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  • 18. August 2008, Neue Zürcher Zeitung

    Religions-Test für Obama und McCain

    Religions-Test für Obama und McCain

    Eine ungewöhnliche Veranstaltung im amerikanischen Wahlkampf

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    Ein evangelikaler Pastor hat am Samstagabend die Präsidentschaftskandidaten Obama und McCain einem religiös gefärbten Interview unterzogen. McCain war persönlich, Obama beredt.


    B. A. Washington, 17. August

    Die beiden Kandidaten in der amerikanischen Präsidentenwahl, der Demokrat Barack Obama und der Republikaner John McCain, haben am Samstagabend in der Saddleback-Kirche in Kalifornien je eine Stunde lang religiös gefärbte Fragen des evangelikalen Pastors Rick Warren beantwortet. Sie traten getrennt auf. Gemäss einem Losentscheid erschien zuerst Obama, dann McCain; dieser hatte – so hiess es – dem Gespräch von Warren mit Obama nicht zuhören dürfen. Beim Wechsel vom einen zum anderen hielten sich die beiden ein paar Augenblicke lang gemeinsam auf der Bühne auf. Sie begrüssten einander freundlich mit einer halben Umarmung. Mehr als 2000 Personen hörten den Interviews in der Kirche zu, die am Fernsehen wie ein riesiges Studio, nicht wie ein Gotteshaus wirkte. Die Veranstaltung war auch insofern ungewöhnlich, als keiner der Kandidaten seinen Gegenspieler angriff.

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    Das Böse ist zu vernichten

    Pastor Warren stellte beiden Kandidaten identische Fragen, etwa nach der Bedeutung von Jesus für deren Alltag, nach der Existenz des Bösen, wann «ein Baby Menschenrechte erwirbt», über die Ehe, moralisches Versagen und Reichtum. Warren ist kein öliger Priester, und das Publikum, das sicher McCain zuneigte, war zurückhaltend und fair. Angesichts dieser Stimmung waren die Kandidaten wohl kaum in Versuchung, ihren Glauben aufgesetzt vor sich her zu tragen. McCain dürfte besser abgeschnitten haben als Obama, da er – mittels Anekdoten – mehr in Bildern sprach als der viel differenziertere Obama. Ob das Böse existiere? Es existiert – siehe Usama bin Ladin –, und man muss es vernichten. Wann ein Ungeborenes Rechtsschutz erwerbe? Bei der Empfängnis. So McCain.

    Es gibt Leute, die behaupten, man müsse Umfragen im Sommer ignorieren. Jene, die es nicht tun, rätseln darüber, warum Obamas Vorsprung vor McCain als so gering erscheint. Die Umstände sprechen nach acht Jahren republikanischer Präsidentschaft eigentlich rundum für den Demokraten. Der Abend in der Saddleback Church erlaubte einen Einblick ins Stehvermögen von McCain. Dieser ist zwar alt – rund ein Vierteljahrhundert älter als Obama –, wirkt dennoch weder gelassen noch weise und oft wenig sattelfest, doch zeigte er am Samstag, wie man ein Publikum in Bann schlägt mit Geschichten, nicht mit bedenkenswürdigen Wendungen, wie sie Obama in verblüffender Menge zu produzieren weiss.

    Leidenschaft gegen Respekt

    McCain war Kriegsgefangener in Hanoi, nachdem er, wie er zu sagen pflegt, mit seinem Flugzeug eine Rakete abgefangen hatte. Als Sohn eines Admirals boten ihm die Vietnamesen an, ihn vorzeitig zu entlassen. McCain lehnte ab, da sonst ein anderer Amerikaner zurückgeblieben wäre, der schon länger gefangen war. Das war die schwierigste Entscheidung seines Lebens, nach der Warren gefragt hatte. Viel Gebet sei notwendig gewesen. Ein Wächter im Lager habe am Weihnachtsabend ein Kreuz in den Boden geritzt, um es gleich wieder zu verwischen. Das war ein inniger Moment geteilten Glaubens. Dem hatte Obama auf dieser Ebene nichts entgegenzusetzen. Seine rhetorische Brillanz und seine klugen Abwägungen mögen Respekt wecken, aber vielleicht zu wenig Leidenschaft.


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