[Alt + 1] zur Startseite [Alt + 2] zum Seitenanfang [Alt + 3] zur allgemeinen Navigation [Alt + 4] zur Hauptnavigation [Alt + 5] zum Inhalt [Alt + 6] zu Tipps, Hinweise und Kurzinfos [Alt + 7] zur Suche [Alt + 8] zum Login von MyNZZ [Alt + 9] zur Fusszeile
.
  • 20. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Südkorea – ein Vorbild für China?

    Südkorea – ein Vorbild für China?

    Die Olympischen Spiele von 1988 in Seoul trugen massgeblich zu einem Mentalitätswandel bei

    Toolbox
    Druckansicht
    Die Olympischen Sommerspiele von 1988 in Seoul sind als Meilenstein in die Geschichte der Selbstbefreiung und Selbstfindung Südkoreas eingegangen. Könnte für China Ähnliches geschehen?

    Hoo Nam Seelmann

    Nach Japan hatte Südkorea als zweites asiatisches Land 1988 die Olympischen Spiele ausgerichtet. Zwanzig Jahre später bietet nun China dem globalen Sportereignis die Heimstätte. Japan nützte 1964 die Spiele, um sein durch den Pazifischen Krieg ramponiertes Image aufzupolieren und sich der Welt als eine neue Wirtschaftsmacht zu präsentieren. Es stiess damit als erstes nichtwestliches Land zu der durch den Westen dominierten Riege der die Spiele austragenden Nationen. Südkorea wiederum, das wirtschaftlich zu einem Schwellenland herangewachsen war und nach der langjährigen Militärdiktatur gerade zaghafte Schritte zur Demokratisierung unternahm, knüpfte an die Austragung der Spiele eigene Erwartungen. Ein grosses Wagnis war es dennoch für das IOK, die Spiele nach Seoul zu vergeben.

    Anzeige
    .
    .

    An besorgten Stimmen hat es damals nicht gefehlt, als 1981 die Entscheidung zugunsten Koreas fiel. Denn nicht nur die Konfrontation zwischen Nord- und Südkorea sorgte stets für Unruhe an der Grenze, sondern innenpolitisch lag der Aufstand der Bürger in Gwangju (1980), der vom Militär blutig niedergeschlagen wurde, gerade einmal ein Jahr zurück. Die Situation der Menschenrechte war mehr als problematisch. Bilder von fliehenden Demonstranten und von Strassen voll mit Tränengas gingen noch um die Welt, als sich die Koreaner mit grossem Einsatz an die Vorbereitungen der Spiele machten. Das schon seit drei Jahrzehnten herrschende Militär erklärte sich erst ein Jahr vor den Spielen bereit, eine neue Verfassung auszuarbeiten und sich an demokratische Spielregeln zu halten. Aus heutiger Perspektive mutet es beinahe seltsam an, dass das IOK diese Entscheidung gefasst hat.

    Sport statt Politik

    Trotz dieser Ausgangslage gelten die Spiele in Korea als Beispiel für eine erfolgreiche Ausrichtung. Unabhängig davon, ob man den nationalen oder den internationalen Medienberichten folgt, das Urteil fiel einhellig aus. Denn die Spiele verliefen friedlich. 159 Nationen nahmen daran teil, nur wenige Länder wie Nordkorea und Kuba blieben zu Hause. Die vorangegangenen Spiele (1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles) waren durch gegenseitige Boykottaufrufe der beiden politischen Blöcke Torso geblieben. Die Sehnsucht schien gross, endlich keine durch Politik überschatteten Spiele zu erleben. So fand in Seoul die erste grosse Zusammenkunft der Sportler aus der ganzen Welt seit langem statt.

    Das mag der Grund dafür gewesen sein, dass die Weltpresse im Urteil durchweg wohlwollend viele positive Seiten hervorhob und grosszügig über Unzulänglichkeiten hinwegging, die es trotz dem guten Willen seitens der Koreaner gewiss überall gab. Man gewinnt den Eindruck, dass man Korea aufmuntern wollte, den eingeschlagenen Weg der Demokratisierung weiterzugehen, und im Nachhinein betrachtet, kam auch die Aufmunterung zur rechten Zeit. Denn unumstritten haben die Spiele auch im Inneren nachhaltige Spuren hinterlassen.

    Wachsendes Selbstvertrauen

    Die von den Koreanern bewusst registrierten Veränderungen lassen sich in vier Punkte zusammenfassen: Erstens hat die Ausrichtung der Spiele dem Demokratisierungsprozess einen neuen Schub gegeben, und zweitens hat sie Koreas Image in der Welt verbessert, indem sie zur Verbreitung der koreanischen Kultur beitrug. Als Folge wuchs auch das Selbstvertrauen der Koreaner in die eigene Kultur. Drittens verlieh sie der Wirtschaft einen neuen Auftrieb, und viertens verhalf sie dazu, aussenpolitisch neue Horizonte zu erschliessen. Südkorea hatte die lang gepflegte antikommunistische Ideologie ad acta gelegt. Deswegen kam es durch die Olympischen Spiele zu ersten richtigen Begegnungen zwischen den damals noch kommunistischen Ländern und Südkorea. Diese Veränderung hatte eine sichtbare Verschiebung in der südkoreanischen Aussen- und Wirtschaftspolitik zur Folge.

    Betrachtet man die Situation um die Spiele in China heute, gibt es einerseits gewisse Parallelen, andererseits aber auch Unterschiede. Die Parallelität: Auch China ist ein Parvenu in der Weltwirtschaft. Die chinesische Gesellschaft und das politische System wurden in den letzten Jahrzehnten durch eine totalitäre Ideologie geprägt. Besorgte Stimmen wegen der Menschenrechtsverletzungen gab es in Bezug auf beide Länder. China schickt sich, wie damals Korea, zu einer wirtschaftlichen und politischen Öffnung an und sucht eine Neuorientierung auf der weltpolitischen Bühne. In beiden Ländern geht und ging es um Anerkennung in der Welt, denn sie waren beziehungsweise sind aufgrund schmerzhafter historischer Erfahrungen und einer durch Armut geprägten Vergangenheit von Komplexen geplagt, vor allem gegenüber dem Westen. – Die Unterschiede fallen aber auch direkt ins Auge. Innenpolitisch standen in Korea Studenten, Intellektuelle und Bürger der Militärdiktatur ablehnend gegenüber und kämpften für deren Abschaffung. In China existieren kaum solche Gruppierungen, die von Bürgern gestützt werden. Die bis heute andauernde aufrichtige Verehrung von Mao zeugt davon, dass der Kommunismus von der Mehrzahl der Chinesen zumindest noch nicht als eine Diktatur mit unmenschlichem Antlitz erlebt wird. Denn Mao hat China von Japan und vom Westen befreit und dem Land Einheit und Selbständigkeit gegeben.

    Chinas andere Dimensionen

    Ein weiterer Unterschied besteht im veränderten weltpolitischen Umfeld – der Berliner Mauerfall liegt dazwischen – und in revolutionären technischen Umwälzungen, denn das Internet ist mittlerweile zum Gradmesser der Freiheit geworden. Der wichtigste Unterschied liegt jedoch im Grössenunterschied beider Länder. China ist ein grosses Land, dessen Aufstieg politisch und wirtschaftlich eine völlig andere Dimension besitzt. Das Unbehagen, das vor allem der Westen bei dieser Wendung der Weltgeschichte zu empfinden scheint, beruht auf der Ungewissheit, die der Aufstieg eines solch mächtigen Landes wie China für die Zukunft bringen wird.

    Der Westen erblickt in China die kommende Konkurrenz. Gegenüber Korea, dem politischen Zwerg, konnte man nachsichtig und aufmunternd sein. Dies wird besonders deutlich im Diskurs über die Menschenrechte, der anders als im Fall Korea die Spiele in Peking bereits jetzt zum Politikum gemacht hat. Ob eine aufmunternde Teilnahme und ein Vorschuss an Vertrauen für innovative Kräfte in China ähnliche positive Resultate wie in Südkorea bringen werden, bleibt abzuwarten. Im Falle Koreas hat es sich jedenfalls mehr als gelohnt.


    .
    Leserkommentare ein- und ausblenden Leser-Kommentare: 0 Beiträge
    .
    Um selbst einen Leser-Kommentar abgeben zu können, müssen Sie sich hier anmelden. Bitte beachten Sie die für Leser-Kommentare geltenden Richtlinien und Copyright-Bestimmungen.