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  • 19. August 2008, Neue Zürcher Zeitung
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    Hommage an Frankreich, und mehr

    Hommage an Frankreich, und mehr

    Julien Greens «Erinnerungen an glückliche Tage»

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    Martin Meyer

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    Von Marcel Proust kennen wir «Les plaisirs et les jours» – Prosastücke über Leben, Liebe und Kunst, die den Blütenduft des Fin de Siècle mit der Sehnsucht nach bedeutender Autorschaft verbinden. Aber Proust war mit seinem Erstling noch lange und weithin unterwegs zur Meisterschaft, aus welcher nach und nach das Epos der «Recherche du temps perdu» sich entwickeln konnte. Anders Julien Green – ein Bewunderer, kein Verehrer des grossen Franzosen –, der die Zeit um 1900 als Kind erlebte, während ihm freilich die Salons von Paris mitsamt Aristokratie und schwerem Geld kein Thema wurden. Doch Freuden und Tage im Milieu der Epochenschwelle kannte auch er, woraus die Gabe des Beobachters literarische Reserven anlegte. Und schon der junge Mann trat dann als Verfasser von Romanen hervor, an denen die Kritik viel Gefallen fand. Im Unterschied zu Proust holte sich Green seine Stoffe aus einer Vorstellungskraft, die den autobiografischen Anteil absichtsvoll zurückdrängte.

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    Berichte vom eigenen Leben

    Gleichwohl berichtete Julien Green gern und ausführlich aus seinem Leben – in Tagebüchern und mit epischer Geduld in den Memoiren. Leser des weitverzweigten Werks durften sich nun immer wieder wundern, wie sich die beiden Sphären voneinander scheiden: hier häufig das Dunkel der «Geschichten», die davon erzählen, wie Menschen scheitern und in den Fängen des Bösen zappeln; dort überwiegend das freundliche Licht der eigenen Vita, die unversehrt aus allen Bedrohungen über beinah hundert Jahre rüstig auszieht. Während sich der Schriftsteller seit «Mont Cinère» und «Adrienne Meusurat» in die Strudel der Passionen begibt, triumphiert der Mann seines Alltags mit der Gunst des Schicksals.

    Einen weiteren Beleg dafür stellen die «Erinnerungen an glückliche Tage». Julien Green begann diesen Text kurze Zeit nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Er verfasste ihn in Amerika und in seiner Muttersprache; 1942 erschien er unter dem Titel «Memories of Happy Days». Jahrzehnte später redigierte der Autor das Buch und übertrug es ins Französische. 2007 erschien es postum als «Souvenirs des jours heureux» bei Flammarion, und jetzt können wir die vorzügliche deutsche Fassung lesen, die Elisabeth Edl für Hanser besorgt hat. Der Gemeinplatz, dass Bücher ihre Geschichte haben, erweist sich hier als durchaus berechtigt. Dieser Prosa lag eine besondere Absicht zugrunde.

    Denn indem Green seine Kindheit und Jugend memorierte, wollte er dem angelsächsischen Publikum, näherhin seinen Landsleuten, von Frankreich berichten – von einer Wahlheimat, die seit der Übersiedlung der Eltern nach Le Havre und bald nach Paris zum Humus für vieles geworden war. Das machte den politischen Teil der Botschaft: dass die Barbaren zwar erfolgreich einmarschiert seien, doch an sich selber zugrunde gehen würden, während das Land von Voltaire, Balzac und Delacroix am Ende siegreich bleiben werde. So zu lesen in dem kurzen Ingress, der die Hommage an das bessere Europa mit der Liebeserklärung an Frankreich krönt. «La France» – als Kind habe er sie sich immer nur als mächtige Frau von mütterlicher Statur und Gnade vorzustellen vermocht.

    Schon daraus wird ersichtlich, dass diesen eher lose gesponnenen Text eine Art von indirekter, auch unbekümmerter Naivität umspielt. Und Greens éducation sentimentale, die anderen Orts die Dissonanzen nicht übergeht, präsentiert sich hier ohne Brüche oder Stockungen – alles atmet eine unbeschwerte Leichtigkeit des Seins; selbst der frühe Tod der geliebten Mutter – plötzlich ist sie unerwartet verschieden – schafft keine nennenswerte Zäsur. Solches Ineinander aber von Gross und Klein, von Hauptsatz und Nebenstimme, von Glück und Schrecken widerspiegelt letztlich die Temperatur eines Charakters, der sich erst da verwandelt, wo er als Romancier zur Arbeit geht.

    Man forschte also vergeblich nach «Stellen» oder Erlebnissen, die – wie denn bei Proust – Geschehnisse oder Einsichten präfigurierten, die wir aus Greens Romanen kennen. Als die Familie die Sommerzeit an den Ufern der Seine verbringt, wo der Vater ein Landhaus gemietet hat, ist das pastorale Idyll perfekt. Nur das knarrende Treppenhaus, das sich nächtens in einen Ort für Gespenster verschiebt, wirft seine Schatten voraus – später wird es zu einem Scharnier, das die Phantasie des Dichters beflügelt und seine Figuren belästigt. Draussen aber, auf den Feldern und um die Hügel, zeigt sich Frankreich von seiner schönsten Seite – Geschichte und Kultur, Ackerbau und ländliche Ruhe formen ein Dasein, das sich vom Hochsitz der Kutsche aus wie das Paradies ausnimmt.

    Krieg und Kriegsdienst

    Die Pariser Wohnung an der Rue de Passy hat ihre eigenen Reize. Sie atmet die Gediegenheit des Bürgertums, wird zum Schauplatz von kuriosen Anekdoten und versteckt den Teufel in einem Wandschrank im Schlafzimmer der Eltern. Der Schüler lernt langsam, fällt kaum auf, wirkt oft schüchtern – Adoleszenz ohne Schäden oder bedeutsame Epiphanien. Sogar der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verändert diese Atmosphäre nur allmählich: als die farbenfrohen Uniformen aus dem Stadtbild verschwunden sind und immer mehr Ältere das Schwarz der Trauer tragen. Dass sich der Krieg zur quälenden Dauer hin streckt, nimmt die Familie mit Gleichmut wahr. Zwei Schwestern leisten Dienst im Hotel Ritz, wo verwundete Soldaten beherbergt werden; Julien – damals noch Julian – meldet sich als Sanitätshelfer beim American Field Service.

    Die Erfahrung von Stahlgewittern bleibt ihm verwehrt. In den Wäldern der Argonne krachen Granaten, doch feindliche Begegnungen finden nicht statt. So unterhält sich der junge Mann mit seinem Vorgesetzten über Literatur, und als er 1919 ins Elsass detachiert wird, bereist er auch das geschlagene Deutschland – mit jener höflichen Neugier, die Kontakte auf Distanz hält und trotzdem der Empathie obliegt. Glaubt man dem Text, ist Green kein Mensch der starken Gefühle. Alles sedimentiert sich nach innen, in die Höhlungen einer Imagination, die sich allein dann im literarischen Metier verausgaben darf. Es gehört zu den bezeichnenden Attributen der frühen Jahre, dass der Eleve ohne Berufung und Beruf zunächst nicht zu entscheiden weiss, ob er Maler oder Schriftsteller werden will.

    Der Maler – eher der Zeichner – nimmt Kurse und muss dabei erkennen, wie die Ideale klassischer Ästhetik unter dem Ansturm des Neuen schnell zerfallen. Während sich Green noch für die Proportionen der antiken Statuen begeistert – hier wächst ein Leitmotiv für die Romane heran –, zerlegen die Kubisten den menschlichen Körper in kaleidoskopische Bruchstellen. Da bietet die Literatur doch eine breitere Palette von Stilen und Themen. Verführt von einem Studenten mit radikalen Ansichten, verfasst der Suchende einen Aufsatz, der sogar in Druck geht – ein «Pamphlet contre les catholiques de France», dessen aufgeregte Diktion der bigotten Bourgeoisie heimleuchten soll.

    Dieser Auftakt entbehrt nicht der Ironie. Denn später wird Julien Green zum Katholizismus konvertieren, und obwohl er niemals Amt und Würde eines «écrivain catholique» annehmen wird, entwirft er seine Weltanschauung im Fortgang des Schaffens vor der barocken Kulisse von Gut und Böse, Erlösung und Verderben – seine dramatis personae können ein Lied davon singen. – Folgt eine Kurzgeschichte des Titels «Fremdling auf Erden», die von Gide und Gallimard begeistert aufgenommen wird; folgt der erste grosse Roman, «Mont Cinère», der über Frankreich hinaus schnell und deutlich Resonanz erhält.

    Bekenntnisse

    Damit verlagert sich der Duktus der «Erinnerungen» unauffällig zur Seite der Selbsterkundung. Weder 1942 noch jemals danach pflegt Julien Green da, wo er von sich selber Rechenschaft gibt, den Tenor schmetternder Eitelkeit. Aber wie im literarischen Œuvre überhaupt zieht sogar in dem scheinbar harmlosen Bericht zum Lobe Frankreichs ein Sog, der Gewöhnliches, ja Peripheres langsam ins Seelenkundliche abtauchen lässt, wo es plötzlich Grundfragen der Existenz und der künstlerischen Erweckung in sich aufgenommen hat. Hier ist der urbane Amerikaner – wohl zur Überraschung seiner heimatlichen Leserschaft – bereits zum Franzosen grübelnder Gewissenserforschung geworden, was hintergründig zu beweisen war. In einem Postskriptum von 1972 führt der Autor zwanzig weitere «Erinnerungen» auf, die er weggelassen habe. Unter 17 heisst es: «Als Kind, in der Rue de Passy, fragte ich mich: <Warum bin ich nicht Gott und Gott ich?>»

    Julien Green: Erinnerungen an glückliche Tage. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Carl-Hanser-Verlag, München 2008. 269 S., Fr. 38.90.
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