Dienstag, 06. Januar 2009, 12:37:37 Uhr, NZZ Online
Martin Krumbholz
Man soll sich nie ein Urteil über jemanden anmassen, lautet eine Indianerweisheit, bevor man nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen ist. Lurdes Asenjo macht also einen Fehler, wenn sie über den Vater eines Mitschülers ihrer dreizehnjährigen Tochter Maite abfällig denkt – der tatsächlich Mokassins trägt, dazu schütteres Haar und ein Gebiss in schlechtem Zustand. «Sie haben eine hübsche und intelligente Tochter», schleimt der Elternkollege und bittet Lurdes um ein kurzes, aber offenbar dringliches Gespräch.
Die meisten der sieben Erzählungen von Berta Marsé kreisen sehr eindeutig um Sexuelles, gern um die männliche oder weibliche Scham. In der preisgekrönten, gleichwohl recht eindimensionalen Geschichte «Die Schildkröte» geht es um das erigierte männliche Genital (eine Fünfjährige malt ein solches anstelle des verlangten Reptils und deckt so einen Kindsmissbrauch auf), in der «Zaubermuschel» um einen eifersüchtigen Ehemann, viele Aufregungen und um den frivolen Doppelsinn, den bereits der Titel suggeriert (das Wortspiel kommt im Deutschen noch etwas plumper daher als im Spanischen).
Sehr viel raffinierter angelegt als solches literarisches Fast Food ist die besagte Mokassin-Geschichte, die mit Abstand beste des Bandes, der den gesprächigen Titel trägt: «Der Tag, an dem Gabriel Nin den Hund seiner Tochter im Swimmingpool ertränken wollte». Diese Geschichte, «Erste Liebe» benannt, geht so: Der Vater des Mitschülers von Maite hat ein prekäres Anliegen; sein Sohn Salvador, teilt er mit, sei aufgrund einer seltenen Krankheit dem Tode geweiht, er habe sich zu allem Unglück in die hübsche und intelligente Maite verliebt, und nun bitte er, der Mokassin-Vater, Lurdes um viel diplomatisches Feingefühl, denn sie möge doch bitte ihre Tochter daran hindern, dass sie «meinem Sohn in letzter Minute das Herz bricht».
Dieser Appell lässt viele Auslegungen zu. Soll Lurdes ihre Tochter etwa dazu auffordern, sich des unscheinbaren Mitschülers liebevoll zu erbarmen? Oder ihn einfach nur möglichst schonend und subtil zu verschmähen? Wie genau er seine Worte verstanden haben möchte, sagt der Mokassin-Vater nicht, aber eines ahnt man schon jetzt: Der Mann trickst. Er lässt durchblicken, sein Sohn gedenke von seinen Gefühlen demnächst Mitteilung zu machen, jetzt sei es an Lurdes, eine Katastrophe zu verhindern – und verabschiedet sich.
Wahrhaft vertrackt! Denn was soll Lurdes anfangen? Am besten täte sie wohl gar nichts. Stattdessen geht sie hin und bindet der hübschen kleinen Maite brühwarm auf die Nase, dass sie einem Buben, der auf ihrem Radarschirm bisher kaum aufgetaucht ist, den Kopf verdreht hat. Lurdes bemerkt, wie «Maites Pupillen sich neugierig flackernd weiteten», und begreift, dass sie einen Fehler gemacht hat; Maites «Liebesantennen» funktionieren bereits, sie sehnen «wach und voller Illusionen das besondere Ereignis herbei[. . .], in dem sie die Protagonistin sein würde». Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn der scheinbar arg- und harmlose Mitschülervater in seinen ausgelatschten Mokassins die kommenden Ereignisse nicht haarscharf bis ins kleinste Detail vorausberechnet haben sollte. Womit sich eine alte Indianermoral wieder einmal bestätigt hat.
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