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  • 20. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Glücklich ist, wer vergisst

    Glücklich ist, wer vergisst

    Die Schweiz liegt am Meer – Sebastian Schinnerls Roman «In hellen Nächten»

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    Judith Leister

    Die Schweiz oder Österreich, das ist hier die Frage. In seinem faszinierenden Roman «In hellen Nächten» blendet der Österreicher Sebastian Schinnerl, Jahrgang 1960 und heute Ingenieur in St. Gallen, die beiden Alpenländer auf geradezu perfide Weise ineinander. Offensichtlich spielt dieses Buch in der Schweiz, aber sein Sujet ist ein notorisch österreichisches. Nicht dass in der Schweizer Literatur keine engen Alpentäler voll bigotter und korrupter Bewohner vorkämen – aber Schule hat dieses Setting in Österreich gemacht. Dort ist es unter dem Begriff «Antiheimatroman» bis heute stilbildend.

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    Irritation ist Programm in Sebastian Schinnerls zweitem Buch, das eindeutige Fokussierungen unterläuft und durch Verdrehungen und Verschraubungen sich überlagernde Zwischenwelten und Zwischenzeiten schafft. Kritische Heimatkunde trifft auf Exotismus, zeitgenössische Wirklichkeit auf Vergangenheits-Gespenster, Mythos auf einen porösen erzählerischen Realismus. Souverän knüpft Schinnerl an die literarischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts an – insbesondere an Robert Musils experimentelle Erzählungen; ebenso kommt er vom Film und vom postmodernen Materialspiel her.

    Ein Dorf wird umfunktioniert

    Die Kerngeschichte besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil funktioniert eine Clique von Politikern und Unternehmern ein Schweizer Dorf mit mafiösen Methoden zur «Sonnenterrasse» und zum «Steuerparadies» um. Die Handlung treibt auf ein zentrales Ereignis zu: die Beerdigung des Kleinbauern Christian Stalder. Im zweiten Teil erzählt dieser selbst sein Leben von Kindheit an. Seine Familie lebt relativ harmonisch auf einem einsamen Hof, bis die Verschwörer auch ihn ruinieren. Als die Eltern wegsterben, verlässt Stalder den Hof – sein Absturz folgt auf dem Fuss. Er kurvt ziellos durch die Schweiz und stirbt schliesslich durch einen goldenen Schuss.

    So weit, so vertraut, könnte man angesichts dieses auseinandergesägten und zeitverkehrt wieder zusammengesetzten Plots meinen. Doch Schinnerl entrückt seine Kerngeschichte durch eine rudimentäre Rahmenerzählung, die sich an die Lotophagen-Episode der Odyssee anlehnt. Bei Homer vergessen die Griechen durch das Essen der Lotuspflanze ihre Heimat und müssen gewaltsam zurück aufs Schiff gebracht werden. Auch bei Schinnerl landen Seefahrer im «Land der Lotophagen». Es folgt ein Aufstieg der Gefährten über eine Schlucht, bei dem plötzlich eine Alte von schamanischem Aussehen die Führung übernimmt. Die Männer verschwinden – zwischendrin taucht schattenhaft ein «Er» auf, in dem man ex post den jungen Stalder vermuten darf – und wie aus einer Zeitschleuse kommt das Weiblein oberhalb der Schlucht in der Gegenwart an: allein. Dort liegt das Schweizer Dorf an einem steilen Hang über dem Abgrund. Schneeflocken fallen «in ordentlicher Mathematik» zu Boden, die Kirchturmuhr schlägt. Dann setzt die Kernhandlung um Christian Stalder ein.

    Archaisches im Heute

    Brillant etabliert dieser Einstieg einen fremden Blick auf altbekannte Verhältnisse, macht Archaisches im Heute sichtbar. Die Verdrängung der Kleinbauern, aber auch die Geschlechterverhältnisse im Dorf sind kolonialistisch. Die meisten Frauen, oft Exotinnen, stehen in einem Dienstbotenverhältnis zu den infantilen Männern. Eine von ihnen befreit sich übrigens mit Hilfe des «Atrauf Wiible», wie die schamanische Alte mit den wehenden Zöpfen innerhalb der Schweizer Kerngeschichte heisst – ihr rätselhaftes Auftreten changiert stets zwischen subjektiver Wahrnehmung und Gespenstergeschichte. Exotisch und fremd sind auch die dialektalen Laute der Bauern im Wirtshaus. Und ein Geheimnis bleibt, warum sich Christians Mutter an dem Tag, an dem sie ihren Mann kennenlernt, wie eine Aborigine «eine feine, blaue Linie unter den Augen und eine am Haaransatz» zieht.

    Die Bildsprache ist oft expressionistisch, reiht simultan, zeigt Menschen wie Dinge. «Aus allen Windrichtungen kommen die Einheimischen über die Hügel. Sie laufen geduckt, die Arme mit zum Zupacken gemachten Händen steif nach hinten abstehend. Verkrümmte Seelen nah am Zwergengeschlecht. In der Landschaft sind sie schön, in der Annäherung werden sie fremdartig, und von Angesicht zu Angesicht ist man fremd.» Der distanzierenden Darstellung der Dorfhölle kontrastiert ein warmer Ton bei der Beschreibung der Familie auf dem einsamen Hof. Insgesamt beeindruckt Sebastian Schinnerls Sprache durch Schärfe, Witz und Wandlungsfähigkeit.

    Und die namenlosen Seefahrer? Sie tauchen am Schluss des Buches wieder auf. Von ihren Gefährten und dem Weiblein werden sie die Schlucht hinabgeführt und zurück an Bord gezwungen. Ein Toter, so heisst es kryptisch, folgt ihnen. Dann verlassen die Männer das «Land der Lotophagen», in dem die Schweiz wie Österreich aussieht – oder anders herum. Wie heisst es noch in der «Fledermaus» von Johann Strauss? «Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist . . .»

    Sebastian Schinnerl: In hellen Nächten. Roman. Residenz-Verlag, St. Pölten / Salzburg 2008. 331 S., Fr. 39.90.
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