Dienstag, 06. Januar 2009, 12:03:07 Uhr, NZZ Online
Claudia Schwartz
Die Piazza Grande ist eine Diva. Ihr fällt nicht wenig Deutungshoheit über die hier gezeigten Filme zu, wo diese Tausende von Zuschauern vereinen und Bestand haben müssen gegenüber diesem Ort, einem Erfahrungsraum von seltener Schönheit. Mit etwas Glück kommt Wagemut hinzu wie bei dem auf Tatsachen basierenden Bergsteigerdrama «Nordwand», einer am Samstag auf der Piazza uraufgeführten Koproduktion der drei deutschsprachigen Alpenländer, wobei die Kühnheit eher den Geschehnissen als den Bildern zuzuschreiben ist: Es geht um zwei Seilschaften aus Deutschland und Österreich, wie sie im Jahr 1936 am Eiger tödlich scheiterten.
Der deutsche Regisseur Philipp Stölzl muss hier nicht zuletzt die historische Hürde des ideologisch belasteten Bergfilms in seinem Herkunftsland überwinden, weshalb die sportliche Seite den Mythos etwas verdrängt, was aber die Komplexität des Themas nicht mindert. Es gibt von der Natur der Sache her viel Nervenkitzel mit einem für manchen Geschmack etwas breitgewalzten Showdown, wenn der Letzte der vier, im Seil hängend, vergeblich ums Überleben kämpft.
Eine erfolgreiche Besteigung des Berggipfels sah man hier also nicht, wohl aber den bisherigen Höhepunkt auf der Piazza Grande, auf der in den ersten Festivaltagen ausgesuchte Peinlichkeiten gezeigt wurden wie die französische Gesellschaftssatire «La fille de Monaco». Auch «Plus tard tu comprendras» des mit dem Ehrenleoparden ausgezeichneten Amos Gitai vermochte nicht zu überzeugen, da er in der Frage nach der Kluft zwischen kollektivem und privatem Gedenken an den Holocaust dem Stand der Diskussion hinterherhinkt. (Dörte Franks in der Nebensektion Ici & Ailleurs gezeigte Dokumentation «Stolperstein» formulierte die Widersprüche weit weniger pathetisch, dafür um einiges deutlicher.)
So fügt sich das mit Aplomb angekündigte neue Piazza-Lichtspiel, das die altehrwürdigen Gebäude disneyhaft in kitschige Farben taucht, ins Bild eines stiefmütterlich programmierten Vorzeigeortes. Dies droht das Festival-Image um vieles nachhaltiger zu beschädigen als irgendein fehlender Star. Es geht um Grundsätzliches, wenn die Branche offensichtlich ihre besten Produktionen weniger denn je ans Schweizer Festival entsenden mag. Auf den – noch nicht bestimmten – Nachfolger des Ende 2009 scheidenden Festivaldirektors Frédéric Maire wartet eine schwierige Aufgabe.
Dem Wettbewerb fällt folglich in diesen Tagen nicht selten die Aufgabe der Wiedergutmachung zu, wobei wir bisher den Filmfiguren vornehmlich dabei zusahen, wie sie es nicht leicht haben im Leben. Die Coming-of-Age-Filme fehlen heuer, was damit zusammenhängen mag, dass die sozialen und wirtschaftlichen Probleme dieser Welt, Arbeitslosigkeit und Migration sichtlich näher an die jungen Protagonisten heranrücken. Man darf bis jetzt von einem ausgeglichenen Jahrgang sprechen, in dem deutliche Missgriffe wie der in falschen Gefühlen schwelgende polnische «33 Szenen» (mit einer gleichwohl beeindruckenden Julia Jentsch in der Hauptrolle) vorläufig ebenso die Ausnahme geblieben sind wie das Herausragende aus Mexiko («Parque vía») und den Niederlanden («Katias Schwester»). «Dioses» des Peruaners José Mendez erhebt die Unverbindlichkeit im Alltag einer Jeunesse dorée zwar zum leichtfüssigen Erzählprinzip, bleibt als bildschönes Drama eines geschwisterlichen Inzests aber ratlos.
Die türkisch-deutsche Koproduktion «Sonbahar» von Özcan Alper erfüllte zwar den Tatbestand des politischen Films nicht, entführt einen aber mit Sogkraft ins Heimatdorf seines Protagonisten irgendwo über dem Schwarzen Meer, wo dieser nach zehn Jahren politischer Haft ein Fremder bleibt. Alper verzichtet auf das dramatische Potenzial dieser Konstellation zugunsten einer introspektiven Erzählung, die inmitten einer herbstlichen Hügellandschaft die Nachricht über ein von der Politik beschädigtes Leben in Bildern aufgehen lässt.
Manchmal war man dann auch einfach nur froh, wenn die Figuren nicht an den Verhältnissen leiden wie im Schweizer Beitrag des Lausanner Filmers Lionel Baier, «Un autre homme», der sich wegen seiner Leichtigkeit und seines Wortwitzes nun irgendwie heraushob. Allerdings kam einem der Schwarz-Weiss-Film in seinem Eklektizismus von Godard bis Truffaut bald einmal vor wie sein Protagonist, der sich als angehender Filmkritiker mit der Kunst des Plagiats nach oben arbeitet.
Young Seok Noh machte im südkoreanischen Beitrag, «Daytime Drinking», dagegen vor, wie man Jarmusch als Vorbild zitiert und trotzdem zu individueller Radikalität findet. Der Film über die Tristesse des Lebens kommt als heiteres Roadmovie daher, wobei die Begegnungen und Verstrickungen der Hauptfigur ständig zu Verzögerungen führen, die von einer Zeit des Umbruchs erzählen. Unbequeme Wahrheit und Ironie finden hier ein wundersames Gleichgewicht in bestechend schönen, zuweilen minutenlangen Einstellungen.
In diesem Kontext bezeugt der Welschschweizer Fernand Melgar mit seiner – in der Reihe Cinéastes du Présent gezeigten – herausragenden Dokumentation «La Forteresse», dass sich das Kino manchmal umso stärker zeigt, je mehr es sich selbst zum Verschwinden bringt. Seine Beobachtungen in einem sogenannten Empfangszentrum für Asylsuchende im waadtländischen Vallorbe vermitteln die Widersprüche und die Komplexität der Problematik. Ein Film von grosser Humanität, der noch zu reden geben wird, und ein Lehrstück darüber, wie man den Blick nahe heranführt und dabei Distanz wahrt.
Ein wenig von dieser Balance hätte man dem in der Semaine de la critique gezeigten «Bill – das absolute Augenmass» gewünscht. Erich Schmids Dokumentation über einen der grossen Modernen erwähnt zwar solide die wichtigsten Stationen in Max Bills Schaffen. Er verliert sich aber öfters in privaten Anekdoten oder Plattitüden, deren Ursprung in der Verbindung des Filmautors mit Bills Witwe liegt, die der Film demonstrativ vor sich herträgt, und denen oft etwas Unangemessenes, ein gewisser mauvais goût anhaftet.
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