Dienstag, 06. Januar 2009, 22:52:17 Uhr, NZZ Online
Stephanie Lahrtz
Wasser ist Lebenselixier. Und als solches wird es seit Anbeginn der Menschheit auch in Form diverser Gottheiten verehrt. Ein eher unscheinbares Zeugnis solcher Anbetung findet man auch auf einer Wanderung von Steinberg auf den Guffert in der Achenseeregion in Tirol nördlich des Inntals. Auf ungefähr 1400 Metern wurden an die Wände einer Höhle in der Nähe der Gufferthütte laut Erkenntnissen der Wissenschaft vor ungefähr 2400 Jahren etruskische Inschriften angebracht, die zwar noch nicht vollständig entziffert sind, aber eindeutig auf ein Quellheiligtum hinweisen. Um nicht auch zeitgenössische Inschriften hinzukommen zu lassen, wurden die etruskischen Zeichen vergittert.
Wir huldigen an diesem Wochenende zwar keinen Nymphen, geniessen dafür aber aus vollem Herzen die Ausblicke aus verschiedenen Richtungen und Höhen auf den meistens wie ein glattes blaues Laken ausgebreiteten Achensee, der im Hochsommer sogar zu einem Badeplausch einlädt. Wir schwenken auf einen Pfad entlang des Ufers ein. In nahezu immer sanften Auf- und Abstiegen erwandern wir die kommenden Stunden die Westseite des ungefähr 10 Kilometer langen Sees; von Pertisau bis Achenkirch. Immer wieder hören wir die Wellen plätschern – und kaum einmal den Verkehr auf der gegenüberliegenden Seite. Während die Ohren sich erholen und die Augen vom Glitzern der Sonne manchmal fast geblendet werden, meldet sich auch unser Bauch. Zum Glück liegt ungefähr in der Mitte der Strecke auf einer schönen Wiese die nur per Schiff oder zu Fuss erreichbare Gais-Alm mit Restaurant und Kinderspielplatz.
Gestärkt nehmen wird dann einen etwas steileren, aber mit Halteseilen gesicherten Abschnitt in Angriff. Nun müssen wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf den stellenweise recht schmalen Pfad richten, denn trotz aller Liebe zum Wasser möchten wir doch nicht aus 10 Meter Höhe direkt an einem Steilabhang in voller Wandermontur in das kühle Nass plumpsen.
Als wir in Achenkirch ankommen, erwartet uns ein Stück Regionalkultur: das direkt am See gelegene Heimatmuseum. Ein knapp 200 Jahre alter Bauernhof gewährt Einblicke in das ehemals recht enge Nebeneinander von Mensch und Tier und den Alltag einer Bauernfamilie. Beim anschliessenden Kaffee geniessen wir den Blick auf den See und die Anlegestelle des Schiffes, das uns zurück an den Ausgangspunkt unserer Wanderung in Pertisau bringen wird. So kommen wir dem Wasser, auf dem Surfer, Segler oder Kite-Surfer mehr oder weniger elegant ihr Glück versuchen, noch ein letztes Mal an diesem Tag ganz nah.
Nach so viel Nähe drängt sich etwas Distanz auf. Deshalb fahren wir am nächsten Tag mit der Rofanseilbahn auf gut 1800 Meter Höhe. Oben erwartet uns ein wunderschöner Rundblick auf die Spitzen des Rofangebirges. Doch heute entscheiden wir uns gegen eine Besteigung zum Beispiel der laut Bergführer zwar anstrengenden, aber sogar mit älteren Kindern gut machbaren Rofanspitze und geniessen die Arvenwäldchen, Alpmatten des Panoramawegs zur Dalfazer Alm. Noch hängen Nebelfetzen um manche Bergspitzen, und auch der Blick ins Tal wird von der Regie nur ab und zu freigegeben. Doch je länger der Morgen dauert, desto wärmer wird uns, trotz nahezu ebenem Weg, unter dem strahlend blauen Himmel. Über uns ragen Felswände ebenso wie sanft geschwungene grasbewachsene Hügel auf. Und auf der gegenüberliegenden Talseite recken sich die Nadelspitzen und Bergrücken des Karwendelgebirges in die Luft. Im Süden ergänzen die Gebirgsketten der Tuxer, Zillertaler und Kitzbüheler Alpen das traumhafte Panorama. Ganz am Horizont glitzert auch der eine oder andere Gletscher in der Sonne, fast verschmilzt das Weiss des Schnees mit dem Hellblau des Himmels.
Am Nachmittag nehmen wir den von oben doch recht beachtlich erscheinenden Abstieg unter die Füsse. Knapp 800 Höhenmeter wollen in steilen Kehren und nahezu ohne längeren Auslauf bewältigt werden. Das geht in die Knie, vielleicht ist die Kindermethode mit unbekümmertem Herunterrennen und -springen doch die bessere Wahl? Nach ungefähr zwei Dritteln des Weges werden wir für unsere Mühen entschädigt, auf uns wartet nämlich ein Wasserfall mit einer Aussichtsplattform samt ergonomisch geformter, sanft geschwungener Liegebank. Die Sonne scheint, wir hören das Rauschen des Wassers, sehen kleinste Tröpfchen in allen Regenbogenfarben schillern und wollen eigentlich gar nicht mehr fort.
Schliesslich nehmen wir seufzend die Schlussetappe in Angriff, die grösstenteils durch den schattigen Wald führt. Nur der letzte Kilometer durch das Örtchen Maurach bis zum Parkplatz der Seilbahn verläuft auf geteerten Strassen und ist keine rechte Wonne mehr. Trotzdem überlegen wir auf dem Heimweg, welchen der über 500 Kilometer markierter Wanderwege der Achensee-Region wir als Nächstes in Angriff nehmen wollen. Und wenn die Beine dann morgen gar zu müde sind, könnten wir uns ja mit einer Massage mit Steinöl, das im nahen Karwendelgebirge gewonnen wird, verwöhnen lassen oder ganz faul bei einer Kutschenfahrt die Bergwelt geniessen.
Anreise: Innsbruck inklusive Flughafen liegt ungefähr 45 Autominuten entfernt. Von München benötigt man rund 1 Stunde und 30 Minuten. Rund um den Achensee und bis nach Jenbach im Inntal existiert ein regelmässiger Busverkehr. Im Sommer fährt von Jenbach eine Dampfzahnradbahn bis an den See.
Unterkunft: In allen Ortschaften rund um den See stehen zahlreiche Hotels und Pensionen, meist der mittleren bis gehobenen Preisklasse, zur Verfügung, viele davon mit Wellnessangebot.
Aktivferien: Die Achenseeregion bietet ein sehr breites Angebot für Aktivferien jeglicher Art: Sei es Wandern, Klettern, Velofahrern, Wassersport oder Golf. Und bei schlechtem Wetter sind Innsbruck und das Inntal mit diversen Kulturattraktionen eine gut erreichbare Alternative. Kinder können im täglichen Jugendprogramm auch einmal ohne Eltern klettern, reiten oder einen Piratenschatz suchen.
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