Dienstag, 06. Januar 2009, 13:40:10 Uhr, NZZ Online
Friedrich Wilhelm Graf
Ganz fein, zart und durchgeistigt wirkt Franz Overbeck auf den Porträtaufnahmen, die die wunderschöne Auswahl seiner Briefe illustrieren. Faksimiles einiger Briefseiten lassen hingegen eine entschiedene, markante Handschrift erkennen. Auch der eigenwillige Stil des Basler Ordinarius für neutestamentliche Exegese und ältere Kirchengeschichte zeigt zutiefst Widersprüchliches an: Komplex konstruierte Sätze von Thomas Mannscher Länge spiegeln den Willen zu eleganter, formbewusster Höflichkeit, aber auch das Interesse an prägnanter, unumwundener Direktheit. Skrupulosität und entschiedene Sicherheit im Urteil sind hier paradox verknüpft. So bestätigen die Briefe, was Karl Löwith einst über die wenigen, ausnahmslos gewichtigen Publikationen des Gelehrten schrieb: «Wer nicht die Mühe scheut, die Gedanken Overbecks nachzudenken, wird in dem Labyrinth seiner vorbehaltvollen Sätze die gerade und kühne Linie eines unbedingt redlichen Geistes erkennen.»
Derzeit sind 2613 Briefe an Overbeck und 923 von ihm stammende Gegenbriefe bekannt. Aus seinen Briefen sind nun 189 ausgewählt worden, mit der Intention, seinen lebensgeschichtlichen Weg, sein intellektuelles Profil und auch seinen Charakter sichtbar zu machen. Der Leser wird in eine Gelehrtenwelt geführt, die von den heutigen akademischen Verhältnissen mehrere hundert Jahre entfernt scheint. Nur vier Wochenstunden Lehrverpflichtung und sehr viel Zeit am heimischen Schreibtisch, trotz manchen akademischen Ämtern, als Dekan oder 1876 als Rektor. Die Basler theologische Fakultät hat in manchen Semestern nur 36 Studierende, und mehrfach fallen die angekündigten Kollegs aus, weil kein Hörer erscheint. 1891/92 lässt sich Professor Overbeck von seinen Amtspflichten dispensieren und geht für einen Winter nach Nizza. Gern reist und wandert er mit Freunden, und wenn er ins neue Deutsche Reich fährt, wählt er statt erster oder zweiter die dritte Klasse, um Volkes Stimmung zu erfahren.
Von dem in Basel besonders heftig und peinlich schrill ausgetragenen kirchenpolitischen Streit zwischen Pietisten, Neoorthodoxen und Reformern hält der asketisch und zurückgezogen lebende Overbeck sich fern, auch wenn die liberalen «Religionsschwätzer» mit ihrer «Religion von bequemen Phrasen» ihn gern vereinnahmen wollen. In Briefen nach Deutschland bezeichnet er die Basler als «Eingeborene», und in der Stadtöffentlichkeit übernimmt er nur eine einzige Funktion: Obwohl ihm Richard Wagner 1862 in Leipzig als widerlich eitler, pathetischer Phrasendrescher begegnet war, wird Overbeck unter dem Einfluss seines Seelenfreundes Nietzsche insoweit zum Wagnerianer, als er von 1876 bis zu seinem Austritt 1882 als Präsident und Kassier der Basler Lokalgruppe des Bayreuther Patronatsvereins amtiert. Auch reist er nach Bayreuth, um Proben zum «Ring des Nibelungen» zu sehen. Antisemitismus und nationalistisch verbrämte Kunstreligion lehnt er allerdings scharf ab.
Der faszinierende Reichtum der vorzüglich edierten Briefe kann nur angedeutet werden. Manche bisher kaum bekannte Kontakte überraschen, etwa zum Verbindungsbruder Max Weber senior. Sichtbar wird ein kulturpessimistischer Intellektueller mit klaren politischen Urteilen. Der enge Jugendfreund Heinrich von Treitschkes unterstützt die kleindeutsche Reichseinigung. Aber der in St. Petersburg geborene und kosmopolitisch erzogene Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters lehnt die Annexion von Elsass-Lothringen ab und hält Bismarcks Kulturkampf gegen die Katholiken schon deshalb für falsch, weil man mit «nackter Staatsgewalt» im religiösen Leben nur Schaden anrichte. Angesichts der «ungeheuren Verflachung» im neuen Reich sei «die schwer gefährdete deutsche Idealität» zu pflegen.
Im «Schleime des allgemeinen Philistertums» könne auch eine neue Nationalreligion, wie der Briefpartner Paul de Lagarde sie empfiehlt, nicht helfen. Rettung komme nur aus dem Mut zu entschiedener Kritik. So wird Overbeck nicht müde, bei seinen deutschen Korrespondenzpartnern immer wieder für seinen engsten Basler Freund, den «Hausgenossen» Friedrich Nietzsche, zu werben. Dies führt zur Entfremdung vom innig geliebten Treitschke, dessen borussisch-nationale Indienstnahme protestantischer Tradition ihn anwidert. Overbeck versucht, Nietzsches «Geburt der Tragödie» in Treitschkes «Preussischen Jahrbüchern» unterzubringen; «die Arbeit» sei «eine der gedankenreichsten und tiefsinnigsten, die wir in Deutschland seit Jahrzehnten auf dem Gebiete der Aesthetik gelesen». Der nationalliberale Historiker freilich hält nichts von Nietzsches «Phantasterei» und erklärt es zu Overbecks «Freundespflicht, zuweilen Wasser in Nietzsches Wein zu giessen»: «Ich sehe mit Bedauern ein bedeutendes Talent sich in solche Wunderlichkeiten verlieren», schreibt Treitschke im Juni 1872 nach Basel.
Der ebenso sensible wie gesundheitlich labile Overbeck ist ein Genie der Freundschaft, überaus zärtlich und einfühlsam, immer diskret und hilfsbereit. Als er, begleitet von einem jungen Arzt, den von Wahn und Verfall gezeichneten Nietzsche aus Turin nach Basel zurückbringt, vergiesst er viele Tränen; und selbst diffamierende Angriffe durch die geldgierige und intrigante Elisabeth Förster-Nietzsche können ihn nicht davon abhalten, dem Freunde über den Tod hinaus ein äusserst emotionsdichtes Andenken zu wahren. Overbecks Briefe an seine Frau Ida, eine hochgebildete, musikalische Person, die auf Vorschlag Nietzsches Texte Sainte-Beuves übersetzt, zeigen, wie geteiltes Leiden an vulgären «modernen Menschen» elitär intime Seelennähe stiftet.
Unter den akademischen Theologen kann Overbeck nur Einzelnen Respekt entgegenbringen, vor allem dem Marburger Neutestamentler Adolf Jülicher. Harnack, der ihn als junger Dozent in Basel aufsucht, stösst ihn in seiner allzu glatten, gefälligen kulturreligiösen Geschichtssicht zunehmend ab; und die meisten Theologen verachtet Overbeck einfach als erschreckend ungebildete Zeitgenossen: «Oder sollen wir uns etwa zur Theologie Leute mit einer ganz besonderen Gehirnorganisation wünschen? An solchen fehlt es uns ja leider bisher nicht.»
Sehr einsam sei Overbeck im Laufe der Jahre geworden, schreiben die Herausgeber Niklaus Peter und Frank Bestebreutje in ihrer ausgezeichneten Einleitung. In der Tat spricht Overbeck, tief enttäuscht über die Wirkungslosigkeit seiner «Streit- und Friedensschrift» «Ueber die Christlichkeit unserer heutigen Theologie», selbst davon, er wolle «einsam» seinen «Seitenweg weiterwandeln». Doch darf wirklich einsam genannt werden, wer mit nicht weniger als 429 Menschen korrespondiert? Selbstbewusste Distanz zum Mainstream mag freilich der Preis sein, den hypersensible und um strengste denkerische Redlichkeit bemühte Intellektuelle angesichts «der Barbarei der Gegenwart» nun einmal zahlen müssen. Wer auf Oberflächlichkeit setzt, hat gewiss den breiteren, leichteren Weg gewählt. Dem Band sind hervorragend gearbeitete Verzeichnisse zur Gesamtkorrespondenz, eine Zeittafel und ein Verzeichnis der von Overbeck erwähnten Literatur beigegeben.
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