Mittwoch, 07. Januar 2009, 00:18:48 Uhr, NZZ Online
Martina Wohlthat
«TanzMusik» lautet das Motto in diesem Sommer bei Lucerne Festival. Die Luzerner Tanzdirektorin Verena Weiss und der Choreograf Joachim Schloemer zeigen mit zwei unterschiedlichen Produktionen, was der Tanz in einem musikalischen Umfeld leisten kann.
Als Tanzschöpfer stehen Verena Weiss und Joachim Schloemer in der Tradition des deutschen Tanztheaters mit seiner Fähigkeit, Seelenzustände in eigenwillige Bilder zu übersetzen. Beide Choreografen arbeiten in ihren bei Lucerne Festival uraufgeführten Tanzwerken mit live gespielter Musik und lassen die Musiker mit den Tänzern zusammen auf der Bühne agieren. Doch hier enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Während Verena Weiss in «Klezmer» bodenständig bleibt und zu den Klängen von David Orlowskys Klezmorim die Freuden und Leiden einer jüdischen Hochzeit eins zu eins auf die Bühne bringt, schickt Joachim Schloemer in seinem Tanzabend «in schnee» die Cellisten Sebastian Diezig, David Pia und Mattia Zappa mit Johann Sebastian Bachs Cello-Suiten auf eine verschlungene Reise in die Innerlichkeit.
Die Farbe Weiss spielt in beiden Stücken eine Hauptrolle. Ein weisses Flimmern legt sich in Joachim Schloemers Winterreise über die Seelenlandschaft eines Reisenden im bauschigen Mantel. Der Tänzer Daniel Jaber mit den brennenden Augen wirkt zugleich matt zum Niedersinken und rastlos umhergetrieben. Schloemers Tanzwerk wurde von Hans Castorps Schneewanderung in Thomas Manns Roman «Der Zauberberg» angeregt. Auf der Bühne des Luzerner Saals im KKL steht ein Zelt, das nacheinander als Unterstand, Hotelhalle und Seelengefängnis dient. Eingehüllt in flirrendes Weiss und Bachs Musik – beides hat für Schloemer halluzinatorische Wirkung –, begegnet die Hauptfigur ihren Dämonen und Doppelgängern.
Bei den Frauen des Luzerner Tanztheaters weckt das bräutliche Weiss dagegen Wünsche nach Geborgenheit. Die Klarinette schluchzt herzergreifend, die Braut wird unter einem Berg von Brautkleidern nahezu begraben. Ein Gebirge aus weissem Stoff türmt sich um die Tänzerin Karen Ilaender auf und bildet einen schützenden Kokon um die Braut. Heiraten bedeutet in «Klezmer» Abschied nehmen von der Kindheit. Da wird die ganze Gefühlsskala zwischen Jubel und Bindungsangst durchtanzt, und es scheint, als sollten die einschmeichelnden Melodien der Klezmorim den Hochzeits-Blues verscheuchen.
Die Choreografin Verena Weiss verdichtet in der Koproduktion des Luzerner Theaters mit Lucerne Festival das Genrebild einer Hochzeit im Schtetl zu ausgelassenen, dynamisch getanzten Szenen. Das streift zwar einige Klischees, doch der individuelle tänzerische Ausdruck behält beim detailfreudigen Blick auf das Leben die Oberhand. Der Elan der Tänzer überträgt sich im Luzerner Casineum ungebremst auf das Publikum. Einige Zuschauer werden an die gedeckte Tafel gebeten, stossen auf das Brautpaar an und – man ahnte es bereits – müssen im wilden Reigen mittanzen. Auch hier trägt die glutvolle Musik von David Orlowskys Klezmorim über alle Erdenschwere hinweg. Tanzende Töne und wirbelnde Beine werden eins. Mehr will das Stück nicht. Doch so viel klingende Vitalität und Bewegungsenergie vermögen mitzureissen.
Beide Choreografen verwenden die Musik relativ frei für ihre Assoziationen. Interessant wird dies, wenn die Musik nicht nur die Tänzer bewegt, sondern der Tanz auch neue Facetten der Musik freilegt. Welche erotische Ausstrahlung etwa hat die Allemande aus Bachs erster Cello-Suite, wenn dazu eine Frau dem Protagonisten schlangengleich unter Hemd und Mantel kriecht? Weshalb lässt sich zum Prélude der Suite Nr. 2 so leichtfüssig mit dem Seil springen? Und warum ist die Courante der dritten Suite eine so hurtige Begleitmusik zu einem riskanten Ritt auf kippenden Stühlen? Schloemer hat dafür hervorragende Darsteller: sechs Tänzer und drei Cellisten, die Bachs Solowerke mitunter auch zu zweit und zu dritt musizieren, was in der Intonation etwas schräg tönt. Der Choreograf gibt jede Menge Denkanstösse. Oft sind es zu viele. Dann spürt man den Anspruch und die Last, Bachs weite Zeiträume szenisch füllen zu müssen. Zumal alle sechs Suiten mitsamt Wiederholungen gespielt werden. Aus Bachs lucide stilisierter Tanzmusik wird ein gar strenges Exerzitium.
Nach der Pause ist in «in schnee» alles anders. Die betriebsame äussere Welt auf der Bühne verschwindet, und es spielt sich nun alles im Kopf des Protagonisten ab. Zur fünften Suite scheinen karge, filmische Erinnerungsbilder auf. In der Beschränkung der szenischen Mittel zeigt sich Schloemers ungeheure Bildphantasie. Der Versuch des Protagonisten, sich in der schonungslosen Innenschau selbst zu finden, führt in die Entfremdung. Da bleibt nur noch die Gewissheit der Musik. Der Cellist Mattia Zappa spielt die sechste Suite hochkonzentriert und kraftvoll mit sprechendem Duktus. Als Zuschauer hat man am Ende das Gefühl, von einer langen, gefahrvollen Reise heimgekehrt zu sein.
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