Dienstag, 06. Januar 2009, 07:28:28 Uhr, NZZ Online
Karolina Dankow
Es ist ein Tal der Gegensätze, das Bergell. Dem urbanen Touristen mag es einerseits beklemmend eng und erschreckend ländlich erscheinen. Zugleich verhält es sich wie mit New York, das jedem Europäer von Filmen und Fotos vertraut ist: Auch wer noch nie hier war, wird die Umgebung erkennen. Unser Bildgedächtnis ist gespeist von deren Darstellungen.
Tatsächlich scheint das Gebiet noch immer besetzt von den grossen Geistern Segantinis und der Familie Giacometti. Und nicht nur sie waren hier: Varlin fand hier seine letzte Station, Rilke verbrachte eine Saison in Soglio, Ernst Bloch wollte sich hier niederlassen. Und noch einer hat seine Spuren hinterlassen: der belgische Graf Camille de Renesse (1836–1904), ein tollkühner Hotelier, der neben einigen Luftschlössern auch zauberhafte Paläste in der Region erbaute.
Immer wieder begegnet einem der Topos des Reisens. So wie Giacometti das Tal verliess, um in Paris seine eigene Bildsprache zu finden, jedes Jahr aber zurückkehrte, prägen Einwanderungen und Auswanderungen die Bergeller Kultur bis heute. Junge Leute wandern ab, Immigranten kommen dazu, erfolgreiche Geschäftsleute richten sich in der alten Heimat den Zweitwohnsitz ein. Diese spezielle Position zwischen dem «Diskurs in der Enge» und dem grossen Geist, der aufwallenden Geschichte, die hier noch lebt, war einer der Gründe, weshalb die Kuratorinnen Angelika Affentranger-Kirchrath und Patrizia Guggenheim das Bergell als Ort für eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum wählten. Zwei Jahre dauerte die intensive Planung für die «Arte Bregaglia», die den ganzen Sommer über zu besichtigen ist.
Dreizehn Künstler aus der Schweiz, Deutschland, Italien und Frankreich wurden eingeladen, Werke in der und für die Gegend zu realisieren. Im Vordergrund stand der Dialog mit der Bevölkerung, Natur und Geschichte. Dabei war man sich der Problematik des Unterfangens von Anfang an bewusst. «Kunstprojekte im öffentlichen Raum haben, inflationär geworden, in der letzten Zeit oft Kritik geerntet», schreibt Angelika Affentranger-Kirchrath im Ausstellungskatalog. Die Probleme sind bekannt: Entweder wird dem Publikum eine nicht zu bewältigende Kunstolympiade zugemutet, wo man viel Zeit mit Suchen der Exponate vergeudet. Oder die Akzeptanz des «eingepflanzten» Projektes in der Bevölkerung bereitet Bauchschmerzen. Ein weiteres Szenario sind wetterbedingte und durch die erschwerte Wartung auftretende technische Schwierigkeiten.
Man kann es vorwegnehmen: Gegen all diese Negativpunkte ist auch die «Arte Bregaglia», die sich über 30 Kilometer von Maloja bis Chiavenna erstreckt, nicht gefeit. Diese Probleme gehören zu Ausstellungen im öffentlichen Raum wie die institutionelle Komponente zu Museumsschauen. Doch wer die «Arte Bregaglia» begeht, sollte dies ohnehin nicht «nur» wegen der Kunst tun. Denn dafür sind die Exponate zu weit auseinandergelegen, teilweise zu subtil und zu wenig spektakulär. Für den pragmatischen Kunstkonsum wurde die Schau nicht konzipiert. Vielmehr geht es um ein ganzheitliches Erlebnis, eine Annäherung an das mythische und unfassbare Bergell. Die Kunstwerke lassen sich dabei als Mediatoren nutzen, die zwischen Regionen und Epochen vermitteln. Zugleich liefern sie Aufschlüsse über die Gedankenwelt der einzelnen Künstler und deren Auseinandersetzung mit der Region. So spielt die Arbeit «Castagne» des Wahlberliners Rémy Markowitsch humorvoll mit dem Begriff des «Afrika der Schweiz», der für das Bergell verwendet wird. Inmitten von ehemaligen Kastaniendörrhäuschen, die heute als Touristenchalets dienen, hat der Künstler eine afrikanische Hütte errichtet mit einer leuchtenden Riesenkastanie als Fetisch auf dem Dach. Markowitsch rückt die Kastanie als früheres Grundnahrungsmittel und heutige Touristenattraktion ins Zentrum. Im Inneren der Hütte steht ein Wassertank mit der Aufschrift «gratis» als Verweis auf den Nestlé-Skandal um das Trinkwasser in Afrika.
Die Geschichte der abgewanderten Zuckerbäcker im Bergell hat die beiden Schweizerinnen Simone Zaugg und Ursula Palla zu ihren Arbeiten angeregt. An einer leerstehenden Tankstelle vor Stampa hat Zaugg den Schriftzug AWAY aus 100 Kilo schweren Zuckerbuchstaben angebracht. Die Aussage thematisiert die Abwanderung und schmilzt selbst mit dem Regen dahin. Palla hat in Coltura im märchenhaften Palazzo des «Zuckerbäckerbarons» Giovanni Castelmur einen Kronleuchter aus duftendem Caramel aufgehängt. Ebenfalls kulinarisch inspiriert hat sich Michael Günzburger, der 94 Restaurants im Gebiet persönlich besuchte und mit seinen Radierungen beschenkte. Damit antwortet der Zürcher augenzwinkernd auf die Flut von Segantini- und Giacometti-Reproduktionen in den örtlichen Gaststätten.
Eher geistiger Art ist der Hintergrund von Ariane Epars' Aktion. Sie räumte die verstaubte, verschlossene Kirche Nossa Donna in Promontogno aus und strich die darin befindliche Familiengruft des Zuckerbäckerbarons in leuchtendem Rot an. Auch die Mailänderin Chiara Dynys realisierte eine Arbeit in einer Kirche. Der Schriftzug «Bellezza / Sobrieta» (Schönheit / Nüchternheit) in der Apsis der gotischen Kirchenruine bei Casaccia verweist auf die polare Identität des Tales sowie auf den Reformationsprozess und dessen Folgen.
Besonders schön sind die Arbeiten, die sich dem Besucher nachts erschliessen: etwa Bethan Huws' Neonschriftzug «EAU & GAZ à tous les étages» auf einer Scheune in Bondo – eine Allusion an Duchamps erstes Katalogcover. Während dieses auf die Elektrifizierung von Paris verwies, thematisiert die in Paris lebende Waliserin die Stromgewinnung des Elektrizitätswerkes Zürich im Bergell. Weniger konzeptuell, dafür fast körperlich spürbar ist Roman Signers Projektion seiner eigenen Gestalt im Fluss Maira. Der 70-Jährige erscheint in einem Kanu sitzend, unablässig gegen den Strom paddelnd. Wie eine Geistererscheinung wirkt die Projektion, mutig und verzweifelt in ihrem unablässigen Kampf.
Der körperliche und seelische Kraftakt, den der «Elementarkünstler» hier vollführt, kann als Metapher für Roman Signers ganzes Œuvre gelesen werden. Und mehr noch, gilt der Fluss doch seit je als Sinnbild für das Leben. Die Anstrengung, der Kampf erst macht es zum reissenden Strom. Das kann sich auch der Kunstfreund sagen, wenn er tapfer durchs Bergell stapft, auf der Suche nach dem nächsten Werk, das er vielleicht auch gar nie finden wird. Wenn er am Abend die Wanderschuhe auszieht, das Gesehene Revue passieren lässt und sich Neonschriften, Kühe und Segantini-Reproduktionen in der Erinnerung zu einem grossen Ganzen vereinen – dann wird er sagen: Der Ausflug war alle Strapazen wert!
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