Dienstag, 06. Januar 2009, 06:21:26 Uhr, NZZ Online
Bettina Spoerri
Ein Mann macht sich zu Fuss von Zürich aus in Richtung Ostschweiz auf den Weg, um sich das Rauchen abzugewöhnen. Drei Musiker improvisieren einen Monat lang jeden Tag. Ein Mann hält seinen langsamen Hungertod in einem Tagebuch fest. So könnte man den Inhalt von dreien der neueren Filme von Peter Liechti beschreiben. Drei Expeditionen unter völlig verschiedenen Umständen, denen aber etwas Grundlegendes gemeinsam ist: «Hans im Glück», «Hardcore Chambermusic» und «The Sound of Insects» − so der Titel des zurzeit in Postproduktion begriffenen Films, der im Winter 2008/09 in die Kinos kommt − lassen sich auf die Situation einer extremen Reduktion ein. Die Parameter, die Spielregeln sind variabel, aber stets klar festgelegt. In «Hans im Glück» bricht der Filmer selbst immer wieder zur selben Wanderung auf, bis der Entzug gelingt. Einer vom Konzept her vergleichbaren Labor-Situation setzt sich das Musikertrio Koch-Schütz-Studer aus, das sich dreissig Tage lang immer wieder im selben Aufführungsraum einfindet, um seinen Improvisationsmarathon fortzusetzen.
Den neuesten Film bezeichnet Peter Liechti als «die logische Konsequenz» aus seinen bisherigen Arbeiten, sozusagen als dritten Teil einer losen thematischen Trilogie: Nach dem Verzicht auf das Rauchen und übermässiges Essen geht es nun um den Verzicht auf das Leben überhaupt: «die ultimative Herausforderung». Die Verweigerung als Haltung − einmal als eine leichte, spielerische, dann aber auch todernste gegenüber den Werten einer auf Genuss und Konsum ausgerichteten Gesellschaft − zieht sich als eines der zentralen Themen durch seine Filme. Die Tendenz auf den Nullpunkt hin, sagt Liechti, erlaube ihm die grösste künstlerische Freiheit. Denn gerade die konsequente Begrenzung treibt paradoxerweise bald die üppigsten und gar fidelsten Blüten.
In Peter Liechtis filmischem Werk steht der Prozess im Zentrum. Schon in seinen ersten Kurzfilmen, die ab 1984 entstanden, kreierte er Versuchsanordnungen, wobei ihn nicht die Resultate dieser Experimente, sondern ihr Verlauf und allfällige Überraschungen interessierten. Den Widrigkeiten einer ersten Wanderung setzte er sich beispielsweise, als sein eigenes «Versuchskaninchen», in «Ausflug ins Gebirg» (1986) aus; der Film wurde zu einer essayistischen Auseinandersetzung mit der Bergwelt und ihrer mythischen oder touristischen Verklärung. Denn statt sich an der Schönheit der Natur zu erfreuen, steigert sich der Ich-Erzähler − der Filmer setzt sich selbst vor seine Kamera − in eine von Überdruss gesättigte und gleichzeitig selbstironisch gebrochene Tirade hinein. Gegen «das Geniessen-Müssen» der Berglandschaft wird da aufbegehrt, das Triumpherlebnis des Gipfelstürmens dekonstruiert, und statt Naturverbundenheit und Heimatgefühlen dominieren Fremdheit und Langeweile: «Der Berg zerstört meine Gedanken, der Berg macht blöd.»
Was sich auf der thematischen Oberfläche von Liechtis Filmen zeigt, spiegelt sich in ihrer Ästhetik, ihren Entstehungsbedingungen und dem Produktionsprozess. «Bilder, Sprache und Musik sind bei mir gleichwertige Elemente», sagt er denn auch: Sprache löst sich in Klangmalerei auf, Bilder erzeugen musikalische Rhythmen, Musik wird in bewegte Bilder übersetzt. Das für einen Film ausgewählte Spektrum des Bild- und Tonmaterials steckt einen Rahmen ab, zuweilen kehren aber auch Bilder aus früheren Filmen in neuen Kontexten wieder und erzeugen einen – oft augenzwinkernden – Kommentar auf einer Metaebene.
Liechti dreht und wendet seine Grundthemen und geht mit jedem Film wieder einen Schritt weiter. Einige seiner Filme könnte man als «Roadmovies» bezeichnen, wobei sie dieses Genre auf verschiedene Weise persiflieren. Beispielsweise in ihrer Suche nach der richtigen Reisegeschwindigkeit. Das gemächliche Tempo eines Sessellifts kommt dem Ideal am nächsten: «Das absolut schönste Fortbewegungsmittel», schwärmt Liechti. Er rückt die in regelmässigem Abstand voneinander hinauf und wieder hinunter schwebenden Sessel immer wieder anders ins Film-Bild. Traumhaft irreal wirkt da etwa das menschenleere Transportmittel, das sich scheinbar ziellos im Kreis herum dreht und in den Augen der Betrachter mit allegorischer Bedeutung auflädt. Ein zweites solches Bildmotiv ist der Helikopter, zuweilen von feuerroter Farbe und mit tosendem Rotor. In «Ausflug ins Gebirg» stellt er für den Anti-Wanderer einen Lichtblick in der Öde dar, während er in Liechtis (bisher einzigem) Spielfilm «Marthas Garten» (1997) als bedrohliche Drohne auftritt. Dass ein Helikopter «aus dem Moment heraus abzuheben und beinahe überall zu landen vermag», fasziniert den Filmemacher − und kann als Sinnbild für sein künstlerisches Schaffen stehen, das aus der Reduktion auf einen Kerngedanken und wenigen Quadratmetern heraus arbeitet.
Hat Peter Liechti das Material für einen Film einmal bestimmt, folgt eine sehr lange Montagephase, die bis zu einem Jahr dauern kann. Dabei geht er das Risiko ein, den unfertigen Film in verschiedenen Stadien der Postproduktion einem ausgewählten Kreis von Leuten zu zeigen, darunter auch anderen Filmemachern. «Meistens habe ich danach eine Woche lang eine Krise», sagt er. «Aufgrund ihrer Reaktionen aber kann ich herausfinden, wo ich mich selbst betrüge, indem ich mir vorgemacht habe, das müsse so sein.»
Liechtis Arbeitsweise, die Akribie mit Spiellust vereint, weist eine grosse Affinität zu derjenigen von einigen Künstlern anderer Sparten auf. Diese sind denn auch mittlerweile langjährige Partner bei der Entstehung seiner Filme. Die Aktionen des Künstlers Roman Signer treten bereits in Liechtis ersten Kurzfilmen auf: etwa in «Senkrecht/Waagrecht» (1985) und «Tauwetter» (1987), wenn Signer in eine vereiste Seeoberfläche einbricht oder Löcher in mit Wasser gefüllte Eimer schiesst, die an den Bügeln eines Skilifts hängen. 1995 entstand sodann Liechtis erster langer Essay «Signers Koffer», in dem er seinen Freund zu dessen Aktionsschauplätzen begleitet. Auch mit den Musikern Martin Schütz und Fredy Studer hat Liechti lange vor «Hardcore Chambermusic» zusammengearbeitet, und die Experimente des Klangkünstlers Norbert Möslang prägen nicht nur etwa den Musikfilm «Kick That Habit» (1989), sondern werden auch die Tonspur von «The Sound of Insects» stark beeinflussen.
bsp. Geboren 1951 in St. Gallen. Freie Lehrtätigkeit in Malerei und Zeichnung, bevor er ab 1983 mit ersten Filmexperimenten begann. 1985 begründete er das KinoK in St. Gallen mit. Seit 1986 ist er freier Filmschaffender, als Autor, Regisseur und Kameramann. Er lebt seit 1988 in Zürich. Er ist Gewinner des Zürcher Filmpreises für «Signers Koffer» (1996) und «Hans im Glück» (2003). 2005 wurde er für «Namibia Crossings» für den Schweizer Filmpreis nominiert. Vgl. auch: www.peterliechti.ch.
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