[Alt + 1] zur Startseite [Alt + 2] zum Seitenanfang [Alt + 3] zur allgemeinen Navigation [Alt + 4] zur Hauptnavigation [Alt + 5] zum Inhalt [Alt + 6] zu Tipps, Hinweise und Kurzinfos [Alt + 7] zur Suche [Alt + 8] zum Login von MyNZZ [Alt + 9] zur Fusszeile
.
  • 19. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Wo Pan Tau auf James Bond trifft

    Wo Pan Tau auf James Bond trifft

    Tschechiens Filmindustrie im internationalen Standortwettbewerb

    Toolbox
    Druckansicht
    Seit dem Sprung von der Plan- zur Marktwirtschaft verdient Tschechiens Filmindustrie ihr Geld vor allem mit ausländischen Produktionen. Beim Werben um die Kundschaft gerät man aber gegenüber Ländern, die ausländischen Filmteams spendable Steuererleichterungen oder andere staatliche Anreize offerieren, immer stärker ins Hintertreffen.

    Von unserem Wirtschaftskorrespondenten in Wien, Thomas Fuster

    Prag, im August

    Wer kennt ihn nicht, den stets freundlich lächelnden Pan Tau? Mit schwarzem Anzug, Regenschirm, Melone und stiller Poesie, die keiner Worte bedarf, verzauberte der elegant gekleidete Ehrenmann vor allem in den siebziger Jahren zahllose Kinderherzen – und wohl auch viele Erwachsene. Es war die Blütezeit tschechischer Kinderfilme, und gedreht wurden die Werke allesamt in den Barrandov-Studios, auf einer Anhöhe im Südwesten Prags. Gegründet wurde das legendäre Studio in den frühen 1930er Jahren von den Brüdern Milos und Vaclav Havel, dem Onkel und dem Vater des späteren Staatspräsidenten. Die Havels sollten ihr Studio innerhalb weniger Jahre gleich zweimal enteignet sehen: Zunächst im Zweiten Weltkrieg durch die deutschen Besatzer, die in Barrandov ein Zentrum ihrer Filmindustrie aufzubauen gedachten, und nach dem Krieg von den Kommunisten, welche die von den Nazis baulich erweiterte Anlage flugs verstaatlichten.

    Anzeige
    .
    .

    Dienstleister statt Filmverkäufer

    Wo einst die Gebrüder Havel die Bar ihres Studios eingerichtet hatten, ist heute das nüchtern möblierte Büro von Jan Susta, dem Marketingmanager der Barrandov-Studios. Er blickt zurück auf die wechselvolle Geschichte des Hauses – eine Geschichte, die nach der samtenen Revolution von 1989 keinesfalls weniger dramatisch war. Denn mit dem Wechsel des politischen Systems kam nicht nur die ersehnte künstlerische Freiheit, es kam auch das Ende spendabler Subventionen und protektionistischer Gesetze zum Schutz der heimischen Filmindustrie. Die Aufträge brachen ein, und Barrandov wurde an ein Konsortium verkauft, mit dem tschechischen Regisseur Milos Forman als Ehrenvorsitzendem. Aber auch Forman, der 1984 in Barrandov seinen mit acht Oscars gekrönten Film «Amadeus» gedreht hatte, konnte nicht verhindern, dass die Sanierung der ehemaligen Traumfabrik mit der Streichung von zwei Dritteln aller Stellen eingeleitet werden musste. Seit Mitte der neunziger Jahre befindet sich Barrandov im Besitz des tschechischen Stahlkonzerns Moravia Steel.

    Die neuen Gesetze des Marktes verlangten laut Susta einen radikalen Rollenwechsel: Während des Kommunismus habe die Hauptaufgabe des Studios darin bestanden, Filme zu verkaufen, und zwar tschechische Filme für ein tschechisches Publikum. «Heute hingegen verkaufen wir nur noch einzelne Dienstleistungen, etwa Dreharbeiten, Bühnenbauten, Kostüme oder Requisiten – und zwar vor allem für ausländische Firmen.» Blickt man in den Korridoren der Barrandov-Studios auf die zahllosen Filmplakate internationaler Produktionen, die solche Dienstleistungen seit 1990 in Anspruch nahmen, scheint der Rollenwechsel geglückt zu sein: Neben Kassenschlagern wie «Mission: Impossible» oder der James-Bond-Episode «Casino Royale» wurde hier auch Roman Polanskis «Oliver Twist» gedreht. Deutlich an Bedeutung verloren hat jedoch das heimische Schaffen; laut Susta spiegeln tschechische Filme nur noch 10% des Umsatzes.

    Was für Barrandov gilt, gilt für die gesamte tschechische Filmbranche – eine Branche, die in Vollzeitstellen umgerechnet rund 5000 Leute, in diversen Temporärstellen aber gegen 20 000 Menschen beschäftigt. Statistiken der Audiovisual Producers Association (APA) zeigen, dass 2007 nur 12% des direkten Produktionsvolumens von 4,88 Mrd. tKr. (345 Mio. Fr.) auf tschechische Filme entfielen. Für 44% des Volumens waren internationale Produktionen verantwortlich, für ebenfalls 44% in- und ausländische Werbefilme. Zwar unterliegen diese Zahlen hoher Volatilität, zumal ein einziger Hollywood-Streifen für einen Ausreisser sorgen kann; 2007 war in Tschechien beispielsweise allein der Film «The Chronicles of Narnia: Prince Caspian» für Ausgaben von über 1 Mrd. tKr. verantwortlich. Dennoch fällt auf, dass das seit 2003 von ausländischen Kunden generierte Produktionsvolumen markant gesunken ist: Lag es 2003 noch bei 5 Mrd. tKr., betrug es 2007 weniger als die Hälfte, nämlich 2,1 Mrd. tKr. (vgl. Grafik).

    Warum fällt es der Branche zusehends schwerer, ausländische Produktionen nach Tschechien zu locken? Ludmila Claussova vom Czech Film Center nennt den staatlichen Support, den ausländische Konkurrenten erhalten, als gewichtigen Grund. In den vergangenen Jahren hätten etwa amerikanische, britische oder deutsche Regierungen ihre Anstrengungen intensiviert, Filmschaffende mit Steuerreduktionen und finanziellen Anreizen für Dreharbeiten im eigenen Land zu motivieren. Ähnliche Initiativen seien auch in unmittelbarer Nachbarschaft zu beobachten, namentlich in Ungarn. Weiter ostwärts setzen sich derweil Länder wie Rumänien immer besser in Szene. Rumänien, wo 2003 im karpatischen Gebirge das Hollywood-Epos «Cold Mountain» gedreht wurde, bietet ausländischen Kunden zwar keine Steueranreize; mit dem tiefen Kostenniveau des Landes kann aber kaum jemand mithalten – namentlich nicht Tschechien, dessen Kostenprobleme durch die starke Heimwährung und den schwachen Dollar noch verschärft werden.

    Ruf nach Steueranreizen

    «Tschechien ist kein Billigland. Und was hier vor fünf Jahren noch supergünstig gedreht werden konnte, lässt sich heute zu ähnlichen Preisen auch in den USA machen», sagt Claussova. Das Fehlen staatlicher Unterstützung empfindet die Branche daher als zusehends schwerer wiegendes Handicap. In den vergangenen Jahren lobbyierte man bei der Regierung denn auch für ähnliche Anreize wie in Ungarn; der vorgeschlagene Steuerrabatt hätte aber eine Reform des Steuergesetzes verlangt, und dagegen sträubte sich das Finanzministerium. Mehr Erfolgschancen scheint ein am deutschen Filmförderfonds (dieser unterstützt seit 2007 die Produktion von Kinofilmen in Deutschland mit jährlich 60 Mio. €) angelehnter Vorschlag zu haben. Claussova sieht zwar die Vorteile eines Fonds, der im Vergleich zur ungarischen Alternative, bei der die Kostengutschriften über Zertifikate gehandelt werden, mit weniger bürokratischem Aufwand verbunden ist. Sie befürchtet aber, dass ein alle paar Jahre neu zu äufnender Fonds ein naheliegendes Sparopfer darstellt, wenn sich der Staatshaushalt in schwierigen Zeiten besonderem Druck ausgesetzt sieht.

    Doch auch ohne staatliche Unterstützung verfügt Tschechien im Standortwettbewerb noch immer über gewichtige Trümpfe. Zu den Vorteilen zählt laut Susta vor allem die Hauptstadt Prag, die nicht nur eine hohe Sicherheit und Lebensqualität aufweist, so dass verwöhnte Filmsternchen auf keine Annehmlichkeiten verzichten müssen. Die Kapitale liefert mit ihren zahlreichen Baustilen und der Altstadt auch den idealen Hintergrund für Historienfilme – schon mancher Film mit vermeintlicher Handlung in Paris, Wien oder Warschau wurde denn auch vor Prager Kulissen gedreht. Im Unterschied zur neu aufkommenden Konkurrenz aus Rumänien verfügt Tschechien zudem über eine technische und personelle Infrastruktur auf internationalem Spitzenniveau. Die verfügbaren Studios und Crews erlauben es laut Susta, in Prag mit lokalem Personal gleichzeitig drei grosse Hollywood-Produktionen zu drehen – Ähnliches sei derzeit nicht einmal in London möglich. Im grössten schalldichten Filmatelier Europas, dem 4000 m² umfassenden «Max Stage» in Barrandov, gibt es kaum noch technische Restriktionen. Von den dort inszenierten Zaubereien hätte selbst Pan Tau, der sich mit kunstvoller Handbewegung am Hutrand immerhin in eine Puppe verwandeln konnte, nicht zu träumen gewagt.

     

    «Kulturelle Tests»

    «Kulturelle Tests»

    tf. Die staatliche Förderung von Filmproduktionen ist ein wettbewerbspolitisch heikles Unterfangen. Das weiss auch die EU, die daher mit Blick auf die Binnenmarktregeln von ihren Mitgliedsländern fordert, dass sie nur Filme von «kulturellem Wert» fördern. Was das heisst, bleibt indes rätselhaft. Denn was die Kultur eines Landes ausmacht, bestimmen naturgemäss allein die Mitgliedstaaten. Da helfen auch «kulturelle Tests», wie sie die EU derzeit gegenüber Ungarn wegen einer 20%igen Steuererleichterung für Filmproduktionen einfordert, nur wenig. Denn bei diesen Evaluationen unterscheiden sich die Kriterien, die ein Filmprojekt als Voraussetzung für den Erhalt staatlicher Unterstützung erfüllen muss, ebenfalls von Land zu Land. Und wer sein Fördersystem bereits etabliert hatte, bevor «kulturelle Tests» in der europäischen Filmpolitik ihren Einzug fanden, ist von der Pflicht ohnehin befreit. Derzeit verlangen denn auch lediglich Grossbritannien, Deutschland und Malta entsprechende Tests, und in naher Zukunft wohl auch Ungarn.


    .
    Leserkommentare ein- und ausblenden Leser-Kommentare: 0 Beiträge
    .
    Um selbst einen Leser-Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich hier anmelden. Bitte beachten Sie die für Leser-Kommentare geltenden Richtlinien und Copyright-Bestimmungen.