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  • 20. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Alles war Umweg

    Alles war Umweg

    «Heimliche Feste» – neue Gedichte von Uwe Kolbe

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    Michael Braun

    Uwe Kolbe ist ein Dichter des Unterwegsseins: Er kartografiert seine Heimatgefühle, ohne sich seines Existenzrechts an den besungenen Sehnsuchtsorten je gewiss zu sein. Seine Phantasien des Nomadisierens trieben bereits den jungen Kolbe durch den «Vaterlandskanal» der frühen DDR-Jahre hindurch, vorbei an prekären Grenzübergängen wie «Bornholm II» (so ein Gedichtband von 1987) und hinweg von den Zumutungen der DDR-Literaturpolitik. Seine neuen Gedichte schlagen nun einen grossen Bogen von west- zu osteuropäischen Fixpunkten, an denen ein irisierendes Licht «aus den Träumen in den Tag herüberscheint». Es ist ein unverhohlen romantisches Glücksversprechen, das in diesen Gedichten aufblitzt, in lyrischen Reminiszenzen an Städte und Landschaften, in denen der Dichter einige unbedrängte Tage oder Wochen verweilen durfte.

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    Vor zehn Jahren hatte sich der 1957 geborene Kolbe, der die DDR schon vor ihrem Ende verliess, von jenem utopischen Ort verabschiedet, der die Träume seiner Jugend geprägt hatte. Das sagenhafte «Vineta» war ihm Chiffre für Hoffnung und Verbrechen, ein Ort, in dem zuletzt nur noch «das Schweigen der Macht» hauste.

    In seinem neuen Gedichtbuch, das seinen Titel aus der vierten «Römischen Elegie» Goethes gewinnt, folgt Kolbe nun den Suggestionen neuer Wahlheimaten. Die unendliche Fahrt in insgesamt acht Kapiteln beginnt mit dem Zyklus «Sailor's Home», in dem der romantische Vagabund als Getriebener gezeigt wird, der nur aus der Distanz seine ferne Geliebte besingen kann. Dieser Zyklus gibt die Tonart des ganzen Bandes vor: Ein Sänger, assoziativ verbunden mit den Figurationen des Orpheus-Mythos, singt ebenso zarte wie brüchige Liebeslieder «vom Rand der Katastrophen». Dann schweift sein Blick über die milden Hügel «in Pfalzen» und wendet sich schliesslich nach Osten, wo wie eine Wiedergängerin versunkener Geschichte «die Königin von Plowdiw» in fast mythischem Glanz auftritt.

    In all diesen Gedichten nimmt Kolbe die metrischen Linien und Melodien der klassisch-romantischen Vorbilder auf – und konterkariert zugleich seine Elegien und Psalmen mit einer kolloquialen Leichtigkeit, dass jede traditionalistische Devotion vermieden wird. In grossartiger Weise gelingt ihm diese Vermittlung von Tradition und Moderne in einem Gedicht wie «Mantis religiosa», in dem die legendäre Fangschrecke, die Gottesanbeterin, in einen stummen Dialog mit dem Dichter tritt. Solche mythischen Aufladungen gelingen Kolbe aber nicht immer. In einigen poetischen Orts-Erkundungen gerät er mitunter in Versuchung, die von ihm besungenen Städte und Landschaften nicht nur mit sentimentalischen Reminiszenzen, sondern auch mit quasitouristischen Aufpolsterungen auszustatten.

    Die intensivsten Gedichte finden wir in den zentralen Kapiteln «An Orten» und «In Nächten», in denen Kolbe die Volksliedtöne Heinrich Heines mit seinem ureigenen «trostvoll leichten Jargon» bricht. So entstehen berückende Texte, in denen die Heineschen Sehnsuchtsmelodien mit tristen postindustriellen Wirklichkeiten («Halle-Lureley») und ernüchternden Gegengesängen zusammentreffen. Uwe Kolbe, der nomadisierende Dichter des Aufbruchs, übt sich hier in der Kunst, gleichzeitig Ja und Nein zu den Verheissungen der «Heimat» zu sagen. Die emphatische Bejahung des Naturschönen wird ebenso autorisiert wie das entschlossene Nein zu falschen Heilsversprechen. Diese artistische Übung glückt nicht nur in jenem Text, der das «Nein» schon im Titel trägt, sondern auch in dem grandiosen Gedicht «Istok 2», das Emphase und Ernüchterung in eine schöne Schwebe bringt: «Aus dem Nein gurgelt Ja, / wollt ich je anderes sein? / Schwer, weich, atemlos. / Alles war Umweg, ich gebe / die Teufel des Abendlandes / für diesen Engel aus Schmerz.»

    Uwe Kolbe: Heimliche Feste. Gedichte. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2008. 108 S., Fr. 29.70.
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