Dienstag, 06. Januar 2009, 12:16:42 Uhr, NZZ Online
Qet. Was sind die echten Viren gegen die virtuellen? Dass damit nicht ein Bazillus der neuen Informationstechnologie gemeint ist, sondern ein gefährlicher Multiplikator der menschlichen Zivilisation, macht der 1958 im damaligen Jugoslawien geborene und heute in Budapest lehrende Kunsthistoriker Zoltán Sebök in seinem Grossessay «Parasitäre Kultur» deutlich. «Meme» nennt er gemeinsam mit anderen Vertretern der Memtheorie jene Viren, die es unmöglich machen, sich von ihnen zu unterscheiden, es sind Muster der Information, die sich durch Nachahmung verbreiten. Zwischen Philosophie und Literatur, Kunst und denkerischer Libertinage ist Seböks Buch angesiedelt, das sich auf widerständige Weise mit dem Phänomen stereotyper Wahrnehmung auseinandersetzt. Der «Architektur der Aufmerksamkeit» ist ein zentrales Kapitel gewidmet, das zeigt, wie der Blick noch des wachsten Intellektuellen durch ein ausgewähltes Angebot an Information gelenkt wird. Dass wir nicht Herr im Haus der eigenen Wahrnehmung sind, bekennt Zoltán Sebök weniger mit Sigmund Freud als mit dem Leid des Kunsthistorikers, der zu sehen gelernt hat. Das an kuriosen Beispielen reiche Buch «Parasitäre Kultur» sollte zur zumindest vorübergehenden Stärkung des Immunsystems beitragen.
Leser-Kommentare: 0 Beiträge