Mittwoch, 07. Januar 2009, 01:38:09 Uhr, NZZ Online
Spekulationen vor dem Wahlparteitag der amerikanischen Demokraten
srs./(sda) Bisher ist Barack Obama nur höchst Allgemeines über seinen Kandidaten für das Amt des amerikanischen Vizepräsidenten zu entlocken. «Ich möchte jemanden, der Integrität besitzt, der aus den richtigen Gründen in der Politik ist», sagte der 47-Jährige am Dienstag vor 2600 Anhängern im Staat North Carolina. Vor allem aber müsse er seinem Vize vertrauen können.
Die Zeichen verdichten sich dennoch, dass Obama seine Entscheidung in diesen Tagen bekannt geben wird. Der Zeitpunkt ist günstig: Am Montag beginnt der Nominierungsparteitag der Demokratischen Partei in Denver, an dem auch der Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten eine Rede halten soll.
Nach Informationen der «New York Times» hat sich Obama bereits auf einen Vizekandidaten festgelegt. Die Zeitung spekuliert, dass Obama frühestens von heute an seinen Vize präsentieren wird. Möglicherweise würde der in den USA sogenannte Running Mate Obama schon bei seinen Wahlkampf-Terminen in den nächsten Tagen begleiten. Das garantiert Fernsehbilder der beiden Kandidaten bis zum Parteitag.
Obamas für heute geplanter Auftritt im Städtchen Martinsville im Staat Virginia wäre für einen der möglichen Kandidaten ein glattes Heimspiel: Timothy Kaine ist seit 2006 Gouverneur von Virginia. Der 50-Jährige könnte Obama helfen, im November in diesem Schlüsselstaat zu siegen. Er gilt als authentischer Politiker und Brückenbauer, als werteorientierter Mann, der sich hauptsächlich von seinen religiösen Überzeugungen leiten lässt.
Wenngleich in Virginia sehr populär, ist Kaines Name jedoch auf der nationalen Bühne nicht allen ein Begriff. Ihm mangelt es insgesamt an politischer Erfahrung, gänzlich auf dem Gebiet der Aussen- und Sicherheitspolitik, auf dem Obama besonders auf eine Stütze angewiesen ist.
Ausser dem Gouverneur gelten noch zwei Senatoren als «heisseste» Anwärter für die Nachfolge von Vizepräsident Cheney.
Der 52-jährige telegene Demokrat Evan Bayh war von 1989 bis 1997 Gouverneur von Indiana und ist seit 1998 Mitglied des amerikanischen Senats. Er verfügt über eine langjährige Erfahrung im politischen Management, die dem Präsidentschaftskandidaten Barack Obama selbst fehlt. Bayh war bereits bei den Kandidaten Al Gore (2000) und John Kerry (2004) als Vize-Kandidat im Gespräch.
Bayh ist zudem ein populärer Name in Indiana, einem Bundesstaat, der traditionell republikanisch wählt und den Obama mit Bayhs Hilfe im November gewinnen könnte. Ein schwerer Nachteil: Bayh hat einst den Irak-Krieg geradezu begeistert unterstützt.
Der 65-jährige aristokratisch wirkende Joseph Biden sitzt seit 1973 für den Staat Delaware im amerikanischen Senat und leitet dort den Auswärtigen Ausschuss. Seine Spezialität ist die Aussen- und Sicherheitspolitik. Der einstige Rechtsanwalt, der sich ebenfalls um die Präsidentschaftskandidatur 2008 beworben hatte, ist aber auch für seinen Jähzorn bekannt. Das könnte ihn zu einem Risiko für Obama machen.
Zumindest bei ihren Anhängern ist auch Hillary Clinton noch nicht abgeschrieben. Aber es wäre wohl eine grosse Überraschung, wenn die Rivalin Obamas um die Präsidentschaftskandidatur sich jetzt doch noch für das Amt des Vize entscheiden würde. Viele Beobachter gehen davon aus, dass die Chemie zwischen Barack und Clinton nicht stimmt. Ausserdem wird auf die Person Bill Clintons verwiesen, dem eine gewisse Unberechenbarkeit nachgesagt wird.
Die mit Spannung erwartete Entscheidung werden zuerst Obamas Anhänger erfahren. Schon seit Tagen können sich Unterstützer Obamas auf dessen offizieller Website registrieren, um das Ergebnis per Handy zu erfahren. Wann die SMS eintreffen soll, steht allerdings nicht auf der Seite.
Der republikanische Präsidentschaftsbewerber John McCain ging nach der monatlichen Reuters/Zogby-Umfrage in der amerikanischen Wählergunst erstmals in Führung. Würde der neue Präsident der USA jetzt gewählt, erhielte der 71-jährige McCain 46 Prozent der Stimmen. Wie aus der Umfrage weiter hervorgeht, käme sein demokratischer Gegenkandidat Obama auf 41 Prozent. Die Wähler trauen McCain vor allem mehr Wirtschaftskompetenz zu.
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