Mittwoch, 20. August 2008, 15:14:10 Uhr, NZZ Online
Marianne Faithfull im Palais X-tra
Es sei, halten zu Gnaden, das 54. Konzert der Tournee, sagt sie mit ihrer tiefen Tabakstimme, als das Publikum nach 16 Songs mehr wünscht als nur die eine Zugabe, «Strange Weather» von Tom Waits. Marianne Faithfull hat sich ganz gegeben in diesen anderthalb Stunden, freilich nicht in wilder Ekstase, sondern in der massvollen Art ihres reifen Stils, in dem keine Phrasierung zufällig ist, kein Atemzug achtlos - ja, in dem noch die Ansagen zwischen den Stücken, die selbstironischen kleinen Flirts und Verruchtheiten, die Gesten mit Zigarette, Rose und Lesebrille einer exakten Choreographie folgen.
Dass der Auftritt im gut besetzten Palais X-tra dennoch ein Rockkonzert ist und nicht nur die Retrospektive einer begnadeten Diseuse, hat viel mit der Band zu tun: den vier Rabauken aus Glasgow und Dublin, die Marianne Faithfulls Söhne sein könnten. Etwas grobe Gesellen sind es, die Balladen ertränken sie in billigem Sirup, aber rocken können sie. Beim Dreigestirn «Broken English» - «Working Class Hero» - «Why D'Ya Do It» gegen Ende des Konzerts erweist sich das Low-Budget-Konzept als segensreich: Die Kerls schuften, dass es rumpelt und kracht, die Anlage pfeift, Marianne legt sich in den Rhythmus und singt sich die Seele aus dem Leib. So soll es sein. Vergessen sind die allzu glatten Stücke aus «Kissin' Time», dem ausgiebig zitierten neuesten Opus, das trotz Gastauftritten von Beck, Billy Corgan, Blur und Jarvis Cocker ein blässliches Geschöpf geblieben ist. Vergessen ist auch, dass die hinreissende herbstliche Lady bei einem von ihr als «Porn Ballad» apostrophierten Stück verhalten gegähnt hat - ganz comme il faut mit dem Handrücken an den Lippen.
Die neuen Lieder haben im Verlauf der Tournee zwar an Kontur gewonnen; ein Opusculum wie der gut gemeinte «Song To Nico» kann jedoch neben der Urgewalt der «Ballad Of Lucy Jordan» nicht bestehen. Dieses Meisterwerk lässt einen auch 23 Jahre nach seinem ersten Erscheinen noch erschauern, und es ist gewissermassen ein Schauer von der anderen Seite her: Lag damals die berühmte Zeile «At the age of thirty- seven, she'd realised she'd never ride through Paris in a sportscar with the warm wind in her hair» für Marianne und ihre Fans noch in der Zukunft, bezeichnet sie nun einen Moment, den nicht nur die 56-jährige Sängerin, sondern auch etwa die Hälfte des bunt gemischten Publikums längst hinter sich hat. Brian McPhee, der Gitarrist, rammt in seinem Solo auf der Slide-Gitarre jegliche Nostalgie in den Boden, und Andy May am Keyboard fräst die ursprünglich sanft vibrierende Grundfigur brutal herunter: ein zugleich schmerzhafter und magischer Moment in einem reifen, souveränen Konzert, das einmal mehr zeigt: In diesem Metier ist Persönlichkeit alles.
Manfred Papst
Zürich, Palais X-tra, 6. November.
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