Mittwoch, 07. Januar 2009, 09:17:57 Uhr, NZZ Online
Susanne Ostwald
Vor zwei Wochen wurde am Kurfürstendamm in Berlin ein dreister Bankraub verübt. Eine Bande grub sich im Kellergeschoss des Finanzinstitutes durch eine Wand in den Tresorraum, wo sie hundert Schliessfächer aufstemmte. Bevor die Räuber entkamen, sprühten sie mit Signalfarbe den Spruch «Thanks Bank Job 2008» an die Wand. Das Leben imitiert die Kunst, welche das Leben imitiert: Der Überfall gleicht in seiner Durchführung beinahe haargenau der legendären «Walkie-Talkie-Robbery» in London, einer wahren Begebenheit, die Roger Donaldsons hervorragendem Krimi «The Bank Job» zugrunde liegt, der nun in die Schweizer Kinos kommt, in Deutschland aber bezeichnenderweise bereits im Juni anlief.
Fraglich ist freilich, ob die Hintergründe des Berliner Falles ebensolche Sprengkraft haben wie jener Coup, der englischen Gaunern 1971 gelang. Denn was zunächst wie ein zwar raffiniert durchgeführter, aber eben einfacher Banküberfall aussah, entpuppte sich bald als einer der grössten Skandale in der jüngeren britischen Geschichte – mit pikanten Verwicklungen, die bis in das britische Königshaus sowie die höchsten Kreise in der Regierung, bei der Polizei und beim Geheimdienst reichten. Die Namen der Personen, so heisst es im Abspann des Films, wurden geändert – zum Schutz der Schuldigen. Einer jedoch blieb stehen: der einer royalen Persönlichkeit.
Prinzessin Margaret badet. Die lebenslustige Schwester der englischen Königin lässt es sich 1970 gutgehen an ihrem bevorzugten Ferienort in der Karibik, weit weg von ihrer Heimat und noch weiter weg von deren Credo «No sex please, we're British». Allerdings bleibt sie nicht unbeobachtet. Der selbsternannte Bürgerrechtler und tatsächliche Zuhälter Michael X (Peter de Jersey) nutzt die Gelegenheit, um kompromittierende Fotos zu machen, die ihm in seiner britischen Wahlheimat Straffreiheit garantieren sollen, denn dort steht er schon wieder vor Gericht. Um einerseits einen Skandal zu verhindern und andererseits Michael X dingfest machen zu können, setzt der britische Geheimdienst alles daran, sich in den Besitz der Fotos zu bringen, von denen man weiss, dass sie im Schliessfach einer Londoner Bank liegen.
Die delikate Angelegenheit erfordert eine klandestine Aktion, und so versichert man sich der Dienste einer verführerischen Kleinkriminellen mit dem sprechenden Namen Martine Love (Saffron Burrows), die gerade mit Drogen aufgeflogen ist und daher im eigenen Interesse kooperiert. Sie bemüht sich, ihre alten Spiessgesellen zusammenzutrommeln und zum Überfall auf die Bank zu überreden – ohne ihnen freilich zu sagen, um welche Beute es in erster Linie geht. Martines alter Freund Terry Leather (Jason Statham), der den Coup leiten soll, sagt nur widerwillig zu, obschon auch er keineswegs unbescholten ist: Er treibt einen windigen Handel mit Oldtimern, deren Kilometerleistung er vor dem Verkauf nach unten frisiert. Da ihm jedoch andere Ganoven mit Geldforderungen im Nacken sitzen, lässt er sich auf das grosse Geschäft ein – nicht ahnend, dass er und seine Komplizen mit den Schliessfächern der Bank auch die Büchse der Pandora öffnen. Denn ausser viel Geld finden sie noch allerlei Dinge, die immer verzwicktere Komplikationen verursachen – nicht nur für die Bankräuber, sondern auch für den Geheimdienst, der im Hintergrund die Fäden zu ziehen bemüht ist, welche ihm zusehends entgleiten, sowie für die Londoner Polizei, die tief im Sumpf der Korruption steckt.
Dem 1945 in Australien geborenen Regisseur Roger Donaldson ist mit «The Bank Job» ein genialer Coup gelungen. Es kommt nur selten vor, dass an einem Film so gut wie alles stimmt. Erstaunlich, wie es Donaldson und den Drehbuchautoren Dick Clement und Ian La Frenais gelingt, ihre ziemlich verwickelte Geschichte so stringent zu erzählen, dass zu keinem Zeitpunkt der Überblick verloren geht. Zugleich fokussiert und lustvoll abschweifend, manövrieren sie souverän durch das zunehmend dunkle Dickicht der Geschehnisse und führen neben dem eigentlichen Plot zahlreiche kleine Nebenhandlungen ein, die der Geschichte Substanz und Witz geben.
Donaldson, der schon mit seinem letzten Film, der schrulligen Rennfahrergeschichte «The World's Fastest Indian» (2005), bewiesen hat, welche Authentizität er seinen Figuren einzuhauchen vermag, wird hier von einem erstklassigen Schauspielerensemble dabei unterstützt, seiner Geschichte eine bemerkenswerte Wahrhaftigkeit zu verleihen. Das verdankt sich nicht zuletzt den lebensechten und witzigen Dialogen, die sich jedoch jeglicher Albernheit enthalten; der sehr erwachsene Film ist, wo es sein muss, auch hart.
Einen hervorragenden «Decoration Job» haben der Szenenbildner Gavin Bocquet sowie die gesamte Gestaltungsabteilung gemacht, die detailverliebt, aber unaufdringlich die frühen siebziger Jahre wiederaufleben lassen – durch stimmige Interieurs, Mode, Frisuren und tolle Autos. Nicht zuletzt etwa der grüne Mini Cooper, dem die umwerfende Martine Love entsteigt – ein Inbegriff der Sexiness. Es liegt jede Menge erotische Spannung in der Luft, wenn sich der attraktive Terry Leather zwischen der glücklichen Ehe mit seiner Frau Wendy (Keeley Hawes) und einem heissen Abenteuer mit Martine entscheiden muss.
Jason Statham in der Hauptrolle ist der passende Gegenpart zur betörenden Saffron Burrows. Seit seinen ersten Auftritten in Guy Ritchies Gaunerkomödien «Lock, Stock and Two Smoking Barrels» (1998) und «Snatch» (2000) hat der 1972 geborene Schauspieler wiederholt den smarten Gangster verkörpert und ist zu einem der vielversprechendsten Shootingstars des britischen Films avanciert. Das wissen auch die Filmemacher, die ihm nicht nur entsprechende Rollen auf den Leib schneidern, sondern sich offensichtlich auch um seine Wiedererkennbarkeit durch die Wahl der Filmtitel bemühen: Dem «Bank Job» ging eine Rolle in F. Gary Grays «The Italian Job» (2003) voraus, demnächst folgt Stathams jüngster Film, die Fortsetzung von letztgenanntem mit dem Titel «The Brazilian Job». Schade, dass Donaldson sich mit seiner wirklich einzigartigen Arbeit nicht von dieser einfallslosen seriellen Titelei abgehoben hat, obschon «The Bank Job» im Prinzip schön und schnörkellos klingt. Immerhin: «The Bank Job 2» wird es wohl nicht geben, denn der Coup, bei dem seinerzeit rund 500 000 Pfund erbeutet wurden (was heute etwa 5 Millionen Pfund entspricht), blieb ein singulärer Fall – jedenfalls in England. Die Schweizer Banken sollten zum Filmstart vielleicht ihre Sicherheitsvorkehrungen überprüfen.
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