötistin Virginie Reibel spricht ihre Zweifel, dem Druck standzuhalten, unumwunden aus; noch lacht sie etwas gequält während der Tournee hinsichtlich ihrer Aufnahme: «Es passiert, was passiert!» Der Abspann vermeldet dann nüchtern, dass sie das Probejahr nicht bestanden hat.

    Familie wäre also ein schönes Wort. Wenn, dann ist das Orchester eine Gross-, eine Grösstfamilie. Wer neu dazustösst, muss seinen Platz suchen, sich erkämpfen, muss sich behaupten lernen, wenn nötig unter Ellbogeneinsatz. Und sich gleichzeitig harmonisch einfügen als kleiner Teil eines Ganzen. Man bekommt in diesem Film einen Begriff davon, was das konkret heisst. Extreme Individualisten als extreme Kollektivwesen. «Man sagt oft, Musiker sind so egozentrisch. Ja, was sollen wir denn sonst sein?» Der Solo-Oboist Albrecht Mayer, der dieses Jahr am Lucerne Festival als Artiste Étoile auftritt, erinnert sich: «Im ersten Jahr wollten sie mich biegen.» Es ist «ihnen» offensichtlich nicht gelungen. Dabei gehört Mayer just zu jenen im Film, die über ihre Schwierigkeiten als Jugendliche erstaunlich offen Auskunft geben: Er sei ein Stotterer gewesen. «Die Oboe hat mir unendlich geholfen.» Freimütig erklären einige, wie das Instrument sozusagen zur Bezugsperson geworden ist. Immerhin waren sie begabt, aber Begabung gibt es haufenweise, und «ohne Willen, sich kasteien zu können», meint Mayer zum Thema Erfolg, «ist gar nichts, ist null».

    Es gebe keinen Beruf auf der Welt, wo man ständig auf diesem hohen Niveau sein, die eigene Persönlichkeit aber der Gruppe unterordnen müsse, sagt Rattle. Und er selber, der Dirigent, das Kraftzentrum? «Das Orchester braucht einen starken Mann, aber keinen Rechthaber», ist aus dem Orchester zu hören. Der käme bei den selbstverwalteten Berlinern auch schlecht an. Die Genfer Violinistin Aline Champion: «Wir sind die Berliner Philharmoniker. Dirigenten kommen und gehen. Die Berliner Philharmoniker bleiben.» Punkt.

    Es ist ein vielstimmiges Räsonieren wie aus einem Mund, das in diesem Film geführt wird, oft satzweise als Gedanken der einzelnen Musiker entwickelt und dann im Film thematisch montiert, kleinteilig wie nach einzelnen Noten und doch stets aufs Ganze bezogen wie in einer Komposition. So kann man sagen, der Film spiegle den Orchesterkosmos eigentlich gut wider. Das kann sein auf dem Konzertpodium, in den Garderoben und in den Hotelzimmern, im Frack oder im Renndress, wenn zwei in Hongkong am Ruhetag ihre Klappvelos aus dem Koffer zaubern und sich den Helm aufsetzen. Auch das gehört zur Psychohygiene der Individualisten im Kollektiv: ausscheren können, als Musikerinnen, als Sportler oder als Schmetterlingsforscher – und dann wieder gestärkt ins Plenum zurückkommen.

    Vier Kameramänner haben die Reise begleitet und dokumentiert, darunter der Schweizer Alberto Venzago. Die Impressionen überlagern sich. Sie zeigen Intimes, vielleicht nur in einem Blick, einer Geste, und sie zeigen den Rausch, wenn die Berliner in Taipeh wie Popstars gefeiert werden. Sie zeigen die Musiker in Aktion und die Bevölkerung, die sich auf Plätzen und Strassen Musik und Rhythmus hingibt. Von den ersten Einstellungen an, wenn in Berlin die Container mit den kostbaren Instrumenten im Bauch des Jumbos verstaut werden und dieser der aufgehenden Sonne entgegenfliegt, wird klar: Dieser Film will selber Musik sein, und er ist es auch in Martin Hoffmans suggestiver Montage geworden. Der Klang ist Bild, und das Bild ist Klang. Wort und Musik und Alltag überblenden sich und verschmelzen in einem einzigen langsamen Fluss. Das gespielte Repertoire – Beethovens «Eroica», Richard Strauss' «Ein Heldenleben», Thomas Adès' vertrackte «Asyla op. 17» – gibt natürlich den Ton an. Aber es geht auf in einem Klang aus Reisealltag, den Simon Stockhausen mit seinen Richtmikrofonen eingefangen, aufs Raffinierteste komponiert, neu montiert und elektronisch moduliert und transponiert hat, so dass Klänge nahtlos ineinander übergehen.

    Das ist hinreissend zu verfolgen und lässt im Vielklang miterleben, was Simon Rattle das hohe Ziel nennt und was ein Markenzeichen der Berliner Philharmoniker ist: «<Einklang> is what we aspire to.»

     

    Lucerne Festival (13. 8. bis 21. 9.) Albrecht Mayer, Artiste Étoile

    Lucerne Festival (13. 8. bis 21. 9.) Albrecht Mayer, Artiste Étoile

    Eine markante Stimme im Film «Trip to Asia» mit den Berliner Philharmonikern ist der 43-jährige Albrecht Mayer. Der in Bamberg aufgewachsene Oboist ist am Lucerne Festival (13. 8. bis 21. 9.) als «artiste étoile» eingeladen: mit Kammermusik (24. 8.), als Solist in Richard Strauss' Oboenkonzert (31. 8.), mit den Berliner Barocksolisten (14. 9.) und im Künstlergespräch (13. 9.). Mayer hat Gesang und Oboe studiert, bis er sich für Letztere entschieden hat, und betont die innige Verbindung von Gesang und Oboenspiel: Man müsse «die Oboe zum Singen bringen», müsse den Atem vollkommen beherrschen, damit die Seele hervortreten und auch der spitze Klang vermieden werden könne. Mayer, der Bach zu seinem Fundament erklärt, hat auf seiner neuen CD (Decca) mit seinem vor zwei Jahren gegründeten Ensemble New Seasons Oboenkonzerte im barocken Venedig von Vivaldi bis Albinoni vereint. www.lucernefestival.ch (mw.)

    «Wir sind die Berliner Philharmoniker.

    Dirigenten kommen

    und gehen. Die Berliner

    Philharmoniker bleiben.»

     

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    Kino, DVD und Soundtrack

    Kino, DVD und Soundtrack

    Thomas Grubes Dokumentarfilm «Trip to Asia. Die Suche nach dem Einklang» ist ab 21. 8. in den Kinos. Simon Stockhausens Filmmusik ist als Doppel-CD erhältlich (Alive Records). Die DVD (Erscheinungstermin noch offen) wird auch die Musiker-Interviews enthalten. (mw.)


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