Dienstag, 06. Januar 2009, 13:58:36 Uhr, NZZ Online
Ilma Rakusa
Kaum einer wäre berufener, eine Anthologie neuer kroatischer Literatur herauszugeben, als der Zagreber Verleger Nenad Popovi, der in seinem 1990 gegründeten Verlag Durieux all jenen jugoslawischen Autoren ein Forum bot, die sich dem nationalistischen Wahnsinn und der grassierenden Kriegsrhetorik vehement widersetzten: Dubravka Ugrei, Devad Karahasan, Miljenko Jergovi und vielen andern. Sie verbanden Courage mit literarischem Anspruch. Es ist das, was Popovi von jedem guten Autor erwartet.
Die Anthologie «Kein Gott in Susedgrad» , die er für den Schöffling-Verlag zusammengestellt hat, vereinigt jüngere Schriftstellerstimmen, ausschliesslich aus Kroatien. Die elf Autoren, zwischen 1962 und 1977 geboren, haben den Zusammenbruch Jugoslawiens, den Krieg und die Entstehung eines kroatischen Nationalstaats erlebt. Und es verwundert nicht, dass die massiven politischen Umwälzungen, begleitet von Ängsten und Traumata, den Stoff oder Subtext vieler ihrer Erzählungen bilden. Mit Popovis Worten: «Anders als die meisten ihrer Altersgenossen in Europa schaut diese Generation in einen schwarzen Spiegel. In seelische Trümmerlandschaften, in die sie von ihrer Elterngeneration ausgesetzt wurde.» Was angesichts solch düsterer Voraussetzungen erstaunt, ist die Bandbreite der Stile, Formen und künstlerischen Herangehensweisen. Sie reicht von historischen Erzählungen nach dem Vorbild Ivo Andris über polemische Phantastik bis zu einer enzyklopädischen Hinterfragung des Nichts.
Den Anfang macht Igor tiks mit einem berührenden Text über seine turbulente Familiengeschichte («Auf gepackten Koffern»), die zugleich hundert Jahre Balkangeschichte resümiert und den Irrsinn nationalistischen Denkens entlarvt. Da ist ein österreichischer Urgrossvater, der kein Kroatisch spricht und seine eigene Frau nicht versteht, da ist eine Grossmutter, die in einem Haus voller deutscher Offiziere eine Jüdin versteckt hält, da ist ein Grossvater, der als österreichisch-kroatischer Mischling die ungarische Kultur bevorzugt und als russischer Spion in einem Lager endet, und da ist Enkel Igor, der immer und überall zwei gepackte Koffer stehen hat, um beim ersten suspekten Fahnenschwenken, sekundiert von Parolen «Wir löschen die Erinnerung», verschwinden zu können. «Zur Verteidigung der Zukunft nämlich».
Wie eine bitterböse Satire auf den alt-neuen kroatischen Nationalismus liest sich Boris Deulovis phantastische Erzählung «Die Bakterie», die mit kriminalistischer Spannung ein absurdes Szenario entfaltet: die Weitergabe jener Streptokokkenbakterie, die anno 1959 den Gründer der faschistisch inspirierten kroatischen Ustascha-Bewegung, Ante Paveli, in den Tod beförderte. Nebenbei inszeniert die Erzählung auch eine Beziehungskrise – ein Thema, das Robert Perii («Kein Gott in Susedgrad») mit kühler Lakonie behandelt, wenn er seinen Junghelden Dane in einer öden Zagreber Vorortssiedlung mit der Frau seines Freundes schlafen lässt, während im Nebenzimmer der Säugling schreit. «Es gibt keinen Gott. Es gibt kein Gesetz», murmelt Dane im inneren Monolog. Und konstatiert damit eine Leere, die auch andere Figuren dieser Anthologie in die Amoralität oder den Wahnsinn treibt.
Bei Tatjana Gromaa, der einzigen weiblichen Stimme im Schriftstellerreigen, ist es eine Beckettsche existenzielle Einsamkeit, die sich sensibel Ausdruck verschafft. Menschen agieren verloren vor Kulissen, die in ihrer erstarrten Stille an De Chiricos «metaphysische Malerei» erinnern. Unwirklichkeit liegt über den Städten und Stränden, über Hochzeitsgesellschaften und Fischerständen, über «Herrn M.» und der gleichmütig-depressiven «Mutter», und so tragen Gromaas lyrische Prosaminiaturen Titel wie «Villa Zugluft», «Das Haus auf dem Friedhof», «Die blutigen Hochzeitsgäste», «Die Stadt des Verschwindens» oder «Hinter dem Traum». Wer ihren Fährten folgt, entdeckt Abgründe und Bilder, «einfach und rein wie der Tod», vor allem aber eine Sprache von unverwechselbarer Kraft.
Stanko Andri, der auf seine Weise am Thema Leere laboriert, hat die Strenge des alphabetischen Lexikoneintrags gewählt. Seine in Auszügen präsentierte «Enzyklopädie des Nichts» widmet sich halb philosophisch, halb ironisch der Abwesenheit und dem Geld, der Kunst und dem Leib, dem Nichts und dem Raum, dem Sex und der Somnologie, dem Wasser und der Zeit. Das klingt, von Zitaten untermauert, etwa so: «Die Kerze aus Zeit brennt und misst die Zeit. Die gigantische Zeit langweilt sich, und hier und da und dann und wann misst sie sich selbst.»
Andris zerebral-verspielter Text bekommt dem Lesebuch gut, das sonst die Tuchfühlung mit der widersprüchlichen Realität nicht scheut. Nicht in Roman Simis von der Kriegsvergangenheit gezeichneter Brieferzählung «Füchse», nicht in Simo Mraovis «Beichte» mit dem Titel «Konstantin der Gottesfürchtige», worin ein Dichter seine biografische Bagage auspackt: Sohn eines Frauenhelden und Unteroffiziers der Jugoslawischen Volksarmee zu sein, der serbischen Minderheit in Kroatien anzugehören, zum Schwiegervater einen der «Einflussreichen in der neuen demokratisch-chauvinistischen Führungsschicht zu haben», kurze Shoppingtrips in Triest und Graz zu unternehmen und zuzusehen, wie «alle rauswollen aus diesem Land», während diejenigen, die bleiben, den Eindruck erwecken, «dass sie aus Lust am Masochismus in kollektiver Verwirrung leben».
Wie bei Mraovi fehlt es nicht an harten Abrechnungen mit der kroatischen Vergangenheit und Gegenwart, und doch wird die Anthologie nicht von der Politik dominiert, es sei denn, man versteht darunter auch die Politik des Alltags, den luziden Blick auf prekäre gesellschaftliche Befindlichkeiten, auf zwischenmenschliche Beziehungen im Zeichen von Zerrüttung, Gewalt, sex and drugs oder schlichter Perfidie, wie sie etwa Zoran Feri in einer minuziösen Studie über das Verhalten eines Kellners vorführt. Feris Text («Der Kalender der Mayas») beginnt mit dem markanten Satz: «Das Alter kam am 23. Mai 2005, gegen 11 Uhr.» Es sind solche Sätze, die Nenad Popovis Anthologie zu einer Entdeckung machen und beweisen, dass die junge kroatische Schriftstellergeneration, mag sie auch in einen schwarzen Spiegel schauen, keineswegs auf verlorenem Posten ist.
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