Dienstag, 06. Januar 2009, 14:21:37 Uhr, NZZ Online
Susanne Ostwald
«Des Menschen Wille, das ist sein Glück», glaubte Friedrich Schiller. Poppy (Sally Hawkins), die Hauptfigur in Mike Leighs neuem Film «Happy-Go-Lucky», hat einen starken Willen – den Willen zum Glück. Sie weiss, dass Glücklichsein kein Zustand ist, der in erster Linie von äusseren Einflüssen abhängt, sondern aus dem eigenen Innern hervorgebracht werden muss. Das heisst nicht, dass man nicht versuchen sollte, auch andere glücklich zu machen. Poppy bemüht sich pausenlos darum, und das ist ganz schön anstrengend, sowohl für ihre Umwelt als auch für sie selbst.
Wer das Leben unbekümmert, eben «happy-go-lucky» nimmt, macht sich leicht verdächtig. Poppy, der wir als paradiesvogelhaft gekleideter Frohnatur begegnen, lässt sich weder von griesgrämigen Buchhändlern noch Fahrraddieben um ihre gute Laune bringen, geht stattdessen mit ihren Freundinnen tanzen und reisst alberne Witze. Sie muss oberflächlich, verantwortungslos, wahrscheinlich auch ein bisschen dumm sein: So könnte man zu Beginn des Films meinen. Und schon hat Leigh uns dabei ertappt, wie wir dem Glück misstrauen und ihm mit einer Haltung begegnen, die von Zynismus und Pessimismus beherrscht wird.
Poppy hält uns den Spiegel vor, um zu zeigen, wie das Leben auch aussehen könnte – und dass man sich nicht von äusseren Eindrücken täuschen lassen sollte. Als Primarschullehrerin kümmert sie sich ebenso engagiert wie aufmerksam um ihre Schützlinge, denen sie nicht zuletzt das Lachen beibringt. Ihre Mitbewohnerin Zoe (Alexis Zegerman) und Poppys andere Freundinnen schätzen sie als lustige Gefährtin. Andere jedoch fühlen sich von ihrer Fröhlichkeit aufs Äusserste provoziert. Sie ist wie ein Katalysator: Allein durch ihre Anwesenheit vermag sie heftigste Reaktionen in ihrer Umwelt auszulösen. Etwa bei ihrer schwangeren Schwester Helen (Caroline Martin), die sich mit ihrem kleinlauten Mann ein kleinbürgerliches Nest gebaut hat und sich von Poppys anarchischem Lebensstil verspottet fühlt. Vor allem jedoch beim Umgang mit ihrem Fahrlehrer Scott (Eddie Marsan). Er ist verbittert vom Leben, und sein Hass auf die Welt bricht umso ungebremster aus ihm hervor, je stärker er sich Poppys Glücks bewusst wird – wofür er sie verantwortlich macht.
Die Frage nach der Verantwortung für das eigene Glück und das anderer steht im Zentrum von Leighs wundervoller, hintergründiger Komödie. Er zeigt uns Wege der Sublimierung des Daseins – und deren Erfolgschancen. Die Flamenco-Lehrerin Rosita (Karina Fernandez) beispielsweise versucht ihren Zorn auf einen Mann, der sie verlassen hat, durch energisches Tanzen auszuleben, was ihr zwar nur bedingt gelingt, aber in eine der komischsten Szenen des Films mündet. Auch Poppy ist bei ihrem Versuch, die Welt glücklicher zu machen, nicht immer erfolgreich. Einem verwirrten Tramp etwa, dem sie ihre Aufmerksamkeit schenkt, vermag sie nicht zu helfen, und so beginnt sie an ihrem Tun zu zweifeln – ebenso wie in dem Moment, als Scott ihr impulsiv und voller Verzweiflung sein vergrämtes Herz ausschüttet. Wird Poppy, derart vom Elend bedrängt, ihre positive Lebenseinstellung beibehalten können? Zur Aufmunterung macht sie einen Spaziergang durch den Park. Doch ihr Glück kann nicht von aussen kommen – sie erlangt es nur durch positives Denken und die sich darob verselbständigende Autosuggestion. Froh zu sein, dazu bedarf es nicht wenig, sondern vieler Arbeit an der eigenen Lebenseinstellung.
Glück ist, mit etwas gutem Willen, machbar – so lautet die vielleicht überraschende Botschaft von Leigh, dessen Werk in der Vergangenheit selten von grossem Optimismus zeugte. Zumeist beleuchtet er die verschatteten Ränder der englischen Gesellschaft, an denen wenig Hoffnung gedeiht, obschon sich Leigh stets bemüht hat, das Tragikomische auch an den düstersten Orten zu finden. «Happy-Go-Lucky» ist, seiner nachdenklichen Untertöne zum Trotz, mit Abstand Leighs heiterster Film – so lustig, dass das Premierenpublikum bei den diesjährigen Filmfestspielen Berlin Tränen lachte. Und das verdankt sich zuallererst Sally Hawkins, die für ihre absolut hinreissende Darstellung bei der Berlinale zu Recht mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde.
Hawkins ist als Frohnatur Poppy vollkommen überzeugend, und diese erstaunliche Leistung verdankt sich nicht allein ihrem bemerkenswerten Talent, sondern auch Mike Leighs legendärer Arbeitsweise. Seit 2002 gehört Hawkins zu seinem Stammensemble. Leigh lässt seine Schauspieler ihre Rollen in monatelangen Proben erarbeiten – ohne Drehbuch. Aus der Improvisation heraus entstehen erst die Geschichten, die sich entsprechend spontaner Reaktionen der Darsteller und somit grosser Authentizität erfreuen. Zwar legt Leigh grossen Wert darauf, dass die Figuren eine eigene Seele bekommen und nicht zu stark die der Schauspieler widerspiegeln. Doch wer Hawkins bei der Premiere in Berlin freudestrahlend über den roten Teppich hüpfen und Zaungäste wie alte Freunde begrüssen sah, zweifelt nicht daran, dass sie Poppy ist – zumindest ein bisschen. Und wir sollten es auch sein.
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